Fokussiert: Naomi Osaka Foto: Getty

Nie hat es im Frauentennis so viele Spitzenspielerinnen gegeben: Wer also gewinnt den Porsche Tennis Grand Prix in Stuttgart?

Stuttgart - dem neuen Jahr, so schien es, begann auch eine neue Ära. In Melbourne gewann Naomi Osaka im vergangenen Januar als erste Japanerin die Australian Open. Und weil es nach ihrem Sieg bei den US Open in New York bereits der zweite Grand-Slam-Triumph hintereinander war, gab es keinen Zweifel: Vorbei die Zeiten der ständigen Wechsel an der Spitze der Weltrangliste – diese junge Wunderspielerin, da waren sie die meisten Experten sicher, würde auf Jahre hinaus das Frauentennis prägen wie vor ihr Steffi Graf oder Serena Williams.

Ein Vierteljahr später lässt sich konstatieren: Der Sturm, mit dem Naomi Osaka angesetzt hat, die Tenniswelt zu erobern, hat sich vorerst zur Brise abgeschwächt. Zwar steht die 21-Jährige noch immer an der Spitze der Weltrangliste und ist demnach auf dem Tableau des Porsche Tennis Grand Prix in Stuttgart ganz oben notiert. Auf den zweiten Turniersieg in diesem Jahr aber wartet die junge Frau auch weiterhin. Zuletzt unterlag Naomi Osaka in Miami bereits in der dritten Runde.

Wer nimmt den Sportwagen nach Hause?

Ein Trost mag es sein, dass es der Konkurrenz nicht besser ergangen ist. Mehr als einen Titel konnte in diesem Jahr noch keine Spielerin gewinnen. Bei bislang 18 Turnieren auf der WTA-Tour gab es ebenso viele verschiedene Siegerinnen. Routiniers wie die Deutsche Julia Görges (30) und die Tschechin Petra Kvitova (29) sind darunter, aber auch blutjunge Emporkömmlinge wie die US-Amerikanerin Amanda Anisimova (17) oder die Kanadierin Bianca Andreescu (18), die durch ihren Finalsieg gegen Angelique Kerber (31) völlig überraschend in Indian Wells gewann.

Acht der 18 Turniersiegerinnen sind nun in der Porsche-Arena vertreten: neben Görges, Kvitova und Osaka die Chinesin Qiang Wang, Elise Mertens (Belgien), Karolina Pliskova (Tschechien) Kiki Bertens (Niederlande) und Belinda Bencic (Schweiz). Niemand vermag vorherzusagen, ob es eine von ihnen sein wird, die den Sportwagen mit nach Hause nimmt, oder eine ganz andere. Es wie eine große Lotterie, bei der alles passieren kann.

Von klein auf gestählte Teenager kommen auf die Tour

„Vor zehn Jahren war es nahezu ausgeschlossen, dass die Nummer 100 in der Welt gegen die Fünfte gewinnen“, sagt Barbara Rittner, die Chefin der deutschen Tennisfrauen. Heute geschieht es, dass Julia Görges mit einem Turniersieg in Auckland ins Jahr startet, um kurz darauf in der ersten Runde der Australian Open zu scheitern. „Ganz egal, wie die Auslosung ist“, sagt sie, „du kannst nie sicher sein, dein Erstrundenspiel zu gewinnen. Der Ranglistenplatz und das Alter sagen fast nichts mehr aus. Alle haben die gleiche Chance.“

Es ist ein Phänomen, das nicht allein die Frauen betrifft. Bei den Männern gab es in diesem Jahr bei 21 Turnieren 20 unterschiedliche Sieger – einzig Altmeister Roger Federer gelang es, zwei Pokale zu holen. Woran liegt es, dass es auf der Tour heutzutage so viele Spielerinnen und Spieler gibt, die Turniere gewinnen können?

Einerseits hat die zunehmende Professionalisierung des Tennis dazu geführt, dass immer mehr perfekt ausgebildete Athleten auf die Tour kommen, topfitte, in Akademien von klein auf gestählte Teenager. Andererseits erlauben es die in den vergangenen Jahren sprunghaft gestiegenen Preisgelder nicht mehr nur einer Handvoll Spitzenspieler, mit großem Betreuerteam durch die Welt zu reisen. Spätestens von Weltranglistenposition 50 an reichen in der Regel die Einkünfte, um sich von Athletiktrainern, Ernährungsberatern oder Mentalcoaches begleiten zu lassen. „Es wird nichts mehr dem Zufall überlassen“, sagt Barbara Rittner, „die Profis reizen heute alle Möglichkeiten aus, um ihr Leistungsvermögen zu optimieren.“

Die ständigen Wechsel an der Spitze sorgen für Spannung

Während bei den Männern zwar die Turniersieger wechseln, an der Spitze der Weltrangliste sich aber seit Jahren die Jahrhundertsportler Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic abwechseln, ist bei den Frauen der ständige Wechsel die einzige Konstante. In Stuttgart hatten neben der aktuellen Nummer eins, Naomi Osaka, dieses Jahr ursprünglich fünf ehemalige Weltranglistenerste gemeldet. Nach den kurzfristigen Absagen von Simona Halep (Rumänien) und Garbine Muguruza (Spanien) sind es mit Angelique Kerber, der Titelverteidigerin Karolina Pliskova und der Weißrussin Victoria Azarenka immerhin noch drei. Da kann man als Zuschauer schon mal durcheinander kommen. „Für die Identifikation des Publikums“, sagt Turnierdirektor Markus Günthardt, „ist es sicher nicht förderlich, wenn dauernd neue Namen ganz oben stehen.“ Auf der anderen Seite, findet Barbara Rittner, sorge der Wechsel „für große Spannung“.

Nach einem Freilos in der ersten Runde steigt Naomi Osaka am Donnerstag ins Turnier ein – und wird schon zittern. Ihre Gegnerin könnte Su-Whei Hsieh aus Taiwan sein, die 33-Jährige. der das Wunderkind zuletzt in Miami unterlag.

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