Roger Federer verabschiedet sich von den Fans in Wimbledon. Wird er wiederkommen? Foto: Imago/Paul Zimmer

Nach seinem bitteren Aus im Viertelfinale von Wimbledon stellt sich der Maestro aus der Schweiz eine ganz grundsätzliche Frage: Wie soll seine Tenniskarriere weitergehen? Vieles spricht dafür, dass sich der bald 40-Jährige noch einen letzten großen Wurf zutraut.

London/Stuttgart - Dem König von Wimbledon war gerade ein ordentlicher Zacken aus der Krone gebrochen – doch die Tennisfans im Mekka des weißen Sports waren sich in ihrem Urteil trotzdem einig. „One more year!“, „one more year!“, skandierte das Publikum auf dem Centre-Court, erhob sich gleichzeitig für Ovationen im Stehen von den Sitzen – und forderte vehement eine Zugabe im nächsten Jahr. Denn so bitter, da war sich die Tennisgemeinde an der Church Road völlig einig, sollte die große, inzwischen zwanzig Jahre andauernde Regentschaft des Rekordchampions Roger Federer in seinem Londoner Wohnzimmer dann doch nicht zu Ende gehen.

 

Boris Becker ist erstaunt

„Es ist normal, Fehler zu machen, aber wenn du so ein Perfektionist wie Roger Federer bist, ist das bitter. Einige dieser Fehler waren nicht aus seiner Liga. Er hatte überhaupt kein Timing“, urteilte der dreimalige Wimbledon-Sieger Boris Becker als TV-Kommentator der britischen BBC vor Ort über das verlorene Viertelfinale des Schweizer Maestros gegen Hubert Hurkacz, 24, die Nummer 14 der Setzliste.

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Dabei hatte der achtfache Turniersieger bei der 14. Wimbledon-Niederlage seiner Karriere gegen den Polen erst zum dritten Mal in einem Match auf dem heiligen Rasen überhaupt keinen Satz gewinnen können. Mehr noch: Beim 3:6, 6:7 (4:7), 0:6 kassierte der bald 40 Jahre alte Schweizer im dritten Satz das, was man in England in Anlehnung an ein kreisrundes Hefegebäck mit einem Mittelloch einen „Bagel“ nennt, ein bitteres 0:6 ohne eigenen Spielgewinn – die Höchststrafe also. Zu chancenlos war Federer zum Ende der Partie.

Hat er den richtigen Zeitpunkt für sein Karriereende etwa bereits verpasst? Klar ist: Auf seinem Lieblingsbelag Rasen hatte der 20-fache Grand-Slam-Sieger in seiner gesamten Karriere erst einmal ein 0:6 hinnehmen müssen. Das war in seinen Anfängen 1999, als der junge Tennis-Grünschnabel aus Basel sein Auftaktmatch im Londoner Queen‘s Club gegen Byron Black verlor.

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Es dauerte nach der Niederlage gegen Hurkacz eine gute Stunde, ehe Federer im Presseraum des All England Club seinen blauen Mundschutz abnahm, sein Handy zur Seite legte – um danach seine Sicht der Dinge zu schildern. Wird der große Dominator der letzten beiden Tennisdekaden, der in Wimbledon seinerseits 2001 mit einem Viertelfinalsieg über Pete Sampras die Regentschaft des Amerikaners beendet hatte, an die Church Road zurückkehren? Wird er überhaupt weitermachen?

Federer überlegt, wie es weitergehen soll

„Ich weiß es jetzt wirklich noch nicht“, erklärte Roger Federer – und er klang dabei glaubhaft: „Ich muss jetzt erst einmal das Geschehene analysieren. Diese Partie war hart. Die letzten Spiele im letzten Satz, wenn dir klar ist, dass du nicht mehr zurückkommst. So eine Situation bin ich ja nicht so gewohnt, besonders nicht hier.“ Bereits bei seinem Comeback auf der Tour im März dieses Jahres hatte Federer nach 15 Monaten Tennispause eine Reise ins Ungewisse angetreten. Zwei Knieoperationen hatte der vierfache Familienvater über sich ergehen lassen müssen. Aufgrund seines Turnierlebens in der Spieler-Blase musste er in London erstmals überhaupt ohne die Ehefrau Mirka und die Kinder auskommen. Den Operationen waren eine lange Rehaphase und schließlich die Rückkehr auf den Court gefolgt. Klar war immer, dass Wimbledon im Fokus des Tennisjahres des Roger Federer steht. „Ich will auf keinen Fall überziehen“, erklärte er während der French Open, als er nach seinem gewonnenen Drittrundenmatch gegen Dominik Koepfer freiwillig zurückzog.

Jetzt stellt sich der alternde Tennis-Gigant, der am 8. August 40 Jahre alt wird, bezüglich seiner Tenniskarriere selbst ganz grundsätzliche Fragen: „Wo und wie geht die Reise weiter?“, erklärte Federer: „War es so gut, wie ich dachte, oder schlechter?“ Er sei nach 18 harten Monaten immerhin „froh, dass ich es bis ins Viertelfinale geschafft habe. Aber jetzt am Schluss habe ich wieder gemerkt, dass etwas Entscheidendes fehlt.“

Geplant war ursprünglich, dass der Schweizer mit der Erfahrung von 103 Einzeltiteln noch bei Olympia und im Spätsommer bei den US Open antritt. Viel Zeit zur Erholung und Entscheidungsfindung bleibt Federer also nicht. Das Tennisturnier in Tokio startet bereits am 24. Juli mit der ersten Runde. Doch es könnten auch wirtschaftliche Erwägungen für einen Olympiastart des 39-Jährigen sprechen. Schließlich ist Federer erst 2018 zu einem japanischen Ausrüster gewechselt, der ihm für zehn Jahre die sagenhafte Gage von 250 Millionen Euro garantierte.

Ein Nickerchen tut gut

Das Karriereende des Roger Federer steht also nach Stand der Dinge noch nicht unmittelbar bevor. Denn vieles spricht dafür, dass sich der Maestro noch einen letzten großen Wurf zutraut. Nachdem er die große Bühne in Wimbledon verlassen hatte, hatte der Champion aus der Schweiz sowieso ganz anderes im Sinn. „Ich könnte“, sagte Roger Federer zu der nachlassenden Anspannung nach einem bedeutenden Turnier, „jetzt erst mal ein Nickerchen machen.“