Der Kanadier Felix Auger-Aliassime spielt mit Begeisterung Klavier und Tennis. In Wimbledon hat er den Deutschen Alexander Zverev aus dem Turnier geworfen – und wenn er so weitermacht, steht ihm eine große Zukunft bevor.
Stuttgart - Nicht schon wieder er. Nicht schon wieder Matteo Berrettini. Der Kanadier Felix Auger-Aliassime dürfte nicht gerade erfreut gewesen sein über seinen nächsten Gegner in Wimbledon. Es ist an diesem Mittwoch im Viertelfinale ausgerechnet der Italiener Berrettini, gegen den er im Jahr 2019 bereits das Endspiel auf dem Weissenhof verlor. Und an all seine Finalteilnahmen auf der ATP-Tour denkt das 20 Jahre alte Supertalent aus Québec-City ganz sicher ungern zurück. Achtmal schaffte er es auf die vorletzte Stufe eines höherwertigen Turniers – und achtmal verlor er.
Da kann man schon vom Glauben abfallen, irgendwann muss es doch klappen. Vor wenigen Wochen beim Mercedes-Cup in Stuttgart war es ja wieder so. Da verlor er abermals das Finale auf dem Weissenhof, diesmal gegen den 32 Jahre alten Kroaten Marin Cilic. Als Sportsmann, der der US-Open-Sieger von 2014 ist, prognostizierte Cilic seinem Kontrahenten Auger-Aliassime eine fabelhafte Zukunft. Doch als dann nach dem Finale die Reden der Offiziellen abgehalten wurden, worunter sich auch eine von Stuttgarts OB Frank Nopper langatmig verfasste Aneinanderreihung von Boris Beckers besten Sprüchen befand, da schaute der Verlierer untröstlich zu Boden. Er war niedergeschlagen und verstand die Welt nicht mehr.
Aufgeben gibt es nicht
Das Gute ist: Felix Auger-Aliassime steht immer wieder auf. In Wimbledon hat er nun den an Nummer vier gesetzten deutschen Topspieler Alexander Zverev aus dem Turnier geworfen. Nach einem unfassbaren Kraftakt über fünf Sätze, mit Höhen und Tiefen auf beiden Seiten, mit allem, was einen gelungenen Tennisnachmittag auf dem heiligen Rasen von Wimbledon eben ausmacht, gelang ihm das. Dieser Sieg zeigt, dass sich der Kanadier nicht von seinem Weg abbringen lässt. Irgendwann will er ganz oben stehen. Die Experten sind sich ja auch überwiegend einig, dass er das schafft. Ob es dem Nordamerikaner dabei immer guttut, dass sie ihn als Roger Federer der Zukunft bezeichnen, ist zu bezweifeln. Gewisse Parallelen tun sich allerdings auf.
Der Kanadier wurde ebenfalls am 8. August geboren wie der Schweizer, der allerdings 19 Jahre älter ist. Und genauso wie Federer stand er mit 18 Jahren in seinem ersten Finale auf der ATP-Tour – das er jedoch wie auch der 20-fache Grand-Slam-Sieger verlor. Felix Auger-Aliassime stellte bei den Junioren zahlreiche Rekorde auf, und wie Federer gilt er als nahezu perfekter Spieler, als ein Mann ohne große Schwächen. Er ist sicher an der Grundlinie, aggressiv am Netz und stark beim Aufschlag. Mit seinen 1,93 Meter Körperlänge erstaunt überdies seine Beweglichkeit. Nur: Er zeigt oft noch Nerven und macht leichte Fehler. Er schafft es, mehrmals nacheinander einen Ball nicht nur ins Aus, sondern direkt an die Bande hinter dem Gegenspieler zu donnern. Oft will er zu viel.
Ehrgeiz ist vorhanden
Das wird sich geben. Ehrgeizig ist er. „Ich glaube, dass ich schon während meiner Ausbildung und auf meinem Weg ins Profitennis eine gute Mentalität hatte“, sagt der Tennisspieler, den viel verbindet mit seinem Landsmann Denis Shapovalov (22). Die beiden Kanadier werden als künftige Grand-Slam-Sieger hoch gehandelt. Sie sind in der Tennisjugend miteinander groß geworden, spielen oft Doppel und bezeichnen sich als „Bros“, also Brüder. „Wir sind enge Freunde, seitdem wir zusammen Doppel gespielt haben. Unsere ‚Bromance‘ hat dann begonnen. Schaut euch an, woher wir gekommen sind. Seine Familie ist aus Russland, er ist blond. Ich bin Halb-Afrikaner. Wir haben unterschiedliche Geschichten, aber was uns verbindet, ist die Liebe zum Spiel“, sagt Felix Auger-Aliassime über sich und seinen besten Freund, der als Zwölfter der Weltrangliste sieben Plätze vor ihm liegt.
Aber auch das ist der neue Star aus Kanada: ein musisch hoch veranlagter Feingeist. Seit er sieben Jahre alt ist, spielt er Klavier. Beides sei trainingsintensiv, sagt er, Tennis und Klavierspielen. Und wie auch beim Tennis gerate er an den Tasten in einen Flow. „Bei beiden Dingen vertraue ich meinem Instinkt“, sagt Felix Auger-Aliassime, der in Wimbledon eine fehlerfreie Sonate spielen sollte – damit Berrettini das Lachen vergeht.