Porsche-Tennis-Grand-Prix in Stuttgart Das späte Glück der Laura Siegemund

Von Heiko Hinrichsen 

Hat in Stuttgart nichts zu verlieren: Laura Siegemund aus Metzingen Foto: Baumann
Hat in Stuttgart nichts zu verlieren: Laura Siegemund aus Metzingen Foto: Baumann

Mit 28 Jahren spielt die Metzingerin so gut wie nie zuvor. Noch ein Sieg fehlt ihr beim Porsche Tennis Grand Prix zum Einzug ins Hauptfeld. „Ich sehe jetzt vieles lockerer“, sagt sie.

Stuttgart - Noch muss sie sich auf Court Number One durchbeißen. Das ist jener Außenplatz beim Stuttgarter Tennis Grand Prix, auf dem traditionell diejenigen spielen, für die auf der Tour nicht regelmäßig der rote Teppich ausgerollt wird. Doch Laura Siegemund ist ein unerschrockener Charakter. „Ich liebe es, das Spiel zu machen“, sagt sie – und schaltet auch diesmal schnell in den Angriffsmodus . Immer, wenn ihr ein wichtiger Punkt gelingt, ballt sie die Faust – und feuert sich mit einem „Yes!“ selbst an.

„Nur wenn ich locker bin, dann spiele ich auch gut“, erklärt Laura Siegemund dann, als sie die klar unterlegene Bulgarin Sesil Karatantcheva in der zweiten Qualifikationsrunde mit 6:3 und 7:5 bezwungen hat. Nur ein Sieg an diesem Montag gegen die Slowenin Polona Hercog – und die Lokalmatadorin aus Metzingen ist beim Porsche Grand Prix erstmals im Konzert der Großen angekommen. Doch derlei Gedankenspiele interessieren Siegemund nicht: „Ich lebe gerne im Hier und Jetzt – und nehme mir die Zeit, Siege zu genießen.“

Immerhin hat es Momente gegeben, da ist es um die Angriffslust der Laura Siegemund nicht allzu gut bestellt gewesen. In den Jahren 2012 und 13 hat die 28-Jährige, die inzwischen in Stuttgart-Heslach lebt, eine Tennispause eingelegt. Neun Mal in Serie war sie zuvor beim Versuch gescheitert, bei einem WTA-Turnier ins Hauptfeld einzuziehen. Als sie dann noch ein Bänderriss stoppte, „da wollte ich das Profitennis schon an den Nagel hängen“. Einen Plan B hatte der Lockenkopf ja immerhin in der Tasche: ein Studium der Psychologie an der Fernuniversität Hagen. „Versagen unter Druck“, so lautet der Titel ihrer abschließenden, mit 1,3 benoteten Bachelorarbeit. Auch das verrät etwas über die Leiden einer Leistungssportlerin.

Vor 16 Jahren galt sie als neue Steffi Graf

Schließlich ist es eine unglückliche Fügung gewesen, dass Laura Siegemund im Jahr 2000 als Zwölfjährige in Key Biscayne die „Orange Bowl“ gewann, eines der bedeutendsten Nachwuchsturniere der Welt. Gerade ein halbes Jahr war das nach dem Rücktritt von Steffi Graf, als Tennis-Deutschland eifrig auf der Suche nach einem neuen Star war. Als „Fräulein Tenniswunder“ wurde Siegemund hoch gejubelt – sogar der „Spiegel“ widmete dem Energibündel eine Geschichte.

„Ich bin inzwischen als Mensch gereift. Früher wollte ich die Siege zu arg. Das hat mich blockiert“, sagt Siegemund, die 1988 in Filderstadt geboren wurde. Zu einem Zeitpunkt also, als Martina Navratilova die weibliche Tenniswelt regierte – und sich im Plattenhardter Weilerhau bereits vier ihrer letztlich 167 Einzeltitel abgeholt hatte. Doch so richtig durchgestartet ist Siegemund auf der weiblichen Tour dann nicht. Sie dümpelte lange irgendwo zwischen den Positionen 200 und 400 in der Weltrangliste umher.

„Mein Aufschwung hat viele Faktoren, denn der Knackpunkt ist nie nur eine Sache“, sagt sie. Siegemund ernährt sich jetzt anders, spielt anders – und vor allem: sie denkt anders. „Meine Perspektive hat sich verändert.“ Mit Erfolg. 2016 läuft es bisher bestens: Bei den Australian Open hat Siegemund die dritte Runde erreicht, ehe sie gegen Annika Beck ausschied. Vor Stuttgart hat die 28-Jährige Anfang des Monats beim Turnier in Charleston (USA) gespielt, kam dort bis ins Viertelfinale.

Aktuell rangiert die Metzingerin an Position 71 der Weltrangliste – so gut stand es sportlich um die 1,68 Meter große Athletin noch nie. Und wer wie Siegemund allein elf Mal in der Qualifikation scheiterte, ehe es 2015 in Wimbledon endlich zum Einzug in das Hauptfeld eines Grand-Slam-Turniers reichte, der ist für das Glück einer Spätberufenen dankbar. Das zeigt sich etwa, wenn sich Siegemund nach ihrem Match lange Zeit nimmt, um auch den letzten Autogrammwunsch zu erfüllen. „Ich gehe mit meinen Siegen jetzt locker um“, sagt sie. Einer fehlt noch, dann spielt auch für Laura Siegemund in Stuttgart auf der großen Tennis-Bühne die Musik.

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