Die Autobahn 81 teilt die Stadt Freiberg am Neckar und bringt viel Lärm mit. Die Kommune im Kreis Ludwigsburg kämpft seit Jahrzehnten um einen besseren Schutz, wird aber immer wieder vertröstet.
Bei Mario Wildermuth im Brillenladen klingt das Thema Lärm hin und wieder an. „Die Bürger leben damit, haben sich zum Teil abgefunden, wünschen sich aber sehnlichst Verbesserungen.“ Der Augenoptiker Wildermuth arbeitet im Freiberger Zentrum. Als Stimmenkönig in Diensten der Freien Wähler kennt er die jahrzehntelange Leidensgeschichte, die mit der Autobahn 81 und ihren Fahrgeräuschen verbunden ist. Trotz vieler ernüchternder Momente will der stellvertretende Bürgermeister im Kampf gegen den Lärm nicht aufgeben.
Die Autobahn GmbH des Bundes winkt bei Tempo 100 ab
Zuletzt bot sich der Stadt in den Jahren 2020 und 2021 die Chance, zumindest Tempo 100 auf dem stadtnahen Abschnitt der A 81 zu erreichen. So lautete die Forderung im Lärmaktionsplan schon 2008, doch die Autobahn GmbH des Bundes winkte auch diesmal ab. Nur ein Dezibel weniger Lärm brächte es, wenn das Tempolimit von 120 auf 100 Kilometer pro Stunde abgesenkt würde. „Dieser Wert liegt in einem kaum hörbaren beziehungsweise wahrnehmbaren Bereich“, heißt es in einer Stellungnahme der Autobahn GmbH.
Ein weiteres Argument der Autobahn GmbH: Lastwagen über 3,5 Tonnen dürften flächendeckend sowieso nicht schneller als 80 Kilometer pro Stunde fahren. Gerade deshalb sei nicht mehr als der besagte eine Dezibel als Minderung möglich. Es müsste aber mindestens eine Lärmsenkung von drei Dezibel nachgewiesen werden. Das fordere die relevante Richtlinie für den Lärmschutz im Straßenverkehr. Laut Autobahn GmbH lägen nur wenige Gebäude in Freiberg über den Orientierungswerten von 70 Dezibel tagsüber und 60 Dezibel nachts.
Die Freiberger Stadtverwaltung ist enttäuscht
Der Lärm in Freiberg stellt sich vom Schreibtisch im fernen Berlin anders dar als in der 16 000-Einwohner-Stadt selbst. „Das Thema ist weiterhin präsent, damit verbunden auch eine omnipräsente Unzufriedenheit“, teilt Tanja Bremer, Pressesprecherin der Stadt Freiberg, mit. Dass die Stadt vor etwa drei Jahren leer ausging, empfand die Freiberger Verwaltung als absolut enttäuschend. „Wir hatten Äußerungen aus der Politik so interpretiert, dass die Chancen auf Umsetzung hoch sind.“
Stellt sich die Frage, ob die jetzt eingeläutete neue Runde für den Lärmaktionsplan des Landes eine Wende bringen könnte. Die Richtlinien sollen anwohnerfreundlicher sein. Entgegen der Einschätzung der Autobahn GmbH hatte die Freiberger Stadtverwaltung bereits 2020 einen relativ hohen Bedarf erkannt und 60 Gebäude mit rund 220 Menschen im Einzugsbereich der Autobahn genannt, die mit Werten im gesundheitskritischen Bereich leben müssen.
In Gang kommen wird die Initiative der Freiberger aber erst frühestens im kommenden Jahr. „Wir müssen zunächst Daten, Fakten und Zahlen sichten und abarbeiten“, sagt Tanja Bremer. Möglicherweise schalte die Stadt ein Ingenieurbüro ein. „Wir gehen von einer Beratung im Gemeinderat im Januar 2024 aus.“ Außerdem hoffe man auf die Unterstützung der Politik.
Die aktuellen Berechnungsmethoden sprechen gegen Tempo 100
Die Bundespolitiker müssten jedoch die gesetzlichen Grundlagen ändern, denn: „Die aktuellen Ergebnisse der landesweiten Lärmkartierung sind hier nicht maßgeblich“, teilt eine Sprecherin der Autobahn GmbH mit. Das liege daran, dass die für die Lärmkartierung relevante „Berechnungsmethode für den Umgebungslärm von bodennahen Quellen (BUB)“ mit der Methodik der „ Richtlinien für den Lärmschutz an Straßen (RLS-90)“ nachgerechnet und beschieden werden müsse – auf dieser Basis aber sei Tempo 100 auf Höhe Freiberg nicht möglich.
Die Hoffnungen ruhen auf einem Autobahndeckel
Verständnis für den Frust der Freiberger hat der CDU-Bundestagabgeordnete Fabian Gramling: „Ich kenne keine Stadt in Deutschland, die so von Lärm beeinträchtigt ist.“ Er hoffe auf eine zügige Sanierung der Brücke nach Pleidelsheim, da von ihr starke Rüttelgeräusche ausgingen. Zudem liege der Autobahn GmbH jetzt die Machbarkeitsstudie der Stadt für den 400 Meter langen Deckel über die Autobahn auf Höhe des Zentrums vor. Gramling hatte 2018 das Projekt mit der Stadt und der Aussicht auf Mittel der Internationalen Bauausstellung IBA 27 angeregt, um damit die beschlossene Verbreiterung der A 81 auf vier Spuren zugunsten der Stadt zu nutzen. Eine 450 Meter lange Landschaftsbrücke statt der alten Brücke könnte das Stadtzentrum aufwerten. Eine rechtzeitige Realisierung für die IBA 27 ist aber nicht in Sicht. Kritiker halten Erschütterungen durch den Autobahnverkehr in den Wohnungen auf der in Leichtbauweise geplanten Brücke für möglich.
Den Dauerlärm durch die Autobahn in Freiberg kennt auch der Ludwigsburger SPD-Bundestagsabgeordnete Macit Karaahmetoğlu: „Die Forderung nach einem Tempolimit wegen Lärm- und Gesundheitsschutz findet leider noch zu wenig Unterstützung.“
Mehr gegen den Lärm auf Autobahnen wollen die Grünen erreichen, teilt der Nürtinger MdB Matthias Gastel als Mitglied des Verkehrsausschusses mit. Das Straßenverkehrsgesetz sei schon zugunsten des innerörtlichen Lärmschutzes geändert worden. Jetzt müssten Tempolimits auf der Autobahn erleichtert werden.
Was bringt Flüsterasphalt für den Lärmschutz?
Lärmschutz
Zuletzt ist im Jahr 2019 Flüsterasphalt auf der A 81 bei Freiberg aufgetragen worden. Der offenporige Asphalt schluckt mit seinem Hohlräumen Schall und kann den Lärm bei einer Reduzierung um drei Dezibel gefühlt halbieren – allerdings kann bei Stop-and-Go-Verkehr der Reifenabrieb diese Wirkung erheblich vermindern. Ein Trost: Fahren Autos mit hohen Geschwindigkeiten über den Reifenabrieb, wird der Flüsterasphalt freigefahren und funktioniert wieder.
Haltbarkeit
Der Flüsterasphalt nutzt sich nach etwa sieben Jahren ab. Das ist bei einem hohen Verkehrsaufkommen wie auf der A 81 bei Freiberg mit etwa 135 000 Fahrzeugen am Tag der Fall. So war dort einige Jahre zuvor schon einmal Flüsterasphalt aufgetragen worden.
Schallschutzwände
Auch Wände bringen etwas. Zuletzt war 2020 eine 300 Meter lange Wand bei Geisingen erneuert worden.