Foto: Beytekin

Demonstranten gegen Stuttgart 21 haben der Hitze getrotzt - Bilder sehen Sie hier!

Stuttgart - Es war ein ganz heißer Tag. Trotz Sommerhitze um 35 Grad im Schatten sind am Samstag Tausende auf die Straße gegangen, um den Machern des Tiefbahnhofprojekts Stuttgart21 einzuheizen - ein mächtiger, aber friedlicher Protest.

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Das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 hat gerufen - und Tausende folgen am Samstagmittag dem Ruf zum Sternmarsch in Richtung Innenstadt und zum Protestival, einem Mix aus Kundgebung, Livemusik etwa von Max Herre und Kabarett.

13.30 Uhr belegen im Schlossgarten vor dem Planetarium clevere Demonstranten die Schattenplätze unter den mächtigen Parkbäumen, die für Stuttgart21 fallen sollen. Die Sonnenflächen außerhalb der Schattenoasen überlassen sie den Sternmarschierern, die sich im Schweiße ihres Angesichts gegen 14 Uhr von Cannstatt, vom Stöckach, vom Berliner Platz oder vom Wilhelmsplatz aus dem Schlossgarten nähern. Ein zwischen die mächtigen Äste einer alten Platane gespanntes Transparent verkündet: "Gegen unsere Lebendigkeit seid ihr machtlos". Gerade in der tropischen Hitze des Protesttags wird klar, wie sehr die Schatten und Sauerstoff spendenden Baumkronen möglicherweise einmal vermisst werden.

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Als die Kundgebung gegen 14.15 Uhr beginnt, haben sich nach Angaben des Veranstalters knapp 20 000 Gegner des Bahnprojekts versammelt. Die Polizei spricht von rund 5000 Teilnehmern. Neben Politikern und Mitgliedern von Umweltorganisationen melden sich Vertreter der Kultur wie der Schauspieler Walter Sittler und der Stuttgarter Krimi-Autor Wolfgang Schorlau zu Wort. Fast alle der elf Redner kritisierten Stuttgart 21 als Projekt gegen den Willen der Bevölkerungsmehrheit und fordern einen Wechsel der politischen Gewichte auch auf Landesebene bei den Landtagswahlen 2011.

Unter tosendem Beifall brandmarkt Walter Sittler Stuttgart 21 als "Kannibalen", der das Geld der Stadt, der Steuerzahler und des Landes ebenso auffresse wie die wichtigsten Verkehrsprojekte für die Region. Es gebe ein Kartell, das man eher beim italienischen Ministerpräsidenten "Berlusconi und seinen Hintermännern vermutet hätte, bestehend aus Baukonzernen, Banken, Firmen, Verkehrswissenschaft und vor allem der Politik".

Genüsslich erinnert Sittler daran, dass die Ausschreibung für den Nesenbachdüker, der wegen des Tiefbahnhofs verlegt werden muss, habe zurückgezogen werden müssen. Statt weiterzubauen sollten sich im Herbst alle Parteien, Sozialexperten und Künstler zusammensetzen und "ergebnisoffen diskutieren, was Stuttgart und das Land wirklich brauchen, auch die Alternativen zu Stuttgart 21 unter Erhalt des Kopfbahnhofs, die längst auf dem Reißbrett liegen".

Irmela Neipp-Gereke, Kreisvorsitzende und Regionalrätin der Grünen, verweist auf Pannen, welche die Fahrgäste schon jetzt wegen Stuttgart 21 in Kauf nehmen müssten. Dabei gehe es bisher nur um Arbeiten im Gleisvorfeld und noch gar nicht um die "hochriskanten Arbeiten wie Tunnelbohrungen im unwägbaren Gipskeuper oder die Tieferlegung des Nesenbach-Abwasserkanals mit allen Gefahren für die Mineralquellen". Fehlende Planunterlagen, nicht vorhandene Genehmigungen und Kostenexplosionen hätten nun auch die wichtigsten Bahnprojekte der Region - die S-Bahn-Ringschlüsse S60 zwischen Böblingen und Renningen und S40 zwischen Marbach und Backnang - um Jahre zurückgeworfen. Pleiten und Pannen müssten das Signal sein, "die Notbremse zu ziehen, ehe es zu spät ist".

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