Direkt nach dem 18. Geburtstag ließ sich June Rokushika das erste Mal tätowieren. Fünf Jahre später sind seine Ober- und Unterarme reich mit Tinte geschmückt. Foto: Motockney Nuquee

Im Unterschied zu anderen Ländern der freien Welt haben Tätowierungen in Japan bis vor Kurzem noch als Erkennungszeichen für Aussätzige und Kriminelle gegolten. Jetzt aber boomen Tattoos. Das hat auch mit dem Reiz des Widerstands zu tun.

June Rokushika krempelt über der linken Schulter sein T-Shirt hoch. „Ich war gerade 18 geworden. Am Nachmittag meiner letzten Zeugnisübergabe in der Schule ging ich zu einem Tattoostudio in Tokio und verlangte, dass ich endlich ein Tattoo kriege.“ Schon als 17-Jähriger war Rokushika bei jenem Studio gewesen, wurde vom Betreiber aber wieder heimgeschickt. „Als volljähriger Schulabgänger konnte er mich nicht mehr ablehnen. Dann bekam ich meinen Stich“, erinnert sich Rokushika und lacht laut.

 

Denn solche Kunden, wie er selbst mal einer war, kommen heute regelmäßig zu June Rokushika. „Das Interesse an Tätowierungen wird immer größer“, sagt der mittlerweile 23-Jährige, dessen Ober- und Unterarme reich mit Tinte geschmückt sind. Sein erstes Tattoo – in der Form eines klobigen Gewichts – wurde mehrfach übertätowiert. „Damals ging es mir nur darum, sagen zu können: Seht her! Ich hab’ ein Tattoo!“ Ein Statement habe der junge Mann abgeben wollen, nach dem Motto: „Was ihr denkt, ist mir egal! Ich mach’ mein Ding.“

Kaum ein Promi ist in Japan tätowiert

Und das war mutig. In Japan, dem Heimatland von June Rokushika, sind Tätowierungen bis heute ein heikles Thema. In anderen freien Gesellschaften sind sie längst Teil des Mainstreams geworden, erregen in der Öffentlichkeit kein Aufsehen mehr. Im ostasiatischen Land aber bleiben sie ein Tabu, denn konservative Gemüter verstehen sie als Erkennungsmerkmale für Mitglieder der Yakuza, der japanischen Mafia. Wer ein Tattoo trägt, gilt in Japan noch immer als Aussätziger. Kein Fußballstar, kaum ein Promi ist hier tätowiert.

Aber June Rokushika, ein schlanker Typ mit blond gefärbten Haaren, gehört zu einer Generation, die das nicht interessiert und die beginnt, mit ihrem eigenen Geschmack die Gesellschaft umzukrempeln.

„Nach der Schule bin ich für ein Jahr in die USA gegangen“, erzählt Rokushika, „da sah ich, dass Tattoos dort überhaupt nichts Besonderes sind. Foto: Motockney Nuquee

„Als ich damals mein erstes Tattoo machte, hatten mehrere Leute zuerst richtig Angst vor mir“, erinnert sich Rokushika. Seit er mitten in der Pandemie am Südrand von Tokio sein eigenes Studio eröffnete, kommen nun fast täglich neue Anfragen. „Öfter muss ich Kunden vertrösten oder weitervermitteln, weil ich nicht alle aufnehmen kann.“ Jedes Motiv steche er individuell.

Japan erlebt einen kleinen Tattooboom: Laut einer durch die Onlinemarketingfirma Nexer in Auftrag gegebenen Umfrage aus dem Jahr 2021 haben rund drei Prozent der Erwachsenen im Land ein Tattoo. Das ist ein sehr kleiner Anteil im internationalen Vergleich. Eine andere Erhebung ergab 2018, dass etwa in Italien und den USA knapp die Hälfte der Erwachsenen ein Tattoo haben, in Spanien und Großbritannien gut 40 Prozent und in Deutschland mehr als ein Drittel. Allerdings hat sich der Anteil in Japan im Vergleich zum vergangenen Jahrzehnt offenbar verdoppelt.

„In den USA hat niemand meine Arme angestarrt“

Was ist passiert? June Rokushika erzählt von einer Erfahrung, die viele Altersgenossen gemacht haben: „Nach der Schule bin ich für ein Jahr in die USA gegangen. Da sah ich, dass Tattoos dort überhaupt nichts Besonderes sind. Meine Arme hat niemand angestarrt.“ Andere junge Menschen erfahren dies nicht durch Auslandsaufenthalte, sondern durch soziale Medien. Denn dort – dies besprechen mittlerweile auch japanische Zeitungen – ist Tattookunst immer häufiger für alle sichtbar und gilt als cool.

Erst im Jahr 2017 hatte ein Gericht in Osaka geurteilt, dass ein Betreiber eines Tattoostudios das Recht gebrochen hatte, nachdem er ohne Arztlizenz Tattoos durchgeführt hatte. Das Argument: Tätowierungen seien keine Kunst, sondern eine medizinische Tätigkeit und bedürften daher einer medizinischen Lizenz. Der Mann habe die Gesundheit seiner Kunden aufs Spiel gesetzt. Erst 2020 wurde das Urteil durch das Hohe Gericht wieder einkassiert. Aber dass es überhaupt dazu gekommen war, hat historisch-kulturelle Hintergründe.

Als sich im 17. Jahrhundert – Japans Regierung schottete das Land damals streng von der Außenwelt ab – erste Gruppen des organisierten Verbrechens bildeten, rekrutierten sich diese aus Verurteilten und anderen Außenseitern. Getreu einer alten Überlieferung, laut derer Abtrünnige durch den Kaiserhof mit Tätowierungen gebrandmarkt wurden, gaben sich die Gruppen eigene Erkennungsmerkmale. Und später, als nach dem Zweiten Weltkrieg das organisierte Verbrechen florierte, gehörten die als Yakuza bekannten Gangster mit ihren Tattoos fast zum Stadtbild.

So wirken Tattoos bis heute auf viele Menschen Furcht einflößend. Was aber oft vergessen wird: Auch in Japan waren Tattoos nie gleichbedeutend mit Kriminalität. Auf der südwestlichen Inselgruppe Okinawa gehörte das Tätowieren lange zur Tradition, ehe es von Tokio aus verboten wurde. Auch anderswo war Tinte unter der Haut Alltagsästhetik. Als die Nexer-Umfrage dann im Jahr 2021 wissen wollte, ob „auch Tattoos ein Teil der Mode“ seien, war es daher ein Zeichen sich wieder wandelnder Normen, dass 60 Prozent der unter 30-Jährigen zustimmten und lockerere Regeln fordern.

Denn bis heute sehen sich Trägerinnen und Träger von Tattoos diversen Verboten gegenüber. Viele Bäder – ob die natürlichen Heißquellen Onsen oder die städtischen Badehäuser Sento – lassen Personen mit Tätowierung nicht rein. Ähnlich ist es an Stränden. „Ich kann mir auch eine typische Angestelltenkarriere in einem Unternehmen abschminken“, sagt June Rokushika. „Selbst wenn ich ein Hemd trage und meine Arme verdecke, würde meine Haut ja sichtbar, wenn ich den jährlichen Medizincheck machen müsste.“ Und dann gebe es Probleme. „Aber mir ist das egal.“

Tätowierungen als Ruf nach mehr Respekt

So eine Anti-Haltung ist populär geworden – und hat auch mit den ökonomischen und politischen Umständen im Land zu tun. „Junge Menschen haben heute oft nicht das Gefühl, dass sie in der Politik irgendwas bewirken könnten“, sagt Koichi Nakano, Politikprofessor an der Sophia-Universität in Tokio. In der alternden Bevölkerung Japans sind junge Wählerinnen und Wähler in der Unterzahl, und die Regierung hat sich in der Vergangenheit tatsächlich eher wenig für deren Bedürfnisse eingesetzt. „Der Arbeitsmarkt ist für jüngere Menschen auch prekär“, so Nakano. Es herrsche Resignation. Und damit das Bedürfnis, sich auszudrücken, wenn nötig mit ausgestrecktem Mittelfinger.

Sind die Tätowierten in Japan also eine Art neue Punkbewegung? June Rokushika überlegt einen Moment, zuckt mit den Schultern. „Hatten die Leute früher auch Angst vor den Punks?“, fragt er. Denn falls ja, gefalle ihm der Gedanke. Mit der Yakuza habe er zwar nichts am Hut, er würde auch niemals jemandem etwas antun, beteuert er. „Aber für die Leute, vor denen man ein bisschen Angst hat, empfindet man ja Respekt, oder?“ Dann könnten ein paar Tattoos doch nicht schaden.