Tanzen ist wieder möglich – aber nur mit strengen Auflagen. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Am 2. Juni dürfen Tanzschulen wieder öffnen. Allerdings wird der Unterricht ganz anders aussehen als vor Corona. Wenn er überhaupt stattfindet.

Stuttgart - Yippie! Erst war die Freude bei den Schulen groß, als es hieß, dass Tanzunterricht in Baden-Württemberg nach Pfingsten wieder erlaubt sei. Die Ernüchterung folgte voriges Wochenende mit der Konkretisierung der Vorgaben. In der Corona-Verordnung Sportstätten steht, dass grundsätzlich, wie im Einzelhandel ja auch, ein Mindestabstand von 1,50 Metern einzuhalten ist beziehungsweise zehn Quadratmeter pro Person. Darüber hinaus, und das ist der Knackpunkt, muss beim Unterricht mit „Raumwegen“ pro Person eine Fläche von mindestens 40 Quadratmetern zur Verfügung stehen.

In einem Video auf Youtube zeigt die Tangolehrerin Liane Schieferstein, wie das in ihrem rund 130 Quadratmeter großen Studio Cielo im Stuttgarter Osten in der Praxis aussehen würde. Nämlich so, dass sie ein Paar hereinbitten und – natürlich ohne Körperkontakt – unterrichten könnte, ihr Tanzpartner Benedikt Krapmann müsste draußen auf der Fluchttreppe stehen und durchs offene Fenster seine Anweisungen geben. Eine „interessante Erfahrung“, nennt sie das – und eine teure. Denn der Preis für eine Unterrichtseinheit von 60 Minuten unter Corona-Bedingungen läge, um die Kosten zu decken, bei rund 900 Euro pro Person.

Die Tangoschulen in Stuttgart haben sich, nachdem der erste Schock verarbeitet war, dazu entschlossen, ihren Unterricht künftig auf der Stelle zu halten. Das heißt, die Paare bleiben die ganze Stunde über an dem ihnen zugewiesenen Standort – pro Paar sind 20 Quadratmeter reserviert. „Das ist, wie wenn man einem Fahrradfahrer das Radfahren erlaubt. Aber nur an der Stelle“, sagt Liane Schieferstein. Die Regelung sei absurd, aber die Tanzschulen könnten nicht so laut für sich trommeln wie etwa der Gaststättenverband für die Gastronomen.

Kinder freuen sich riesig

„Es ist ein großer Kampf“, sagt Bettina Oehl, die in Weilimdorf die Ballettschule Rebmann-Oehl betreibt. Sie versucht derzeit, ihre Räume nach den Regeln einzurichten, denn sie wolle schließlich beim Ballett- oder Hip-Hop-Unterricht weder Schüler noch Lehrer gefährden. Am 2. Juni wird sie öffnen, in den Pfingstferien wird im Gegensatz zu sonst durchgearbeitet. „Die Kinder freuen sich riesig“, sagt Bettina Oehl. „Es war so traurig, sie daheim im Ballettkleidchen sitzen zu sehen.“ Die elf Wochen, in denen ihr Betrieb geschlossen war, hat sie mit Online-Videos und Liveklassen auf Zoom überbrückt. Jetzt ist sie dabei, ein „soft opening“ vorzubereiten, wie sie es nennt. „Hauptsache wir sind wieder da.“

Der Unterricht wird aber anders aussehen als vor Corona. Um die Abstandsregeln einhalten zu können, muss das Trainingsprogramm komplett überarbeitet werden. Statt sich zu Choreografien im Raum zu bewegen, werden die Schüler an einem festen Platz stehen und Übungen zur Haltung und Körperspannung machen. Dabei hat der Ballettunterricht den Vorteil, dass ohnehin viel an der Stange geübt wird. Viele ihrer Klassen muss Bettina Oehl dennoch aufteilen: Das kostet sie zusätzliche Lehrerstunden, die sie nicht auf den Monatsbeitrag draufschlagen kann. Ihr Fazit: „Jetzt zu öffnen rechnet sich wirtschaftlich null.“ Sollten die Vorgaben nicht allerspätestens im September gelockert werden, drohe in Stuttgart ein Tanzschulsterben. „Für jede private Schule ist die 40-Quadratmeter-Regel im Prinzip nicht umsetzbar. Weder personell noch finanziell.“

Von der Politik vergessen

Das sei auch für große Betriebe nicht anders, betont Jörg Galitz, der Inhaber der Tanzschule Burger-Schäfer gegenüber dem Hauptbahnhof: „Wir fühlen uns von der Politik komplett vergessen“. Die 1903 gegründete Schule hat in der Woche von Montag bis Sonntag im Schnitt 2500 Besucher, das Team umfasst 24 Kollegen. Auch sie haben während der Schließzeit mit ihren Schülern per Video und Livechat versucht, die Kommunikation aufrechtzuerhalten, was laut Galitz gut funktioniert habe. Die Wiederaufnahme der Kurse will er indes nicht überstürzen. Zunächst will er seinen Maßnahmenfahrplan mit den Behörden abstimmen. Die freilich seien total überlastet. Sein Plan: „Wir werden erst am 15. Juni wieder öffnen.“

Aber auch Galitz fürchtet, dass ein „halbwegs normaler Betrieb“ wohl nicht vor September möglich sein könnte. Die 40-Quadratmeter-Regel trifft bei Burger-Schäfer vor allem den Paartanz und damit den Hauptzweig der ADTV-Tanzschule. Nach den Vorgaben könnten in den großen Sälen allenfalls zwei oder drei Paare aus demselben Kurs gleichzeitig tanzen. Einen reduzierten Betrieb mit eventuell kürzeren Stunden hält Galitz für durchaus denkbar – „auch wenn wir uns dann auf der Tanzfläche sehr verloren vorkommen.“ Die Frage für Galitz heißt: „Wie lange überleben wir?“ Im Mai habe man keine Kurshonorare bekommen, sodass man nun trotz Soforthilfe und Kurzarbeit „komplett blank“ sei. Dazu komme die Absage aller für Sommer geplanten Abschlussbälle. „Das tut ganz arg weh.“

Damit spricht er auch die soziale Komponente an: Laut der Corona-Verordnung dürfen Singles bis auf weiteres nicht gemeinsam Walzer oder Tango tanzen. Die einzige Ausnahme davon ist, wenn beide Tänzer in einem Haushalt leben. Es ist also auch egal, wie lange sich die Tanzpartner schon kennen.

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