Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück: Die Take-That-Reunion und das Album "Progress"

Stuttgart - Pop vergisst schnell. Den Boygroups folgten die TV-Castingbands. An diese erinnert man sich inzwischen ebenso wenig wie an Daniel Schuhmacher. Nichts ist so alt wie der Vorjahresgewinner von "Deutschland sucht denSuperstar". Und wer braucht eigentlich wirklich die Rückkehr von Take That?

Überall lauern Ausrufezeichen. Erst im Donnergrollen, das durch die Durchhalteparolen von "The Flood" dröhnt, dann im Alarmsirenensong "SOS" oder im Marschrhythmus von "Kidz". Dramatisch akzentuierende Streicher, Klavierstaccati und dumpf wummernde Bässe wollen einem weismachen: Hier wird Großes verhandelt, hier wird Weltgeschichte geschrieben. Der erfolgreichste Männergesangs- verein des Pop feiert auf dem Album "Progress" die Rückkehr seines verlorenen Sohns Robbie Williams und behauptet, dass hier etwas wieder großartig zusammenwächst, was zusammengehört.

Mindestens als die "Sensation des Jahres", lieber aber gleich als die "Wiedervereinigung aller Wiedervereinigungen" will die Plattenfirma Universal die Take-That-Reunion verstanden wissen - obwohl sich leicht einige Wiedervereinigungen finden ließen, die einem mehr zu Herzen gehen würden: die von Oasis, Genesis, den Smiths, von Jennifer Aniston und Brad Pitt oder Nord- und Südkorea zum Beispiel. Hat wirklich jemand darauf gewartet, dass Robbie Williams, Gary Barlow, Howard Donald, Jason Orange und Mark Owen wieder gemeinsam singen? Falls ja, folgt mit "Progress" die Enttäuschung. Denn im Fall von Take That ist das Ganze nicht mehr als die Summe seiner Teile, sondern weniger.

Mehr Stuart Price als Robbie Williams

Wenn der Theaterdonner verhallt ist, wenn die immer neuen Beschwörungen des Teamgeists verklungen sind, erweist sich "Progress" als Album, dem es an markanten Momenten fehlt. Zwar werden die fünf Mitglieder des Take-That-Liederkranzes als Co-Autoren der zehn Songs genannt. Doch mehr als Williams, Barlow oder Owen prägt Stuart Price das Repertoire auf der Platte. Der Produzent verpasst den Take-That-Songs den gleichen gefälligen Synthiepop-Appeal, mit dem er schon Alben von Madonna, den Killers, Keane oder Kylie Minogue aufgemotzt hat.

Der wehmütige 80s-Pop von "Wait" oder das mit Dancebeats und dem hippen Autotune-Effekt herumalbernde "What Do You Want From Me?" erinnern zwar ein bisschen an Robbie Williams und ein wenig an Gary Barlow. Vor allem klingen sie aber überdeutlich nach Stuart Price. Und das macht die Platte trotz hübscher Popmomente zur Enttäuschung: Schließlich hatte Robbie Williams vorgeführt, wie sehr er musikalisch gereift ist, seit er Take That im Jahr 1995 verließ. Seine Soloalben sind allesamt besser als alles, was er zuvor bei Take That gemacht hat. Und leider auch besser als das Wiedervereinigungsalbum, das zwar "Progress" heißt und damit den Fortschritt ausruft, in Wirklichkeit aber ein Rückschritt ist.

Weil die Platte die Eigentümlichkeiten, die die ehemaligen Mitglieder der britischen Proto-Boygroup inzwischen entwickelt haben, nicht hervorhebt, sondern lieber musikalisch glättet. Weil es statt einer Reifung lieber die Regression ins Popvorschulalter feiert: Zurück zum Einklang und Gleichklang, der alles Sperrige, Spröde, der alle Widersprüche leugnet. Zurück ins Zeitalter der Boygroups.

Als noch hinter verschlossenen Türen gecastet wurde

Dass sich Gary Barlow und Robbie Williams endlich versöhnt haben, ist zwar eine anrührende Geschichte, musikalisch aber uninteressant. Denn so knuffig die Interpretation von Songs wie "Relight My Fire", "Back For Good" oder "How Deep Is Your Love?" waren, mit denen Take That zwischen 1990 und 1996 Teeniemädchen becircten - letztlich war die Gruppe nicht mehr als ein adretter Knabenchor. Auch wenn in den 1990er Jahren noch nicht öffentlich und zur besten Fernseh-Sendezeit, sondern hinter verschlossenen Türen gecastet wurde, war es nie ein großes Geheimnis, dass Take That ein zielgruppengerecht zusammengestelltes Markenprodukt waren. Das ist auch nicht weiter schlimm: Castings waren schon immer originärer Bestandteil des Pop.

Und auf einem immer weniger Gewinne abwerfenden Markt ist die Authentizitätsbehauptung längst zu einem nur noch perfideren Marketingtrick der Industrie geworden. Der Fall Take That und Robbie Williams schien allerdings zu beweisen, dass aus gecasteten Bands überaus kreative Musikerpersönlichkeiten und begabte Entertainer hervorgehen können. Das Album "Progess" möchte dies aber offensichtlich zurücknehmen.

Ohne die Take-That-Wiedervereinigung wäre die Popwelt jedenfalls besser dran. Denn angesichts der Marketingkampagne, die mit der Take-That-Reunion einhergeht (am 3. Dezember zeigt Pro Sieben die Wiedervereinungsdoku "Look Back, Don't Stare", am 4. Dezember tritt die Band im ZDF bei "Wetten, dass...?" auf), wittern andere aus gutem Grund in der Versenkung verschwundene Boygroups Morgenluft: Soeben haben die Backstreet Boys und die New Kids On The Block verkündet, gemeinsam auf Tournee gehen zu wollen.

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