Besucher bei der Begehung der Baustelle Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die Tage der offenen Baustelle am Wochenende haben eine Rekordzahl an Besuchern hinter die Bauzäune am Stuttgarter Hauptbahnhof gelockt. Wir haben uns unter den insgesamt 64 000 Schaulustigen umgehört.

Stuttgart - Wer sich einen ersten Eindruck davon verschaffen möchte, wie die neue Gleishalle des Projekts Stuttgart 21 derzeit aussieht, muss Geduld mitbringen. Zur Freude der Betreiber der Catering-Wagen auf dem Gelände stehen die Neugierigen am Samstag meterweit Schlange, um einen Blick auf die Kelchstützen oder die Stahlgerüste für die kommenden Bahnsteige zu erhaschen. Bei zehn bis 15 Minuten Wartezeit vor dem Zutritt zum spannendsten Teil der Baustelle kommen die Rote Wurst oder die Portion Pommes sehr gelegen. „Wenn ich schon mal hier bin, dann will ich auch alles sehen“, motiviert sich ein Herr. Andere Besucher der Tage der offenen Baustelle winken ab und sehen sich anderweitig um. „So aufregend wird es nun auch wieder nicht sein“, vermutet ein 49-Jähriger und geht seiner Wege.

Die Motive für einen Besuch des künftigen Tiefbahnhofs sind divers. Kritiker vergewissern sich, dass alles so fragwürdig weiterläuft, wie vermutet. Befürworter des Projekts informieren sich über Baufortschritte. Familien erfreuen sich an Angeboten, die Kinderaugen zum Leuchten bringen. Dennis (6) sitzt in einem Baufahrzeug und schaufelt Kies. Ein Mitarbeiter steht ihm zur Seite. Der Prozentsatz an Baustellenpilgern, die die Öffnung im Sinne eines unterhaltsamen Events für Jung und Alt nutzen, ist hoch. Daneben sind aber auch Kenner auf dem Baugrund unterwegs, die den Experten vor Ort überraschend detaillierte Fragen stellen.

Viel an Erfahrung gewonnen

Mitarbeiterin Jennifer Löwe ist allen Fragen gewachsen. Umfassend informiert sie über die Herstellung der Kelchstützen und deren architektonische Feinheiten. Für den Übergang der Bauelemente zur Wand habe es vor S 21 keine standardisierten Berechnungsmöglichkeiten am Computer gegeben, lässt sie wissen. Inzwischen habe man viel Erfahrung hinzugewonnen. Die Arbeiten gingen zügig voran. „Besonders schön ist das ja nicht“, teilt eine Dame ihrem Ehemann mit und deutet auf den Entwurf, der zeigt, wie die Gleishalle mit Stützen und integrierten Lichtaugen eines Tages aussehen soll. Sie stößt sich an den Gittern, die die Oberlichter fragmentieren. Andere Besucher loben den Schwung der Architektur.

Großes Interesse am Baufortschritt

Das Interesse daran, sich ein eigenes Bild vom Baufortschritt zu machen oder sich vor Ort über Themen wie das Grundwassermanagement und die Zukunft der Stadtbahnhaltestelle Staatsgalerie zu informieren, ist groß. Harald Andre, der vor dem Zugang am Planetarium projektkritische Broschüren verteilt, hat den Eindruck, die Mehrheit der Baustellen-Besichtiger sei keineswegs restlos überzeugt von Stuttgart 21. Doch Spannend finden die meisten die Großbaustelle durchaus, macht es den Eindruck. Am Samstagmittag haben bereits die ersten 2000 Neugierigen die künftige Gleishalle besucht. Trotz Wartezeit. Am Ende der drei Tage zählen die Veranstalter insgesamt 64 000 Besucher, im Jahr zuvor waren es noch 35 000.

Die Ausführungen zum Gleisbau für die Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) sind ein Publikumsmagnet. Vor den Infotafeln zu den Kompensationsmaßnahmen in Sachen Umweltschutz herrscht Gedränge. „Guck mal: Der Juchtenkäfer!“ amüsiert sich ein junger Mann. „Ich hoffe einfach, dass sie hier irgendwann fertig werden“, seufzt ein grau melierter Herr. Ein 43-Jähriger, der eben ein S-21-Malbuch erstanden hat, ist begeisterungsfähiger: „Ich bin beeindruckt.“, bekennt er. „Die Ausmaße. Die Technologie. Ich denke, wir sollten stolz darauf sein, dass so ein Projekt in Stuttgart entsteht.“

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