Machtsymbol: die Amtskette der Kirchheimer Oberbürgermeisterin Foto: Michael Steinert

„Macht und Pracht“ lautete das Motto des diesjährigen Denkmaltags. Der Spannungsbogen hat vom Goldenen Buch über das goldene Zeitalter der Dampfeisenbahne bis hin zur vergoldeten Amtskette gereicht.

Kirchheim/Esslingen - Macht ist doch männlich“, das war der erste Gedanke der Kirchheimer Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker, als sie zum ersten Mal die Amtskette der Großen Kreisstadt im Kirchheimer Rathaus angelegte. „Das Gewicht der Kette erdrückt. Sie ist für Männer gedacht, die einen Anzug mit Revers tragen“, sagt sie. Bevor sie im Jahr 2004 zur Oberbürgermeisterin gewählt wurde, war das im Jahr 1956 als Geschenk des Landkreises nach Kirchheim gekommene Herrschaftssymbol nur von männlichen Vorgängern getragen worden.

Zum bundesweit begangenen Tag des Offenen Denkmals am Sonntag hat die Kirchheimer Ratschefin die Amtskette aus dem Schrank geholt. Denn nicht nur steinerne Zeitzeugen, mächtige Mauern und prächtige Gebäude, stehen für das in diesem Jahr als Denkmalstag-Thema ausgegeben Motto „Macht und Pracht“, sondern auch symbolische Gegenstände wie eben die Amtskette oder das Goldene Buch der Stadt. Beides haben die Besucher im Rathaus in Augenschein nehmen können, ebenso wie das so gar nicht prachtvoll eingerichtete Dienstzimmer der Oberbürgermeisterin im Obergeschoss.

Die Verantwortung drückt schwer

Sie haben von der Ratschefin erfahren, dass auch ohne Druckstellen schwer trägt, wer die Kette anlegt. „Wenn ich die Kette trage, dann spüre ich schon eine besondere Verantwortung auf den Schultern lasten“, gibt Angelika Matt-Heidecker zu. Anders als ihr Vorgänger Werner Hauser hat sie die Kette bisher eher selten angelegt. „Eigentlich nur zu offiziellen Anlässen in den Partnerstädten“, sagt sie.

Ebenso sporadisch wie die Kette wird das Goldene Buch der Stadt aus dem Schrank geholt. Der erste Eintrag ist vom 22. März 1952 und stammt von dem in Reutlingen geborenen Schriftsteller Ludwig Finkh, nach dem in Kirchheim eine Straße benannt worden ist. Erst drei Jahre später wurde das Goldene Buch wieder ausgelegt. Der geborene Kirchheimer Eugen Gerstenmaier, mit 14 Dienstjahren der am längsten amtierende Bundestagspräsident der Republik, durfte sich am 1. Februar 1955 dort eintragen. Eine Ehre, die Gerstenmaier sich mit Willy Brandt teilt. Der spätere Bundeskanzler hat sich als damals amtierender Bürgermeister von Berlin im April 1964 verewigt.

Exotischer mutet da die Unterschrift des Comanchen-Häuptlings Wallace Coffey an, dem im März 2007 die Ehre zuteil wurde, seinen Namenszug ins Kirchheimer Stammbuch zu schreiben.

Blick in die Königlich Württembergischen Eisenbahnwerkstätten

Am Tag des Denkmals sind nicht nur Goldene Bücher geöffnet worden, sondern auch Tore, die sonst verschlossen sind. In dem an Denkmalen besonders reichen Esslingen haben Besucher erstmals einen Blick hinter die Werkstore der Königlichen Württembergischen Eisenbahnwerkstätten werfen können. Der ältere Teil der riesigen Montagehalle in der Rennstraße ist im Jahr 1890 eingeweiht worden. Im Laufe der nächsten 35 Jahre ist die Anlage beständig erweitert worden. Um die zentrale, 120 Meter breite und 132 Meter lange Halle gruppierten sich ein Speisesaal mit Badeanstalt, ein Verwaltungsgebäude, ein Pförtnerhaus und mehrere Wohngebäude.

„Auf diesem Gelände ist damals der gesamte Bestand der königlichen Eisenbahn in Württemberg gewartet worden“, sagt die Architektin Dagmar Hanussek, die am Sonntag rund 150 Besucher durch die seit dem Jahr 1965 leer stehende Halle geführt hat. Die Dampfzüge sind über den Schienenanschluss ins Gebäude gefahren und dort auf Schiebeschlitten über die Montagegruben gezogen worden. Der Boden ist mit extrem druckfestem Kopfholzpflaster ausgelegt gewesen, um dem Gewicht der Stahlriesen standzuhalten. „Es war ein schmerzhafter Einschnitt für die Stadt, als die Werkstätten geschlossen wurden“, sagt Dagmar Hanussek.

Nutzungsmöglichkeiten ausgelotet

Möglicherweise aber wird hinter den im historisierenden Renaissance-Stil ausgeführten Backsteinmauern bald wieder Leben einkehren. Im Auftrag privater Eigentümer, die das Gebäude im vergangenen Jahr vom Vorbesitzer, dem Neckarwerke-Nachfolger Energie Baden-Württemberg (EnBW) erstanden haben, lotet der Projektentwickler Javier Arevalo die Potenziale des alten Gemäuers aus. „An Nutzung ist alles vorstellbar, was der Bebauungsplan hier im Gewerbegebiet hergibt“, sagt Javier Arevalo. Er bescheinigt dem Eisengerüst der Halle einen hervorragenden Zustand.

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