Von der Tänzerin zur Ballettdirektorin: Bridget Breiner Foto: Stuttgarter Ballett

In einem Alter, in dem andere in ihrem Beruf so richtig durchstarten, stehen Tänzer häufig vor dem Aus: Nach langer Ausbildung und einer intensiven, aber kurzen Bühnenkarriere müssen sie sich neu orientieren. Ehemalige Tänzer des Stuttgarter Balletts berichten aus ihrem zweiten Leben – heute: Bridget Breiner.

Stuttgart - Tänzer geben alles für ihren Beruf. Bridget Breiner, vielen noch als Erste Solistin des Stuttgarter Balletts in bester Erinnerung, hätte sogar ein Stück einer Zehe geopfert. Zum Glück war ihr Arzt der Meinung, dass ein Griff zum Messer die Schmerzen im Fuß nicht lindern würde, die sie immer wieder ausbremsten.

Einer Verletzungspause ist es aber auch zu verdanken, dass die Amerikanerin das Choreografieren für sich entdeckte. Nicht ganz freiwillig, Freunde mussten sie zu ihrem ersten Beitrag für einen der Stuttgarter Noverre-Abende überreden. Doch der Sprung ins kalte Wasser, den sie 2005 mit dem Pas de deux „In the Kitchen“ tat, wirkt bis heute nach. Seit 2012 leitet Bridget Breiner die Tanzsparte am Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen. Und wenn man sie fragt, was ihr aus der Zeit als Tänzerin beim Einstieg als Ballettdirektorin geholfen hat, dann sagt sie: „Das Choreografieren! Vor jemandem zu stehen und ihm zu sagen, was er tun soll, war eine hilfreiche Erfahrung für mein weiteres Leben.“

Der Anfang des neuen Lebensabschnitts, erinnert sich Bridget Breiner, war dennoch von Tränen begleitet. „Ich habe geweint aus Angst davor, dass ich nicht das richtige Team finde, um Tanz auf dem Niveau zu realisieren, das ich haben wollte.“ Vier Spielzeiten und zwei Auszeichnungen mit dem Faust-Theaterpreis später, sind die Zweifel Vergangenheit, auch wenn Bridget Breiner sagt: „Routine? Die gibt es immer noch nicht.“

Freunde aus der Stuttgarter Zeit leisten Starthilfe

Geholfen hat der Berufsanfängerin das starke Stuttgarter Netzwerk. Dass man darauf vertrauen kann, hatte sie, die 1996 nach Stuttgart gekommen war, früh erfahren, als sich 2006 ein Abstecher ans Ballett der Semper-Oper verletzungsbedingt als Sackgasse erwiesen hatte. Ein Anruf bei Reid Anderson reichte: Er schuf für mich eine Stelle als Artist in Residence, obwohl ich ihn verlassen hatte.“

Auch in Gelsenkirchen kann sie auf die Stuttgarter Freunde bauen. Alexander Zaitsev und Ivan Gil Ortega sind als Ballettmeister dabei, Thomas Lempertz gestaltet Kostüme. Wislav Dudek hat als Gast getanzt, Marco Goecke ihr sein Ballett „Sweet Sweet Sweet“ zum Freundschaftspreis überlassen. Marion Ackermann erinnert sich an die Zusammenarbeit mit der Choreografin im Kunstmuseum Stuttgart und gestaltet mit ihr Abende in der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf. Demis Volpi choreografiert für ihr Ensemble. Am Ende ihrer zweiten Spielzeit hat die neue Ballettdirektorin das Gefühl, die Menschen um sich zu haben, mit denen sie ihre Ideen umsetzen kann.

Fortbildung? Schulung in Personalführung? Bridget Breiner vertraut wie die meisten Stuttgarter Tänzer in Führungsposition vor allem auf die eigene Erfahrung. „Als Tänzer gewinnt man viele Einblicke, um zu verstehen, wie eine Kompanie funktioniert“, sagt Bridget Breiner. Praktisch und lösungsorientiert an Probleme heranzugehen hat sie zudem von ihrem Vater gelernt, einem Journalisten und Coach. „Er hat mir gesagt: Hab immer eine Lösung bereit, sag den Menschen, wie sie dir helfen können.“

Doppelbelastung: Die Ballettdirektorin ist auch Tänzerin

Bis heute ist Bridget Breiner, inzwischen 42 Jahre alt, nicht nur Ballettdirektorin und Choreografin, sondern weiterhin Tänzerin. „Ich mag es, im Team zu arbeiten und Dinge gemeinsam zu entwickeln“, sagt sie. Eine sehr weibliche Führungsstrategie, der sie andere Dinge unterordnet. „Ich bin selten im Büro, dafür täglich beim Training im Ballettsaal“, sagt die Direktorin. Ein guter Kompaniemanager an ihrer Seite, der Meetings und Gespräch im Theater wahrnimmt, hält ihr den Rücken frei.

„Der direkte Draht zu den Tänzern und zum Tanz ist mir wichtig“, weiß Bridget Breiner. „Selber zu tanzen beeinflusst meine Choreografien, weil ich am eigenen Leib spüren kann, wie sich etwas anfühlt, und dann aus meinen Bewegungen heraus die für andere entwickeln kann.“ Die starke Verbindung von intellektuellem Anspruch und physisch erlebbarer Emotionalität zeichnete von Beginn an Bridget Breiners Choreografien aus - wie die 2007 für 32 junge Talente der Cranko-Schule und das Kunstmuseum Stuttgart entstandenen „Zeitsprünge“. Für den Mut, über Genregrenzen hinwegzutanzen, erhielt sie 2015 auch den Faust für ihre Hommage an die Malerin Charlotte Salomon.

Die Kunst der Spielzeitplanung versteht Bridget Breiner als maximales Ausloten der Grenzen, die ihr gesetzt sind. Möglich ist alles, was realisierbar erscheint zwischen dem hohen Anspruch der Ballettdirektorin, dem, was die Tänzer brauchen, und dem, was sich verkaufen lässt. Die Auslastung sei hoch, sagt Bridget Breiner und freut sich, dass das Publikum bereit ist, ihren anspruchsvollen Weg mitzugehen. Jüngst hat ein Improvisationsabend mit Jazztrio und einer Band aus syrischen Flüchtlingen ihrer Kompanie ein „tolles Erlebnis“ bereitet. „Es ist interessant, was sich da auch menschlich bewegt.“

In Gelsenkirchen hat Bridget Breiner letztlich für sich auch das Glück wiedergefunden, Tänzerin zu sein. „Es war schön für mich zu bemerken, dass ich nicht der Superstar einer großen Ballettkompanie sein muss, um als Tänzerin glücklich zu sein. Es geht wirklich um den Tanz selbst. Man braucht eine bestimmte Besessenheit im positiven Sinn.“

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