Grünes Kunstwerk in urbaner Wüste: Arbeit von Petra Blaisse, Shenzen Stock Exchange. Foto: promo

Wie die Ludwigsburger Szenografie-Biennale ISB 2013 präsentieren auch die Raumwelten kühne Entwürfe der Welt von morgen, aber nicht nur global, sondern mit starken regionalen Akzenten.

Ludwigsburg - Die Szenografie hat Designer, Architekten, Bühnenbildner, Lichtkünstler und Mediengestalter in ein Boot geholt. So war die Ludwigsburger Szenografie-Biennale ISB 2013 angelegt: als buntes Kaleidoskop an Vorträgen auf Weltniveau. Der Nachfolger Raumwelten nun unternimmt den Versuch, Einzeldisziplinen prominenter auszustellen, Architektur etwa oder Museumsgestaltung. Dieses Konzept ermöglicht direkte Vergleiche, wird von einige Referenten aber zwangsläufig unterlaufen – ganz im Geiste der Profession.

„Architektur und Ausstellung sind ganzheitlich geplant und aus einem Guss, das ­separat zu planen, ist nicht mehr zeitgemäß“, sagt am Donnerstag an der Filmakademie Lennart Wiechell (Schmidhuber, München), Architekt des deutschen Pavillons für die ­Expo in Mailand 2015. Bauleiter August Keller (Nüssli, Roth) ergänzt: „Wir sind als Team gestartet wie 2010 in Schanghai, deshalb waren wir dort erfolgreich. Die Bauleitung ist schon in der Konzeption dabei.“

Gemäß dem Expo-Motto „Feeding The Planet, Energy For Life“ (Den Planeten ­ernähren, Energie für das Leben) ist das Gebäude ressourcenschonend konzipiert, ohne Klimaanlage, mit durchlässigen Wänden und Solarzellen. „Solche Konzepte finden immer mehr Akzeptanz, man kann heute auf Hochglanzoberflächen verzichten und stattdessen ungewöhnliche Ansätze und neue Werkstoffe ausprobieren“, sagt Wiechell.

Das mit deutschen Hölzern belegte Oberdeck zum Flanieren ist teils mit leichten Membran-Pflanzen-Skulpturen verschattet, die im Bauch des langgestreckten Gebäudes wurzeln, wo die „Quellen der Ernährung“ präsentiert werden: „Wasser, Boden, Klima, Artenvielfalt, Produktion sind unsere Themen wie auch Ideen zum Schutz der Quellen“, sagt Ausstellungsplaner Peter Redlin (Milla & Partner, Stuttgart). Die ­Herausforderung sei höher als in Schanghai, auch wegen der innereuropäischen Krise: „In China sind wir auf eine Welle der Sympathie getroffen, in Norditalien ist das Publikum ähnlich kritisch wie bei uns. Wir versuchen, auf Vorurteile gegenüber Deutschland zu reagieren, Erwartungen zu brechen, und gut recherchierte Inhalte anzubieten.“

Federleicht wie ihre Entwürfe schweben am Freitag die Gedanken von Petra Blaisse (Amsterdam) im Raum, ­über der Architektur, der sie zugeordnet sind, und getragen von überbordender Inspiration. Inside Outside heißt ihr Büro, ihr Ziel ist es, „die Erfahrung von Räumen fast unterbewusst zu verändern“. Gigantische, scheinbar schwerelose Vorhänge in Banken und Theatern werden da zu sich wandelnden Skulpturen mit Eigenleben, Tageslichtschlitze in ­Museen werden zu sich je nach Sonnenstand wandelnder Stimmungskunst. Ausgeklügelte Pflanzenmuster verwandeln Betondecks in Oasen in urbaner Wüste, Räume werden zu Landschaftserlebnissen, Außen und Innen verschwimmen. Auch im Stuttgarter Mercedes-Museum hat Blaisse Spuren hinterlassen, die Bürstentapete etwa stammt von ihr.

Einen Balanceakt zur Zeitenwende von der analogen in die digitale Welt vollführen dann Anja Dauschek (Stadt Stuttgart) und Ingo Zirngibl (Jangled Nerves, Stuttgart): Technikferne Senioren werden im Stuttgarter Stadtmuseum auf die Generation Smartphone treffen, und beide gilt es gleichermaßen anzusprechen. In der Dauerausstellung zur Stadt könne man Dank prominenter Überschriften in „eine Art Surf-Modus ­gehen“, sagt die kommunale Planerin Dauschek, zugleich sei sie aber auch chronologisch erfahrbar „für Ältere, die das suchen“. Fürsten, Topografie, die RAF und HipHop sollen vorkommen, Ausstellungsgestalter Zirngibl spricht über „Imagination“, „immersive Erlebnisse“, „mystische Räume“, Schattenspiele und Displays.

Der Salucci-Salon solle zum „Wohnzimmer der Bürger“ werden, sagt Dauschek, zu einem „Platz für die Diskussion urbaner Fragen.“ Noch sind es drei Jahre bis zur Eröffnung, und schon die Vorentwürfe zeigen die Herausforderung, das Wilhelmspalais mit seiner prominenten Innenstadtlage im Sinne aller Bürger zu bespielen. Vor allem nachdem die Zwischennutzer alternative Ideen en masse vorgeführt haben und einen für Stuttgarter Verhältnisse extrem gegenwärtigen Ort der Urbanität.

Solche sind die Spezialität des Designers Werner Aisslinger, der am Freitagabend im Ordenssaal des Ludwigsburger Schlosses spricht. Mit dem Loft Cube sorgte er vor zehn Jahren für Aufsehen, einem eleganten Fertig-Wohnwürfel, der per Helikopter auf ungenutzte Flachdächer aufgesetzt werden kann. Sein Thema: Nachhaltigkeit. Aquaponik, die Verbindung von Fisch- und Nutzpflanzenzucht in der eigenen Küche, ein Kräutergarten mit Nanoblumenkästen im Bad, nachwachsende Möbel aus Bambus, der in Metallschablonen Stuhl- oder Tischform annimmt.

Wie die ISB 2013 präsentieren auch die Raumwelten kühne Entwürfe der Welt von morgen, aber nicht nur global, sondern mit starken regionalen Akzenten. Als Thema für 2015 würde sich Mobilität anbieten: Aisslingers Auftritt wäre beinahe dem Stau- und S-Bahn-Chaos zum Opfer gefallen, das zwischen dem Ankunftsort Stuttgart und dem Veranstaltungsort Ludwigsburg herrscht.

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