SWR-Intendant Kai Gniffke spricht im Interview über die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den SWR. Foto: dpa/Christoph Schmidt

Etwa jeder zweite Mitarbeiter des Südwestrundfunks arbeitet wegen der Corona-Pandemie von zu Hause aus. Trotzdem fährt der Sender nach Angaben seines Intendanten „im Volllastbetrieb“. Mehrere Dreharbeiten mussten allerdings unterbrochen werden - nicht nur beim „Tatort“.

Stuttgart - Der Südwestrundfunk will den Ausfall ganzer Standorte in der Coronakrise verhindern, ist aber für den Notfall gerüstet. „Wenn ein Studio lahmgelegt wäre, könnten andere einspringen“, sagte der SWR-Intendant Kai Gniffke in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur in Stuttgart.

Wie sieht es in den SWR-Studios aus? Wie viele Mitarbeiter arbeiten inzwischen von zu Hause aus?

Kai Gniffke: Gerade jetzt sind wir für die Menschen da. Dabei verändert sich unsere Arbeit im Moment radikal. Ungefähr die Hälfte im SWR arbeitet im Home-Office, viele stehen zu Hause unter Quarantäne oder fallen krankheitsbedingt aus.

Wie wirkt sich das in den Programmen aus?

Kai Gniffke: Der SWR macht volles Programm. Auf allen Hörfunk-Wellen, Online, Social und im SWR-Fern: sehen. Trotz Corona - der SWR fährt im Volllastbetrieb. In diesen Zeiten wollen die Leute Informationen, Beratung und Zerstreuung. Und das suchen sie zunächst in ihren Programmen des SWR, die sie jeden Tag sehen und hören. Unsere Hörfunkwellen oder das SWR-Fernsehen bieten dabei ein Stück Normalität und versuchen gleichzeitig, auf die Besonderheiten der Situation zu reagieren. Es gibt Sondersendungen im SWR-Fernsehen, Live-Streams exklusiv auf unseren Social-Media-Accounts und besondere Aktionen im Radio. Und gleichzeitig müssen wir natürlich auch darauf achten, dass wir unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schützen.

Was machen Sie, wenn ein Studio wie Stuttgart komplett geräumt werden muss?

Kai Gniffke: Wir arbeiten in manchen Bereichen in getrennten Teams, um das Risiko von kompletten Ausfällen zu verhindern. Die Zahl der Standorte des SWR könnte sich jetzt sogar als Vorteil erweisen. Wenn ein Studio lahmgelegt wäre, könnten andere einspringen.

Werden in der ARD dritte Programme zusammengelegt?

Kai Gniffke: Es gibt auch für andere Katastrophenfälle natürlich Notfallpläne, wenn irgendein Programm nicht mehr senden kann. Aber gerade regionale Information ist doch in diesen Zeiten wichtig. Wir werden alle Kräfte mobilisieren, um für unser Publikum da zu sein. Im Hörfunk haben wir uns darauf verständigt, dass Programmteile gegebenenfalls von anderen ARD-Anstalten übernommen werden können. Da denke ich unter anderem an die ARD-Infoprogramme. Das sind aber absolute Notfalloptionen. (...)

Die Regierung denkt über eine bundesweite Ausgangssperre nach. Was würde das für die Arbeit der Medien bedeuten?

Kai Gniffke: Unsere Aufgabe würde durch eine solche Maßnahme eher noch wichtiger, wenn es darum geht, die Menschen zu Hause zu informieren, zu beraten und zu unterhalten. Aber eine Ausgangssperre könnte natürlich auch unsere Berichterstattung erschweren. Ich rechne aber damit, dass wir auch dann weiterhin journalistisch arbeiten könnten. Sicher kann man unsere Arbeit nicht mit denen vergleichen, die gerade Leben retten und die Versorgung sicherstellen - vor diesen Menschen habe ich einen Riesenrespekt. Aber auch die Medien spielen eine wichtige Rolle bei der täglichen Daseinsvorsorge, und darum sollte unser Betrieb sichergestellt sein. Nach meinem Eindruck gibt es dafür in Politik und Gesellschaft durchaus ein Bewusstsein.

Die Dreharbeiten für den Ludwigshafener „Tatort“ sind wegen der Coronakrise unterbrochen worden. Welche anderen Produktionen sind derzeit nicht möglich?

Kai Gniffke: Wir verzichten natürlich auch auf Studiopublikum bei unseren Produktionen. Neben dem „Tatort“ trifft es auch andere Produktionen, weil die Gesundheit von Mitarbeitenden und Darstellern vorgeht. Außerdem gibt es derzeit oft keine Drehgenehmigungen im öffentlichen Raum mehr. Auch unsere Serie „Die Fallers“ können wir im Moment nicht weiterdrehen.

Was bedeutet das für Regisseure, Maskenbildner, Beleuchter und andere Beteiligte?

Kai Gniffke: Dass in der Kreativwirtschaft etwa bei Produktionsfirmen gerade viele vor unabsehbaren finanziellen Auswirkungen stehen, lässt uns natürlich nicht kalt. Wir haben uns deshalb im Kreis der Intendantinnen und Intendanten der ARD darauf verständigt, die unterbrochenen Produktionen auf jeden Fall nach Corona zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen und uns an den entstehenden Mehrkosten zu beteiligen. Damit wollen wir wirtschaftliche Notsituationen helfen zu überbrücken.

Der SWR reagiert mit Sonderanstrengungen und geänderten Sendeabläufen auf die aktuellen Entwicklungen. Was ist noch geplant?

Kai Gniffke: Wir haben unsere gewohnten Abläufe ordentlich durcheinandergewirbelt, an vielen Stellen sind Sondersendungen dazugekommen. Zum Beispiel machen wir online auch ein Format gemeinsam mit dem Schwäbischen Turnerbund, um ganz praktisch zu zeigen, wie man auch zu Hause fit bleibt. Für die Kinder, die nicht in die Kita oder die Schule gehen, bietet der SWR Sonderausgaben des Tigerentenclubs. Mit unserem Bildungsprogramm zeigen wir, dass wir einen Teil von dem auffangen, was gerade durch Schulschließungen ausgelöst wird. Das kann auf Dauer keinen Unterricht ersetzen, aber es füllt gerade die Lücke so gut es geht.

Berichten die Medien in Deutschland aus Ihrer Sicht ausreichend und ausgewogen über das Corona-Thema? Vermissen Sie etwas?

Kai Gniffke: Insgesamt finde ich, dass die deutsche Medienlandschaft gerade ihrer Verantwortung gerecht wird, angemessen zu berichten. Wir haben den Ernst der Lage erkannt und achten darauf, weder zu beschwichtigen noch zu verunsichern. Je länger die Einschränkungen von Corona dauern, desto mehr werden die Menschen natürlich auch das Bedürfnis nach Normalität und Zerstreuung haben. Dafür bieten wir in der ARD-Mediathek und der Audiothek genügend „Futter“.

Die Abrufzahlen der Online- und Mediathek-Angebote sind sehr stark gestiegen. Beschleunigt die Corona-Krise die Digitalisierung der Medien und der Gesellschaft?

Kai Gniffke: Das kann sein. Genauso gut kann es in dieser Situation aber auch eine Renaissance des linearen Fernsehens und des Radios geben. Es hat auch eine gemeinschaftsstiftende Wirkung, wenn Millionen Menschen zeitgleich ein Programm sehen oder hören – die „Tagesschau“ ist das beste Beispiel. Die Folgen der Krise für die Mediennutzung kann im Moment niemand absehen. Das ist da für mich momentan auch nachrangig. Als Medienhaus müssen wir der gesamten Bevölkerung, allen Altersgruppen und Milieus unsere Angebote dort machen, wo sie sie haben möchten. Das kann über UKW sein, als Instagram-Posting oder im SWR-Fernsehen. Aber keine Frage: Gerade bei der riesigen Nachfrage in der Krise wird deutlich, dass wir noch schneller auf digitalen Plattformen zulegen müssen.

Wie geht es Ihnen persönlich? Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn die Krise mal vorbei sein sollte?

Kai Gniffke: Ich bin ein geselliger Mensch. Deshalb freue ich mich darauf, meine Familie und Freunde treffen zu können, ohne jede Bedenken Menschen zu umarmen und es nach der Krise beim Feiern endlich mal wieder krachen zu lassen. Wir werden ein neues Bewusstsein dafür entwickeln, wie wichtig das ist: zusammenzuhalten – in der Familie, im Freundeskreis, aber auch als Gesellschaft.

Zur Person: Kai Gniffke ist seit vergangenem September Intendant des Südwestrundfunks. Der 59-Jährige war zuvor als Chefredakteur von ARD-aktuell in Hamburg verantwortlich für die „Tagesschau“ und „Tagesthemen“.

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