SWR-Intendant Boudgoust zu Sparplänen „Die Redaktion muss nicht umziehen“

Von Uwe Bogen 

SWR- Intendant Peter Boudgoust Foto: dpa
SWR- Intendant Peter Boudgoust Foto: dpa

Die Redaktion des „Nachtcafés“ bleibt in Stuttgart, auch wenn die Talk-Show künftig aus Baden-Baden gesendet wird. Dies haben SWR- Intendant Peter Boudgoust und Fernsehdirektor Christoph Hauser im Interview mit  den StN versichert.

Die Redaktion des „Nachtcafés“ bleibt in Stuttgart, auch wenn die Talk-Show künftig aus Baden-Baden gesendet wird. Dies haben SWR- Intendant Peter Boudgoust und Fernsehdirektor Christoph Hauser im Interview mit den Stuttgarter Nachrichten versichert.

Herr Boudgoust, mehrere Mitarbeiter Ihres Hauses haben sich besorgt über die Entwicklung des SWR mit Internas Ihres Unternehmens an unsere Zeitung gewandt. Haben Sie nachforschen lassen, wo die undichten Stellen bei Ihnen sind? Was machen Sie mit den Informanten, wenn Sie deren Namen erfahren?
Boudgoust: Wir pflegen in unserem Haus die Meinungsfreiheit. Insofern habe ich keinerlei Veranlassung, irgendwelche Nachforschungen anzustellen. In der Frage der Verlagerung der Aufzeichnung unserer Sendung „Nachtcafé“ hat Fernsehdirektor Hauser ja übrigens sehr schnell reagiert. Die Kolleginnen und Kollegen hat er frühzeitig informiert, und erst am Freitag hat er nochmals mit der Redaktion gesprochen. Das zeichnet unsere Unternehmenskultur aus.
Stuttgart hat bald keinen Fernseh-Chefredakteur mehr, die Nachfolge-Talkshow von Wieland Backes soll nach Baden-Baden. Glauben Sie, dass die Sorgen von vielen Ihrer Mitarbeiter berechtigt sind, dass der Medienstandort Stuttgart darunter leidet?
Boudgoust: Dazu eine Gegenfrage: Glauben Sie, dass die Qualität der Stuttgarter Nachrichten darunter leidet, dass es nur einen Chefredakteur gibt? Im Ernst: Der SWR hat sich ja nicht bewusst für zwei Chefredakteure entschieden. Das war ein Überbleibsel der Fusion, wir kehren gewissermaßen zur Normalität zurück. Der Chefredakteur wird in Stuttgart und Mainz gleichermaßen präsent sein. Warum sollte der Medienstandort Stuttgart darunter leiden, dass eine Sendung, die bisher in Ludwigsburg aufgezeichnet wurde, nun verlagert wird?
Weil es dann keine Talk-Sendung mehr in der Region Stuttgart gibt. Der heftige Streit bei Ihnen erinnert an die 1990er, als nach der Fusion von SDR und SWF viele in Stuttgart fürchteten, sie würden von Baden-Baden über den Tisch gezogen. Wie sehen Sie das?
Boudgoust: Ich nehme bei uns keinen „heftigen Streit“ wahr. Es geht ja ausschließlich um die Frage, wo einzelne Sendungen am sinnvollsten produziert werden. Dabei spielen redaktionelle und wirtschaftliche Aspekte eine Rolle, aber keine standortpolitischen. Wenn das der Fall wäre, würde sich der Wind übrigens ziemlich häufig drehen. Vor einem Jahr haben die badischen Zeitungen die Befürchtungen befeuert, der Standort Baden-Baden solle abgewickelt werden. Das hat sich damals als unbegründet herausgestellt. Das wird auch diesmal der Fall sein, was den Standort Stuttgart angeht.
Wieland Backes hat verhindert, dass seine Sendung „Nachtcafé“ und seine Redaktion nach Baden-Baden umziehen.
Hauser: Mit Verlaub: Das ist nun wirklich Geschichtsklitterung. Es gab nie die Überlegung, die Redaktion nach Baden-Baden zu verlegen.
Ihre Mitarbeiter haben uns das anders geschildert. Können Sie hier nun erklären, dass die etwa 20 Arbeitsplätze des „Nachtcafés“ in Stuttgart bleiben, auch wenn die Sendung 2015 in Baden-Baden produziert wird?
Hauser: Ja, das steht fest. Alle Betroffenen und Beteiligten waren übrigens über die mögliche Verlegung der Aufzeichnung in das E-Werk von Baden-Baden vorab informiert, auch der Gesamtpersonalrat. Wir haben ja auch eine Pressemitteilung zu unseren ­Plänen herausgegeben.
Aber erst als unsere Redaktion recherchierte.
Hauser: Nein, es gab einen klar definierten Kommunikationsfahrplan, der unabhängig von Presseanfragen umgesetzt wurde. All das hätten wir kaum getan, wenn wir die Sparpläne hätten geheim halten wollen.
Wird der Umzug vollzogen, um den Kollegen in Baden-Baden ein „Zuckerle“ zu geben, weil die großen ARD-Abendshows „Verstehen Sie Spaß?“ und „Die Große Show der Naturwunder“ nach München zu Bavaria wandern?
Hauser: Für jede Produktion müssen etwa die Kulisse und die Beleuchtung neu aufgebaut beziehungsweise eingerichtet werden. Im E-Werk ist all das fest eingerichtet, die Sendung kann hier sofort aufgezeichnet werden. Und sie ist günstiger, weil die Kosten für die Außenübertragung – die in Ludwigsburg notwendig war – wegfallen. Hier spielen wirtschaftliche Aspekte eine Rolle. Mit einem „Zuckerle“ hat das nichts zu tun.
Die Überlegungen für die großen Abendshows gehen übrigens in eine ganz ähnliche Richtung. Einen Beschluss für einen Produktionsort gibt es nicht, bisher haben wir nur einen Prüfauftrag vergeben.
Mehrere Mitarbeiter Ihres Hauses haben uns versichert, dass die Kapazitäten der neuen Studios in Stuttgart keineswegs ausgelastet sind. Man wirft der SWR-Führung vor, die Unwahrheit zu sagen. Ist der Vorwurf berechtigt?
Boudgoust: Nein. Es geht nicht nur um die Auslastung, sondern um die Frage, ob wir eine aufwendig vorzubereitende Produktion durch eine Produktionsweise ersetzen können, die günstiger ist.
In Ihrer Programmreform betonen Sie die Regionalität des Programms des SWR. Wäre es nicht sinnvoll, regionale Inhalte auch regional zu produzieren?
Hauser: Regionale Inhalte sind keine Frage des Aufzeichnungsortes. Und vor allem: wenn wir schlanker und günstiger produzieren, können wir mehr Geld in regionale Inhalte investieren. Unsere wirtschaftlichen Rahmenbedingungen werden immer schwieriger, wir müssen deswegen versuchen, uns neue Spielräume zu verschaffen.
In der Region Stuttgart haben sich in den vergangenen Jahren zahlreiche junge Filmproduktionen gegründet, durch die Filmakademie, die Hochschule der Medien und die Merz-Akademie ist ein innovatives Hochschulumfeld vorhanden, die Kompetenz bei Animation und visuellen Effekten ist international bekannt. Wären dies nicht Argumente, in Stuttgart einen Schwerpunkt auszubilden, um als Sender von diesen Potenzialen zu profitieren?
Hauser: Wir arbeiten mit der Filmakademie Ludwigsburg und mit der Hochschule der Medien eng zusammen. Das zeigen auch so herausragende Reihen wie „Debüt im Dritten“ und „Der junge Dokumentarfilm“, die zum Teil in enger Zusammenarbeit mit den jungen Talenten in der Region Stuttgart entstehen. Das ist bundesweit einzigartig.
Beim geplanten Jugendkanal der ARD sieht es danach aus, dass Baden-Baden vorne liegt. Was ist ihr Konzept, um Fernsehen für Jugendliche zu produzieren? Wäre es nicht sinnvoller, dies eher in einer Art Labor mit Jugendlichen zu starten? Stuggi.tv setzt hier ein kleines, aber inspirierendes Beispiel.
Boudgoust: Die Entscheidung für ein crossmediales Jugendangebot ist leider noch nicht gefallen, damit auch nicht die Entscheidung, wo die Kopfstation dieses Angebots angesiedelt sein könnte. Aber wir profitieren von den Erfahrungen, die wir jetzt in Baden-Baden sammeln. Wir verfolgen ein neues und innovatives Konzept. Wir haben einen crossmedialen Ansatz, wir wollen eine neue Verbindung von Fernsehen, Hörfunk und Internet schaffen. Die jungen Hörfunkwellen der ARD haben eine hohe Kompetenz und viel Erfolg, sie spielen deswegen eine wichtige Rolle. Und SWR 3 und DasDing sitzen in Baden-Baden, es liegt also nahe, hier einen Schwerpunkt zu setzen. In Baden-Baden gibt es ja auch das so genannte E-Lab, in dem junge Inhalte produziert werden, diese Idee haben wir schon aufgegriffen.
In der Diskussion ist, dass Sie Produktionen nach München an die Bavaria verlagern. Können sich auch Dienstleister in Stuttgart um diese Aufträge bewerben? Wissend, dass die Bavaria eine SWR-Tochter ist und die Tochtergesellschaften der öffentlichen-rechtlichen Sender durchaus Auslastungsprobleme haben, wäre ein transparentes Vergabeverfahren angebracht. Damit könnte man senderinterne und externe Lösungen bei den Kosten vergleichen.
Hauser: Geplant ist, „Verstehen Sie Spaß?“ und „Die große Show der Naturwunder“ kostengünstig an einem festen Produktionsort herzustellen. Da wird es ein transparentes Ausschreibungsverfahren geben, das uns die Möglichkeit gibt, das beste und wirtschaftlichste Angebot auszuwählen.
In der öffentlichen Diskussion ist immer vom Druck auf die Programmkosten die Rede. Welchen Anteil haben die Programmkosten am Gesamtbudget des SWR? Welchen Anteil haben die Verwaltungskosten? Wo sehen Sie Einsparpotenziale?
Hauser: Der finanzielle Druck lastet auf dem gesamten SWR, Wir werden in den kommenden zwei Jahren mit rund 20 Millionen weniger auskommen müssen. Das zwingt uns zum Handeln und deshalb auch das erneute Sparpaket. Hierbei prüfen wir ja gerade, wie wir Mittel aus den Strukturen freisetzen können, um vermehrt in Inhalte, also ins Programm investieren zu können. Der Verwaltungskostenanteil am Gesamtbudget des SWR ist übrigens verschwindend gering, er liegt bei 3,74 Prozent.
Welchen Altersdurchschnitt haben die Zuschauer des SWR? Welche Marktanteile hat das Dritte des SWR? Wo stehen die Einschaltquoten im Vergleich zu anderen ARD-Anstalten?
Hauser: Das SWR-Fernsehen ist mit der klaren Ausrichtung auf „Regionalität und Aktualität“ erfreulicherweise im Aufschwung. Die Zuschauerzahlen steigen kontinuierlich. Wir haben uns vom letzten Platz innerhalb eines guten Jahres in das Mittelfeld der Dritten Programme bewegt. Aktuell liegen wir bei einem Jahresmarktanteil von 7,1 Prozent, vor einem Jahr waren es noch 6,8 Prozent. Kein Sender gewinnt im Südwesten derzeit so viele Zuschauer wie wir.
Sie planen eine weitere Serie nach dem Vorbild von „Die Kirche bleibt im Dorf“. Wo und was wird gedreht?
Hauser: Geplant ist eine historische Mini-Serie, die in den früher 1970er Jahren in Stuttgart spielt. Für den Vorabend im Ersten planen wir eine Serie über die Arbeit und das Leben eines schwäbischen Detektivs, der gemeinsam mit seinem besten türkischen Freund in Bad Cannstatt ermittelt.
Können Sie sich vorstellen, dass die neue Talk-Sendung doch in Stuttgart bleibt?
Boudgoust: Im Moment läuft der Prüfauftrag. Und diese Prüfung erfolgt nach klaren, objektiven und transparenten Kriterien. Dabei spielen wirtschaftliche und programmliche Aspekte eine Rolle. Und ich wiederhole es gern: Standortpolitik spielt keine Rolle.

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