Der neunfache Senioren-Weltmeister Andreas Wagner, 61, ist nach 24 Jahren als Gewichtheber zurück beim SV Fellbach und verstärkt dessen Team in dieser Saison in der Oberliga.
Würde Andreas Wagner versuchen, alle jemals von ihm gewonnenen Medaillen auf einmal zu tragen, dann hätte er ein ernsthaftes Problem. Allzu gewichtig wäre das in unterschiedlichste Formen gepresste Edelmetall. Dabei ist Andreas Wagner kein Schwächling, sondern – ganz im Gegenteil – ein überaus erfolgreicher Gewichtheber. Diese sportliche Präferenz sieht man dem Mann vom SV Fellbach zugegebenermaßen allerdings erst auf den zweiten Blick an. Mit 61,8 Kilogramm Körpergewicht startete der drahtige Schwerathlet vor wenigen Wochen beim zweiten Wettkampftag der Oberliga für den SV Fellbach.
Schon mehr als 100 nationale Bestmarken aufgestellt
Nach 24 Jahren ist der 61-Jährige damit an seine ehemalige sportliche Wirkungsstätte zurückgekehrt. Für den SVF hatte er zehn Jahre in der Ersten Bundesliga Eisen gestemmt. An der Seite des späteren Strongman-Weltmeisters Reinhard Sauter beispielsweise oder des technisch herausragenden Klassemanns Karlo Horn. Ganz vorn ist das Team des SVF damals zwar nicht gelandet, aber für den dritten Platz in der Südgruppe der Bundesliga hatte es immerhin einmal gereicht.
Bemerkenswert bei Andreas Wagner ist die sportliche Kontinuität, mit der er seinen Lieblingssport über fast fünf Jahrzehnte auf hohem Niveau bis heute pflegt. „Ich habe Glück gehabt, dass ich nie eine Verletzung hatte“, sagt er bescheiden. Allein schon, dass Andreas Wagner mit 61 Jahren noch in der Oberliga gut mithalten kann, ist bemerkenswert. Eher selten überschreitet ein anderer Drittliga-Heber das Alter seiner 30 und 33 Jahre alten Söhne. Unter Gewichthebern seiner Altersklasse ist er national wie international konkurrenzlos. Neunmal hat er Goldmedaillen bei Senioren-Weltmeisterschaften gewonnen. Im neuseeländischen Auckland ebenso wie in Savannah in den Vereinigten Staaten, im spanischen Barcelona und zuletzt vor vier Monaten im polnischen Wieliczka. Nach 72 Kilogramm im Reißen, 97 Kilogramm im Stoßen und folglich 169 Kilogramm im Zweikampf hatte er am Ende satte 34 Pfund Vorsprung auf den zweitplatzierten Slowaken Ladislav Juhasz – und drei deutsche Rekorde aufgestellt. An die genaue Zahl seiner nationalen Bestmarken kann sich Andreas Wagner nicht mehr genau erinnern: Bei 100 hat er aufgehört mitzuzählen.
25 EM-Titel sind das anvisierte Ziel
Während sich der Waiblinger bei Weltmeisterschaften zweimal „nur“ mit Silbermedaillen zufrieden geben musste, belegte er bei Europameisterschaften ausnahmslos erste Plätze – 23 in Summe. „25 Titel sind mein Ziel“, sagt Andreas Wagner, dessen Name längst in der Hall of Fame der Seniorengewichtheber zu finden ist.
Große Erfolge hat der im sächsischen Altenberg Aufgewachsene, der auch als Kampfrichter seinem Sport verbunden ist, jedoch nicht erst als Senior errungen. Als Teenager wurde er dort von dem später nach Fellbach umgezogenen Fritz Junghanns entdeckt und konnte schon im ersten Wettkampf sein Körpergewicht zur Hochstrecke bringen. 1989 wurde der gelernte Baumaschinist DDR-Meister der Aktivenklasse. Nach der Wiedervereinigung kamen zwei Titel als deutscher Meister hinzu. Mehr als 20 DM-Medaillen gewann er in der Aktivenklasse, zuletzt 2009 im Alter von 47 Jahren. Zweimal holte er sowohl in der Aktivenklasse als auch bei den Senioren den nationalen Titel und zudem in der Altersklasse Gold bei kontinentalen und globalen Titelkämpfen.
Inzwischen sieht sich Wagner in der Oberliga bestens aufgehoben
Dass er vor 24 Jahre vom SV Fellbach – Fritz Junghanns hatte ihn 1990 an den Fuß des Kappelbergs gelockt - zunächst zum VfL Nagold gewechselt ist und ein Jahr später 23 Saisons für den AC Weinheim Hanteln stemmte, hatte einen einfachen Grund: „Ich wollte weiter in der Bundesliga heben.“ Beim SV Fellbach gaben das damals die finanziellen Möglichkeiten nicht mehr her. Inzwischen sieht er sich in der Oberliga bestens aufgehoben, wohin sein guter Freund Laszlo Szabo den SVF kürzlich zurückgeführt hat. Der Ungar war auch während seiner Zeit beim AC Weinheim Trainer von Andreas Wagner, obwohl der längst selbst weiß, wie man Trainingspläne schreibt. Sozusagen als Gegenleistung unterstützt Andreas Wagner den Hebernachwuchs des SVF, der allerdings noch lange trainieren muss, bis er so viel Medaillen gesammelt hat wie der Altmeister.