Der erste seiner Elektro-Art: Mercedes EQC Foto: Hersteller

Statussymbol und oder Feindbild ? Heftig wird aktuell über SUV, über Sport Utility Vehicle, diskutiert. Doch die Debatte ist ein Scheingefecht, kommentiert „Stuttgarter Nachrichten“-Autor Nikolai B. Forstbauer

Stuttgart - Ein Sport Utility Vehicle, ein SUV, ein Stadtgeländewagen, verspricht Platz, Sicherheit und Gelassenheit. Unsinn – ein SUV droht mit Übergröße, ist ein Auto-Dinosaurier und gar eine Waffe im Straßenverkehr. Die Wahrheit? Bleibt meist Erfindung.

Breites Käuferinteresse

Keine Erfindung sind die 22 Prozent SUV-Anteil unter den Neuzulassungen in Deutschland im August. Und keine Erfindung ist der Anfang allen motorisierten Individualverkehrübels.

Die Kutsche wird Motorwagen

1886 hat Carl Benz seine für ihn wichtigste Erfindung fertig – und meldet einen Motorwagen zum Patent an. Er soll beweisen, dass eine Kutsche kein Pferd braucht, dass es eine neue Form der Fortbewegung geben kann. Doch Carl Benz zögert, will kein Risiko eingehen. Zwei Jahre vergehen, und noch immer hat sein Motorwagen keinen wirklichen Praxistest absolviert.

Seine Frau zeigt mehr Mut. Mit Beginn der Schulferien schnappt sich Bertha Benz Anfang August 1888 nicht nur ihre beiden Söhne, sondern auch den fertigen Motorwagen. Mutter und Söhne sitzen hoch, tuckern wohl mehr von Mannheim „zur Oma“ nach Pforzheim, als dass sie fahren. Viel wichtiger: Der Beweis ist erbracht. Benz’ Motorwagen fährt. Das Pferd war gestern – der Hochsitz bald auch. Zügig geht es nach unten – bis 100 Jahre später selbst Debatten über Spiegeleier-Scheinwerfer und den richtigen Knick nach oder vor der B-Säule nicht vertuschen können, dass das Auto selbst ein rechter Langweiler geworden ist – kaum mehr als eine Bodengruppe, über die markengetrennte Behauptungen gestülpt werden.

Kombis als Rennautos

Was tun, wenn technisch nichts geht (oder aller Vorsprung in einer Ölschwemme versinkt)? Und wenn der Begeisterungsfunke für die doch 100 Jahre taugliche Teilung Limousine/Kombi/Sportwagen langsam erlischt? Ganz einfach: Zurück! Zurück zu den Wurzeln, zurück auf den Hochsitz, zurück zum Überblick. Finden Kinder (als sichere Ratgeber) Traktorfahren nicht grundsätzlich spitze?!

Zauberwort Ursprünglichkeit

Der Platz da oben aber ist besetzt. Von Begriffen. Unverwüstlichkeit vor allem. Denn hoch sitzt man ja sonst nur noch im Gelände. So sehen sie denn auch aus zur Jahrtausendwende, die neuen Herrschaften von Volvo XC 90 bis zum Range Rover, die den massenhaften Familien-Kleinbussen die ganz lange Nase von Abenteuer und Ursprünglichkeit drehen.

2002 hat ein neuer Typ seinen Auftritt – der Porsche Cayenne

114 Jahre nach Bertha Benz’ kühner Fahrt schließlich steht ein recht merkwürdiger Motorwagen im Scheinwerferlicht: Hoch ist er, aber doch irgendwie flach gezeichnet, ein wenig zu stolz auf seine Muskeln, aber doch wenigstens ein Typ. Er heißt Cayenne, katapultiert Porsche aus der Nische – und den Wagentyp SUV mitten hinein in die Überflussdebatte.

Auch die Kleinen wollen nun groß sein

Da steckt er nun, 17 Jahre später, nein, nicht immer noch, sondern wieder. Dazwischen aber platzt die Erfolgsgeschichte aus allen positiven Zahlennähten und verlockt – siehe Borgward – selbst zu Marken-Neustarts. Alle wollen nach oben, auch die ganz Kleinen wie der Fiat 500 – und vergessen dabei, das doch der Kleinste im Bunde seit Jahren in einer eigenen SUV-Liga fährt und diese mit einer ruckelfreien Automatik auch lässig dominiert hätte: der Smart.

Statistisch gesehen, sind SUV-Nutzer bisher Langweiler

Was aber suchen die Menschen in der automobilen Höhe? Sicherheit wohl vor allem, im Marketing-Deutsch hieße das dann Souveränität. Einfach drüberstehen über der mitverursachten Hektik, dem mitverursachten Lärm, vielleicht gar dem mitverursachten Dreck. So sind die SUV-Nutzer rein statistisch gesehen rechte Langweiler. Sie haben marginal weniger Punkte in Flensburg und weniger Haftpflichtschäden. Und: Die Käufer sind nicht jung und angriffslustig, im Gegenteil. Die Älteren aber bringen nicht genügend Absatzmasse.

Jedem sein SÜVchen

Was kann da noch helfen? Diversifizierung. Ein wunderbares Wort, mit „Jedem sein SÜVchen“ schön übersetzt. Seit zwei, drei Jahren ist es vorbei mit der Ruhe da oben. Kaum sind alle deutschen Kombis M-, AMG- oder R-angeschärft, wird den Hochsitzern die Ruhe ausgetrieben. Und damit es die 30-jährige Autojugend auch merkt, lässt man echte Kerle von der Leine. Cupra donnert als neue Kultmarke so tiefschwarz in den Tag, als habe es die eben noch kränkelnde Mutter Seat als Volkswagen-Sorgenkind nie gegeben.

Tonnenschwere Elektrifizierung

Und es gibt weitere Widersprüche: Mercedes platziert seinen neuen GLB fast schon historisierend als „Raumwunder“ – und bläst den EQ-Flotten-Wegbereiter zu Flaggschiffgröße auf. Dabei lässt die SÜVchen-Flut den Schwergewichtselektroeinstieg von Q7 & Co. schon jetzt als überholt erscheinen. Da müsste, wo Innovation draufsteht, schon Brennstoffzelle oder Wasserstoff drin sein, um als technologisches Image-Zugpferd zu wirken.

Kein Mobilitätssprung, nirgends

Der Stand der Diskussion? Das Böse sitzt hoch. Die Realität? Von einem Mobilitätssprung, wie ihn Bertha Benz vorführte, sind wir weit entfernt. Mit dem SUV aber hat dies schlicht nichts zu tun.

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