Der fußläufige Supermarkt hat dichtgemacht, und auch sonst leidet das Zentrum des Stadtteils Hohenstange an Attraktivitätsverlust. Wie will die Stadt gegen den Trading-down-Effekt ankämpfen?
Wenn Wochenmarkt ist im Tammer Stadtteil Hohenstange, ist die Anmutung des kleinen Einkaufszentrums an den beiden Wassertürmen etwas weniger trist. Ansonsten wäre das Wort Aufenthaltsqualität so ziemlich das Letzte, das einem zum öffentlichen Raum rund um die kleine Mall an der Ulmer Straße einfallen würde. Dort reiht sich die „Eichbaum Theke“ an ein paar Dienstleister, eine Post-Filiale, eine SB-Bank, eine Apotheke und ein Schreibwaren- oder ein Toto-Lotto-Lädchen. Dazwischen Leerstände. „Machen Sie schnell das Foto, bevor noch ein Laden weg ist“, kommentiert ein Passant. Um die Ecke gähnt den Vorbeigehenden ein verrammelter Supermarkt entgegen.
So soll’s nicht weitergehen. Gegen den sogenannten Trading-down-Effekt wollen die Tammer Verwaltung und der Gemeinderat jetzt Schritte unternehmen: Das Ambiente rund um das Wasserturm-Areal soll schöner werden. „Die Hohenstange braucht Begegnungsmöglichkeiten und der Platz Aufenthaltsqualität“, sagt Martin Bernhard (parteilos), der gerade wiedergewählte Bürgermeister von Tamm, das seit diesem Jahr nicht mehr Gemeinde, sondern Stadt ist. Fast die Hälfte der rund 12 600 frischgebackenen Städter wohnt auf der Hohenstange. Der Stadtteil wuchs seit den 1970er Jahren rasant und spricht die entsprechende Architektursprache. „Damals war das voll auf der Höhe der Zeit“, sagt Martin Bernhard. Inzwischen ist das Areal um das Einkaufszentrum ein Problemfall: Dem Platz drohe die völlige Verödung, wenn nichts passiere, hieß es alarmistisch in einer Beratungsvorlage für den Technischen Ausschuss. Dieser beauftragte jetzt für knapp 30 000 Euro ein Büro mit der Vorplanung für eine Quartiersaufwertung. „Die Herausforderung ist groß“, räumt Bernhard ein. „Aber man muss sich ihr stellen.“
Immobiliengesellschaft: Zur Not über alternative Nutzungen nachdenken
Ein großes Problem ist, dass es nicht gelingt, einen Supermarkt zu etablieren. Vor nicht einmal zwei Jahren war noch gefeiert worden, dass wieder einer eröffnete – nachdem Edeka seinen Treff 3000 dichtgemacht hatte, hatte es im Zentrum der Hohenstange keine fußläufige Nahversorgung mehr gegeben. Doch die Türen eingerannt hatten die Bewohner dem neuen Laden dann auch nicht. Lag’s daran, dass beim Anatolia der Fokus zu stark auf türkischen Waren lag? Auch nach einem Sortimentswechsel kam der Laden, mittlerweile unter dem Namen Tammkauf firmierend, nicht auf die Beine – trotz einer Kooperation mit Rewe. Seit ein paar Monaten ist der Supermarkt zu.
Was dort jetzt passiert, ist offen. „Das leer stehende Ladengeschäft war viele Jahre an Edeka vermietet. Nach deren Auszug wurde ein alternativer Betreiber des Lebensmittelgeschäfts gefunden, der leider in wirtschaftliche Schwierigkeiten geriet und seine Miete nicht mehr zahlen konnte“, sagt Walter Beutelmann von der Trema Immobilien Management GmbH in Ludwigshafen. Ihr gehört die Immobilie. Derzeit, so Beutelmann, versuche man aktiv, einen Lebensmittelhändler für die Ladenfläche zu finden.
„Ein Auftrag an ein Makler-Fachunternehmen ist vergeben, unsere eigenen Kontakte werden aktiviert.“ Falls es nicht gelinge, komme auch die Vermietung an einen Getränkemarkt oder ein vergleichbares Geschäftsmodell im Lebensmittelbereich infrage. „Sollte auch hier keine Nachfrage bestehen, muss über eine alternative gewerbliche Nutzung nachgedacht werden“, sagt Beutelmann. „Ein dauerhafter Leerstand ist jedenfalls keine Option.“
Auf dem umgebenden Areal in öffentlicher Hand soll eine städtebauliche Neuausrichtung zu Attraktivitätszugewinn und Wohlfühlatmosphäre führen, Identifikationspunkte schaffen und bei Handel und Dienstleistung neues Ansiedelungsinteresse generieren. Ein Zentrum, das Fluchtimpulse auslöse, dürfe nicht die Zukunft sein, findet der Bürgermeister. „Das Zwischenmenschliche kann man nur fördern, wenn die Situation attraktiv macht“, sagt Bernhard.
Eine neue Grundschule für die Hohenstange
Ihm schweben ansprechend gestaltete, begrünte Platzsituationen vor, Spielmöglichkeiten für Kinder, ein Eiscafé oder eine Espressobar. „Aber wir gehen den Prozess ganz ergebnisoffen an.“ Für die Neugestaltung des Quartiers am Wasserturm seien die Ideen der Bewohner gefragt, mit denen ein Bürgerbeteiligungsprozess angestoßen werden soll. Die Ladenbetreiber und Dienstleister sollen ebenfalls mitreden.
Auch an anderer Stelle tut sich etwas: Die Hohenstange bekommt eine neue Grundschule. Bauliche Mängel, miese Energiebilanz, fehlende Barrierefreiheit und zu wenig Platz ließen eine Sanierung der seitherigen Schule – ebenfalls ein Kind der 1970er Jahre – wenig sinnvoll erscheinen. Für 18,5 Millionen Euro entsteht deshalb an gleicher Stelle ein Neubau, der auch den Anforderungen an einen Weg zur Ganztagsschule und zur Digitalisierung Rechnung tragen soll.
Auch auf der Achse in Richtung Kernstadt ist etwas in Bewegung. Dort wird nach langem Ringen das Egelsee-Gelände bald neu geordnet, ein Investor will ein Restaurant, Betreutes Wohnen für Senioren und Penthousewohnungen bauen. Und an der Schnittstelle zum Stadtkern soll einmal ein Bürgergarten eine barrierefreie, attraktive Wegeverbindung zwischen Zentrum und der Hohenstange schaffen.