Kevin Winkle hat sich vor einigen Tagen in Italien auf das Supercross-Event in Stuttgart vorbereitet. Foto: imago/Steve Bauerschmidt

Lange Zeit hat Kevin Winkle die Supercross-Strecken gemieden. Als mittlerweile 27-Jähriger will es der Murrhardter nun aber noch einmal wissen. An diesem Freitag und Samstag steht er bei seinem Heimspiel in Stuttgart unter besonderer Beobachtung.

Eigentlich gibt es ja kein Vertun – wer einmal die Faszination Supercross in der Stuttgarter Schleyerhalle erlebt hat, ist ein Fan fürs Leben. Bei Kevin Winkle war das nicht anders – und sein Erstkontakt mit dem Spektakel ist schon recht lange her. „Da mein Vater früher selbst ein Supercross-Team betrieben hat, war ich schon als kleiner Junge dabei und bin mit dem Cityroller durch die Halle geflitzt“, erinnert sich der heute 27-Jährige, „und seitdem gab es kaum ein Jahr, in dem ich nicht in der Schleyerhalle war.“ Doch die Geschichte von Kevin Winkle und dem Stuttgarter Supercross ist nicht nur eine Liebesbeziehung. Es gibt auch dieses große Aber.

 

Der Mann aus Murrhardt im Rems-Murr-Kreis ist schließlich selbst Motocross-Pilot – hat aber als Aktiver um die enge Strecke in der Schleyerhalle in den vergangenen Jahren lieber einen großen Bogen gemacht. Zu schmerzhaft waren die Erinnerungen an den bis dato ersten und einzigen Auftritt im Jahr 2015.

Die Vorfreude war groß gewesen damals auf den Auftritt vor den mehreren Tausend Zuschauern. Doch das Abenteuer war beendet, noch bevor der erste Motorsportfan die Halle betreten hatte. Ein technischer Defekt war Ursache für einen kapitalen Sturz in der Qualifikation am Nachmittag. Die Folge: eine kaputte Schulter – und das Aus für das eigentliche Event am Abend. „Die grandiose Atmosphäre“, erinnert er sich, „habe ich als Fahrer also gar nicht erlebt.“ Dafür erst im vergangenen Jahr wieder als Zuschauer. Und dabei reifte der Entschluss, es doch noch einmal zu versuchen auf der rund 300 Meter langen und mit Sprüngen, engen Kurven sowie dem gefürchteten „Waschbrett“ gespickten Supercross-Strecke.

„Ich will dieses Adrenalin noch einmal spüren“, sagt Kevin Winkle. „Wenn nicht jetzt, wann dann“, lautet das Motto des Rennfahrers, der sich so gut, fit und schnell fühlt wie seit Jahren nicht mehr. Zwar plagte ihn zu Beginn dieser Saison erneut eine Schulterverletzung. Die allerdings war weit weniger gravierend als vor acht Jahren – und nach zwei Monaten zwischen Mai und Juli, in denen er kürzertreten musste, hat er sich dann fast vollständig auf das Supercross-Training konzentriert. Zuletzt mit einigen Trainingstagen in Italien. Nahe Bologna war auch der zweite Lokalmatador, Paul Bloy aus Biberach, mit dabei.

Andere Anforderungen als beim Motocross

Das Duo aus dem KTM-Kosak-Team startet an diesem Freitag und Samstag in der Klasse SX 2. Und auch wenn das nicht das Feld der Allerbesten ist – diese treten in der SX 1 an –, erwartet Winkle und Bloy hochklassige Konkurrenz. Unter anderem aus dem Profilager anderer Nationen, wo das Supercross einen viel größeren Stellenwert besitzt als in Deutschland.

Lediglich zwei Veranstaltungen (Stuttgart und Dortmund) sind hierzulande vom einst umfangreicheren Rennkalender geblieben, nur eine permanente Trainingsstrecke in Thüringen gibt es bundesweit. Dabei erfordert das Supercross im Vergleich zum normalen Motocross durchaus eine spezielle Vorbereitung. „Man steht vom Start weg komplett unter Strom, man kann sich nie ausruhen und muss permanent hoch konzentriert sein“, beschreibt Kevin Winkle die Unterschiede. Um für die zwei Wochenenden in Stuttgart und Dortmund bereit zu sein, habe er zuletzt im Supercross-Training „drei Monate lang Vollgas gegeben“.

Was für einen wie ihn gar nicht so leicht ist. Zwar träumte der Murrhardter als schneller Nachwuchsfahrer einst von einer Karriere als Profi. Nachdem ihn eine schwere Sprunggelenksverletzung 2012 aber zu einem Jahr Pause gezwungen hatte, war klar: Motocross als Hauptberuf – daraus wird nichts werden. Und so geht er heute einem 40-Stunden-Bürojob nach, widmet lediglich seine Freizeit und viele Urlaubstage seiner Leidenschaft auf dem Cross-Motorrad – und ist dennoch stolz auf das, was er erreicht hat. „Ich bin“, sagt Kevin Winkle, „der schnellste Amateurfahrer Deutschlands.“

Als solcher fährt er abseits des Supercross in verschiedenen regionalen Rennserien, bestreitet DM-Läufe und steht auch beim ADAC MC Masters ab und an am Startgatter. Wenn keine Rennen anstehen, gibt er an den Wochenenden Kurse in seiner eigenen Motocross-Schule oder betreut als Trainer Nachwuchsfahrer.

Besonderer Druck als Lokalmatador

Einige von ihnen, davon ist auszugehen, werden Winkle an diesem Freitag und Samstag in der Schleyerhalle zujubeln. „Freunde, Familie, Bekannte – alle werden da sein“, sagt der 27-Jährige, der aber auch weiß: „Auf uns Local Heroes lastet auch ein gewisser Druck.“ Dem will er auf seiner 250-ccm-Maschine trotzen, sich für das 22er-Feld qualifizieren, das am Abend auf die Strecke darf, und mindestens an einem der beiden Tage das Finale der besten zwölf erreichen.

Denn Kevin Winkle und das Supercross in der Schleyerhalle soll eine Liebesbeziehung bleiben. Ab sofort ohne dieses große Aber.