Suchthilfe Partydrogen bleiben Pillen mit hohem Risiko

Von Barbara Czimmer 

Partydrogen wie hier diese Ecstasy-Pillen sind beliebter als Opiate. Foto: dpa
Partydrogen wie hier diese Ecstasy-Pillen sind beliebter als Opiate. Foto: dpa

Der größte Teil der jungen Erwachsenen probiert Drogen aus oder konsumiert regelmäßig welche. Man könnte Konsumenten wie in der Schweiz oder in Österreich vor gefährlichen Inhaltsstoffen in Partydrogen schützen, doch den Stuttgarter Suchtberatern sind die Hände gebunden.

Stuttgarter - Der größte Teil der jungen Erwachsenen probiert Drogen aus oder konsumiert sie regelmäßig. Man könnte Konsumenten wie in Österreich mit einer Analyse der Pillen und Substanzen vor gefährlichen Inhaltsstoffen in Partydrogen schützen, doch den Stuttgarter Suchtberatern sind die Hände gebunden.

Ursache dafür ist der Gesetzgeber selbst. „Wir würden das so genannte Drug-Checking gern anbieten, dürfen es aus juristischen Gründen aber nicht“, sagt Release-Geschäftsführer Ulrich Binder. Ein Zusatz im Betäubungsmittelgesetz verbietet die Analysen – auch Apothekern und ­öffentlichen Stellen wegen Haftungsfragen und weil die Ergebnisse die Konsumenten in falscher Sicherheit wiegen könnten. Dabei könnten die Drogenberater des Vereins diese Fragen direkt mit den Klienten klären.

„Wir haben im vergangenen Jahr bei Einsätzen im Partymilieu viele Kontakte geknüpft und hätten den Leuten gern gesagt, was in den Pillen steckt.“ So blieb den Beratern nichts anderes übrig, als Warnungen zu verschiedenen Pillen zu verteilen. Die Präparate unterscheiden sich durch eingeprägte Symbole und Bildchen.Besser wäre nach Binders Einschätzung gewesen, die Drogen zu „checken“. In Österreich und der Schweiz funktioniere das innerhalb einer Stunde: „Die Leute geben die Droge ab und bekommen eine Nummer zugeteilt. Ein staatliches Labor untersucht den Stoff und lässt dem Veranstalter des Drogenchecks die Analyse zukommen. Er teilt auch mit, ob in dem Präparat der gewünschte oder erwartete Inhaltsstoff steckt oder ob er vom Erwarteten abweicht.“

Analyse innerhalb von einer Stunde

Die Rückmeldung des Labors könnte lauten: „Diese Probe enthält jene Substanz, die erwartet wurde“; „hochdosiert“ könnte als warnender Zusatz dabeistehen. Bedenklicher wird es, wenn „eine oder mehrere unerwartete Substanzen“ enthalten wären oder diese als „gesundheitlich besonders bedenklich“ eingeschätzt würden. „Dürften wir die Ergebnisse an unserem Infostand austeilen, könnten wir gleich dort mit der Beratung beginnen“, sagt Ulrich Binder. Die Zahl derer, die auf Festivals und in Clubs von Release mit dem seit zwei Jahren bestehenden Partydrogenprojekt „Take“ erreicht wird, ist beachtlich: Release knüpfte bei 25 Einsätzen zu mehr als 6300 Feiernden Kontakt und hat mehr als 1100 von ihnen beraten. Das Institut für angewandte Sozialwissenschaften der Dualen Hochschule Stuttgart hat das Präventionsprojekt wissenschaftlich begleitet und bewertet mit dem Ergebnis, dass „Take“ eine Beratungslücke schließt und bei Partygängern „die Hürde senkt, sich über Drogen, Substanzkonsum und den Gefahren auszutauschen“.

Stadt soll Zuschuss für Personal zahlen

Ulrich Binder will das jährlich 125 000 Euro teure, über Stiftungs- und Spendengelder finanzierte Projekt deshalb auf finanziell sichere Füße stellen: „Wir reichen einen Antrag auf Personalstellen zum nächsten Doppelhaushalt ein.“

Programm zur Entwöhnung

Laut Jahresbericht hat die Beratungsstelle für Sucht- und Drogenthemen im vergangenen Jahr 1992 Personen erreicht; 1472 davon hatten zwei- und mehrmals Kontakte zu Release. Allerdings zählen dazu auch 666 Klienten der Substitutionspraxis in der Kriegsbergstraße, deren inzwischen 80 Plätze voll belegt sind. Insgesamt 137 Personen haben eine Therapie aufgenommen, ein Gutteil davon Häftlinge aufgrund einer gerichtlichen Auflage. Insgesamt 805 Klienten haben Beratungen oder Therapien im Lauf des Jahres beendet, fast zwei Drittel davon planmäßig. Insbesondere die Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit von Substitutionspatienten soll mit der Vermittlung in einfache Tätigkeiten im laufenden Jahr verstärkt werden. Arbeitsplätze werden im Untergeschoss der Kriegsbergstraße eingerichtet.

Während sich die Nachfrage nach Beratung „auf hohem Niveau stabilisiert“ hat, so Binder, sei der Anteil der heroinabhängigen Erwachsenen stark gesunken: „Vor zehn Jahren waren es noch 90 Prozent der Klienten, heute sind es nur noch 35 Prozent.“ Die Jüngeren, unter 21-Jährigen, gehörten zu je 50 Prozent zu Alkohol- und Cannabiskonsumenten. Für letztere wurde ein Modul entwickelt, mit dem sie das Konsumverhalten in sechs Einzelsitzungen hinterfragen und verändern können.

Release unterstützt die Gründung einer Selbsthilfegruppe und bietet unter der E-Mail-Adresse release-mitte@release-stuttgart.de innerhalb von 48 Stunden eine vertrauliche, anonyme Beratung an.

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