In der Clarion-Clipperton-Zone im Zentralpazifik liegen Manganknollen auf dem Meeresboden. Sie enthalten neben den Metallen Mangan und Eisen auch Kupfer, Nickel und Kobalt. Foto: Geomar/ROV-Team

Der Bergbau in der Tiefsee verspricht große Gewinne: Dort gibt es wertvolle Vorkommen von Metallen und seltenen Erden. Umweltschützer sind alarmiert – und warnen vor einer ökologischen Katastrophe.

Kiel - Der 21. November 2019 war für viele Umweltschützer ein guter Tag. An diesem Tag ist die Bergbaufirma Nautilus Minerals offiziell in den Konkurs gegangen. Die Pioniere des Tiefseebergbaus mussten aufgeben. Damit schien ein gigantisches Projekt gescheitert: Das kanadische Unternehmen wollte auf dem Boden des Pazifischen Ozeans wertvolle Schätze abbauen. Dort lagern Mineralien mit einem hohen Gehalt an Kupfer, Mangan, Kobalt, Molybdän, Yttrium, Thallium und Seltene Erden. Diese Metalle werden für viele neue Technologien benötigt. Sie stecken beispielsweise in Mobiltelefonen, Batterien und in leistungsfähigen Legierungen.

 

Nautilus hat Bagger und Schürfmaschinen und Förderbänder konstruiert, die 1800 Meter unter dem Meeresspiegel den Boden aufreißen, zerkleinern und abtransportieren. Die Kanadier hatten sogar schon mit der Regierung von Papua-Neuguinea eine Lizenz ausgehandelt. Der Inselstaat investierte seinerseits 157 Millionen Dollar in den Tiefseebergbau – das Geld ist verloren.

Wissenschaftler fürchten am Boden der Meere eine Umweltkatastrophe

Ein Gutachten von mehr als 80 Umweltorganisationen aus dem Sommer dieses Jahres verdeutlicht, in welchem Ausmaß die großen Maschinen die Umwelt zerstört hätten. „Sie werden keinen einzigen Wissenschaftler finden, der behauptet, dass der Tiefseebergbau keine dramatischen Auswirkungen auf die Meeresumwelt haben wird“, sagt Catherine Coumans von Miningwatch Canada, eine Sprecherin der Gruppe. Am Boden des Ozeans könne eine Umweltkatastrophe entstehen, die wegen der Unzugänglichkeit der Region weitgehend unbemerkt bleiben würde, erklärt sie.

Tatsächlich ist über das einzigartige Ökosystem, in dem die Bagger anrücken sollen, nur wenig bekannt. Tiefseeforschung ist teurer und langsamer als Wissenschaft an Land. In den Tiefen der Ozeane leben Mikroorganismen, die trotz der Dunkelheit pflanzliches und tierisches Material abbauen, das von der Meeresoberfläche zum Boden sinkt. Dabei vermehren sie sich und dienen größeren Lebewesen wie Würmern, Krebsen oder Seegurken als Nahrung, die wiederum von Fischen gefressen werden.

Viele Forscher fürchten, dass die Maschinen am Meeresgrund diese Nahrungskette zerstören. „Durch den Abbau wird eine große Wolke von Sedimenten und teilweise giftigen Metallen entstehen“, erklärt Matthias Haeckel vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. Während die größeren Stücke binnen weniger Stunden wieder zu Boden sinken, verteilen sich die feineren Partikel nach seiner Einschätzung über Wochen und Monate im Meer. „Wir wissen nicht, wie das Ökosystem, wie Fische und Fischlarven auf diesen feinen Staub reagieren. Die Organismen, die normalerweise deutlich klareres Wasser filtern, können dieser Belastung kaum entkommen“, vermutet Haeckel.

Chinesische Firmen könnten mit der Förderung am Meeresgrund beginnen

Die Wissenschaftler am Geomar betreiben die weltweit wohl einzige Langzeitstudie zu den Auswirkungen des Tiefseebergbaus. 1989 pflügten sie vor der südamerikanischen Küste in 4000 Meter Tiefe auf einer Fläche von elf Hektar durch den Meeresboden und sammelten Mineralien. 25 Jahre später sind die Spuren dieser Aktion auf den Bildern der Forschungs-U-Boote noch immer klar zu erkennen. Die Besiedlung des Bodens mit Organismen sei anders als zuvor, berichtet Jens Greinert, Professor für Tiefseemonitoring. Sesshafte Arten wie Anemonen, Weichkorallen oder Schwämme seien auch zwei Jahrzehnte nach dem Bergbauexperiment nicht zurückgekehrt.

Wegen dieser Erkenntnisse haben die Inselstaaten Fidschi und Vanuatu ein Moratorium und Abbauverbot bis 2030 vorgeschlagen. Bis dahin sollen Forscher mögliche Folgen für Umwelt, Tourismus, Fischerei und Wirtschaft untersuchen. Doch die vielen kleinen, meist ärmeren Staaten im Pazifischen Ozean ziehen nicht an einem Strang. Der Konkurs des Branchenprimus Nautilus Minerals hat zwar Wellen geschlagen, aber er kann den Goldrausch in der Tiefsee nicht stoppen.

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Branchenkenner wie der Nachrichtendienst „Resource World“ rechnen damit, dass nun chinesische Firmen die ersten Metalle vom Boden des Ozeans fördern werden. In der westlichen Öffentlichkeit erfährt Deep Green Metals die größte Aufmerksamkeit. Das kanadische Unternehmen sicherte sich im April 2020 die Schürfrechte für weitere 74 000 Quadratkilometer Meeresgrund von den Inselstaaten Kiribati, Nauru und Tonga. Die Flächen liegen meistens innerhalb der 200-Meilen-Zone und damit im Hoheitsgebiet der jeweiligen Inselstaaten.

An den vollständigen Schutz der Ökosysteme glaubt kaum noch jemand

Während der zahlreichen Vulkanausbrüche in der Erdgeschichte wurden hier wertvolle Metalle mit dem Magma nach oben gespült. Das Sulfidgestein in der sogenannten Clarion-Clipperton-Zone enthält zudem Gold, Silber und Zink. Deep Green Metals könne nun genug Nickel, Kupfer, Kobalt und Mangan fördern, um mehr als 250 Millionen Batterien für Elektroautos zu bauen, teilte der Unternehmenschef Gerard Barron mit. Die drei pazifischen Staaten seien damit Vorreiter in der Entwicklung neuer Strategien zur Eindämmung des Klimawandels.

Der Druck der Bergbauunternehmen und der Wirtschaft ist hoch. Die Internationale Meeresbodenbehörde (ISA) hat inzwischen 30 Lizenzen zur Erforschung und Erprobung des Tiefseebergbaus erteilt. Die ISA wurde 1994 mit dem Ziel gegründet, die Bodenschätze der Tiefsee als „gemeinsames Erbe der Menschheit“ zu verwalten. Was das konkret bedeutet, bewerten Umweltschützer und Industrievertreter unterschiedlich. 2021 will die ISA Richtlinien für den nachhaltigen Abbau der Tiefseeschätze präsentieren. „Der ISA ist bewusst, dass die Wissenschaft in diesen Prozess von Anfang an eingebunden sein muss“, sagt Matthias Haeckel. An den vollständigen Schutz der Ökosysteme glaubt kaum noch jemand. „Die Umweltstandards sollten gewährleisten, dass Kriterien festgelegt werden, die eine unumkehrbare Schädigung des Tiefsee-Ökosystems verhindern oder zumindest auf die unmittelbar abgebauten Flächen beschränken“, fordert Haeckel.