Unglücklich in einer fremden Umgebung: Die Brüder Nazmir (li.) und Sedat Foto: map

Aus der niedersächsischen Idylle in den Kosovo: Das triste Leben der Brüder Hasani.

Leposavic - Die beiden Brüder Sedat und Nazmir, 13 und 12 Jahre alt, haben lang im niedersächsischen Hemmingen gelebt. Das jähe Ende ihres Glücks kam im Oktober 2009: Die Mutter hatte kein Bleiberecht mehr. Jetzt lebt die Familie in einer verlassenen Armeegarage im Kosovo.

Der Papa hat sich seinen kleinen Sohn auf die Schultern gesetzt. Beide lachen in die Kamera. Der Weihnachtsbaum leuchtet bunt. Die Mama, hochschwanger, sitzt auf dem Sofa unter der Stehlampe und strahlt. Erinnerung an ein kleines Glück in Hiddestorf bei Hemmingen, Niedersachsen.

Das Album mit dem Bild von Weihnachten 1997 steckt in einem säuberlich aufgeschichteten Stapel unter Omas Bett in Leposavic. Ordnung muss sein, wenn man zu zwölft auf fünfzehn Quadratmetern schläft. Die Familie aus Hemmingen lebt jetzt in der verlassenen Armeegarage einer Kleinstadt im Norden des Kosovo. Notdürftig eingezogene Pappwände trennen die Verschläge, in denen die Familien die Nächte und die meisten Tage verbringen. Im dritten Zimmer rechts wohnen die Hasanis. Sie haben die zugigen Ritzen des Betonschuppens mit knallbunten Decken verhängt. Sonnenlicht dringt hier keines ein.

Vom Wohnzimmer ins Jugendheim - in Polizeibegleitung 

Sedat, der kleine Junge auf dem Foto, ist inzwischen 13, sein Bruder Nazmir ist 12. Beide sind in Hemmingen aufgewachsen. Jetzt sitzen sie im Schneidersitz auf einem Teppich und bewegen sich wie in Zeitlupe. Wenn sie erzählen, dann von früher. "Ich war gut in Mathe", sagt Sedat. "Ich war bei der freiwilligen Feuerwehr", sagt Nazmir. Sie reden wie alte Männer über ihre Jugend. Was die beiden Jungen für ihr Leben hielten, endete jäh an einem Oktobertag 2009.

Polizisten kamen in ihre große Wohnung in Arnum bei Hemmingen und nahmen sie mit. Die Mutter musste ins Gefängnis, sagt Nazmir, "und wir kamen in so ein Jugendheim mit Gittern vor den Fenstern". Das Verhängnis kam plötzlich. Um sie nicht zu beunruhigen, hatte die Mutter den Kindern nichts erzählt. Was den Jungen aus Hemmingen widerfuhr, heißt "freiwillige Ausreise". 1993, lange vor ihrer Geburt, waren Mutter Halimi und Vater Mifai aus Jugoslawien nach Deutschland gekommen. Weil in ihrer Heimat Krieg herrschte, durften sie bleiben. Aus einem Übergangslager in Braunschweig wurden sie nach Hemmingen geschickt. Zwei Söhne wurden geboren, Nachkömmlinge. Die Eltern trennten sich, als beide noch klein waren, hielten aber Kontakt. Irgendwann war der Krieg aus. Mifai, der immer Arbeit hatte und inzwischen mit einer deutschen Partnerin ein Kind mit deutscher Staatsangehörigkeit hat, fiel unter das neue Bleiberecht. Die Mutter, die bei den Kindern geblieben war, nicht.

"Die Behörden haben richtig Druck gemacht", sagt Klaus Rudolph, der Anwalt der Familie in Laatzen. Als die Polizei kam, konnte er schon nichts mehr tun. Unter den Papieren, die Halime Hasani bei der Polizei unterschrieb, muss wohl eines mit dem Titel "freiwillige Ausreise" gewesen sein.

Von den Vätern hat kein einziger Arbeit

Das Lager in Leposavic liegt versteckt hinter der Hauptstraße. Die kahlen Flure zwischen den Verschlägen gehören den kleinen Kindern. Unter schwachen Glühbirnen toben sie herum, ein kleiner Junge pinkelt in hohem Bogen auf den Boden. Alle 187 Bewohner sind Roma oder Ashkali, wie die albanischsprachigen Zigeuner sich nennen. Das heißt nicht, dass sie einander verstehen würden. Einige sprechen Albanisch, andere Serbisch, wieder andere Romanes - oder Deutsch, wie Sedat und Nazmir.

Lagersprecher Skender Gushani, ein trauriger älterer Herr mit einem lahmen Bein, kennt die Geschichte jeder einzelnen Familie. Er hat auch die Krankengeschichten gesammelt. Viele Kinder leiden unter Bleivergiftungen - sie waren in einem Lager auf einer Abraumhalde, bevor sie hierherkamen. Es gibt genaue Haaranalysen, durchgeführt von einem Institut in Bad Emstal bei Kassel.

Seit das Kosovo unter internationaler Verwaltung stand, wurde alles immer gut dokumentiert. Nur geändert hat sich nichts. Viele bekommen Diclofenac, ein Rheumamittel, andere Akineton gegen Schüttellähmung. Von den Vätern hat kein einziger Arbeit. Besser als Medikamente es können, würde Sedat und Nazmir die Schule helfen. Aber dort waren sie seit ihrer Ankunft im Lager noch keinen Tag. Keine Papiere. Ausgereist sind die beiden samt Mutter mit einer "Grenzübertrittsbescheinigung". Mutter Halime versucht seit einem Jahr, einen serbischen Pass zu bekommen. Leposavic liegt im serbisch kontrollierten Norden des Kosovo, einem rechtlichen Niemandsland. Die Geburtsurkunden der Jungen sind aus Deutschland.

In Hemmingen verblassen die Erinnerungen an die beiden Brüder

"Wir gehen so gut wie nie raus", sagt Sedat. "Die wollen uns schlagen." Eigentlich hätten sie in die Heimatstadt der Mutter ausreisen sollen, nach Mitrovica. Aber das Roma-Viertel, dessen Adresse auf der deutschen Bescheinigung verzeichnet ist, ist seit elf Jahren nur noch ein Haufen Schutt. So sind sie im Lager gelandet, weil immerhin die Oma schon dort war.

In Hemmingen und den umliegenden Dörfern, wo die Hasanis gelebt haben, verliert die Erinnerung an die beiden Nachwuchs-Fußballer des FC Arnum langsam an Farbe. Auf der Realschule, die Sedat gerade zwei Monate besucht hatte, kann sich niemand so recht an den blassen Jungen erinnern. Die Leiterin der Grundschule in Hiddestorf, Birgit Spengler, dagegen sehr wohl: "Wir haben sie hier sehr gut fördern können", sagt die Lehrerin, "und sie wären sicher etwas geworden." Die Jungen hätten "wohl gespürt, dass wir sie mochten." Beide Jungen gingen regelmäßig zur Schule. In den letzten Wochen allerdings seien sie "sehr still geworden". Nachmittags waren beide viel im Jugendheim. "Gut greifbar" seien die beiden gewesen, sagt dessen Leiter René Döpke. Wenn im Heim ein Fest gefeiert wurde, kam die Mutter der beiden Fußballer des FC Arnum mit Selbstgebackenem.

Einen Fußball gibt es im Lager von Leposavic nicht. Einzige Abwechslung sind die Besuche der Brüder Bogdanovic aus Kamin, einem Dorf in der Nähe. Slavisa und Stanisa sind aus Wadersloh in Westfalen hierhergeschickt worden und sprechen Deutsch. Das Ausländeramt hat es gut mit ihnen gemeint und ihnen Geld für die Kükenaufzucht gegeben, die sie hier betreiben wollten. Investiert haben sie das Geld in einen riesigen Plasma-Fernseher mit Satellit - anderthalb Quadratmeter Deutschland in einem abbruchreifen Haus ohne fließendes Wasser. "Na, zurück wollen wir", sagt Sedat, wenn man wissen will, was denn nun werden soll, ein bisschen erstaunt über die Frage. Die Perspektive ist für die deutsche Community von Leposavic in jedem Fall realistischer als die Aussicht auf ein Leben im Kosovo. In Hemmingen warten der Papa und die Geschwister. Ein Bruder ist Ingenieur. Niko, der Sohn von Stanisa Bogdanovic, ist ein paar Jahre älter und wieder zu Hause bei seiner Freundin - illegal. Wer in Serbien lebt, keine 20 Kilometer von hier, darf frei nach Deutschland reisen. Wenn die Mutter endlich den Pass kriegt, fahren auch die Hasanis zurück - diesmal illegal, denn einreisen dürfen sie nur für drei Monate als Touristen. Die Außenminister der Schengen-Staaten denken schon über eine Visa-Befreiung für Kosovaren nach. Wenn Sedat und Nazmir alt genug sind, um heimzukehren, tun sie es ohne Geld, ohne Schulabschluss, ohne Beruf. Den Grund für ihre nächste Abschiebung, mangelnde Integration, werden sie dann erfüllt haben.

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