Cornelius Meister ist Generalmusikdirektor der Oper Stuttgart und des Staatsorchesters Stuttgart Foto: Fanny Gaul/Fanny Gaul

Wie wird klassische Musik künftig präsentiert? Baden-Württembergs Kunstministerin Petra Olschowski fordert neue Wege. Was antwortet Cornelius Meister, Generalmusikdirektor der Oper Stuttgart?

Bei diesem Satz wurde es still beim „Kulturgespräch“ unserer Zeitung im Sparda-Welt-Eventcenter. „Ich glaube“, sagte Petra Olschowski, Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst in Baden-Württemberg, „dass wir im Bereich der klassischen Musik über neue Präsentationsformen nachdenken müssen“. Cornelius Meister (43), Generalmusikdirektor der Staatsoper Stuttgart und des Staatsorchesters Stuttgart, hörte die Worte in der ersten Reihe. Was antwortet er?

 

Herr Meister, Ministerin Olschowski hat eine klare Erwartung formuliert: Die Präsentation klassischer Musik sei zu überdenken. Hat Sie die Deutlichkeit überrascht?

An einem inhaltlichen Austausch mit den Verantwortlichen in der Politik bin ich immer interessiert. Es ist doch großartig, wenn sich Ministerinnen aktiv in die Fach-Debatten einbringen.

Eine diplomatische Antwort. Es geht ja immer auch um Fördererwartungen. Diese könnte heißen: Geld gegen Öffnung. Lässt sich aber die Präsentation klassischer Musik tatsächlich öffnen – und wie weit?

Dass sich das Ministerium künftig in die Spielplanung einmischen wolle, hat Ministerin Olschowski sicher nicht gemeint, und ich habe das so auch nicht vernommen. Aber eines ist uns allen doch klar: Unsere Gesellschaft leistet sich zu Recht Theater und Orchester, wie sie auch Schulen, Schwimmbäder und öffentliche Parks unterhält, da Kultur für alle Menschen unverzichtbar ist. So ist es selbstverständlich, dass wir unsererseits Projekte für alle Generationen und alle Geldbeutel, aber auch viele Veranstaltungen bei freiem Eintritt vorhalten. Um wirklich alle zu erreichen, haben unsere Vorgänger vor 26 Jahren die Junge Oper Stuttgart gegründet, damals deutschlandweit eine der ersten ihrer Art.

Und sie ist unter dem jüngeren Namen Join – Junge Oper im Nord – heute mehr denn je Impulsgeber...

Ja, unbedingt. Wenn ich im Join bin, wäre ich gern wieder Kind.

Zukunftsweisender Konzertort als Traum

Sie gelten als hochengagiert. Und immer zielen Sie auf höchste Konzentration im Erleben von Musik selbst. Stört Sie da der Aufruf zu mehr Öffnung?

Tatsächlich bin ich der Überzeugung, dass die Zuhörenden den langsamen Satz aus Bruckners Achter am innigsten genießen können, wenn es ganz still im Saal ist. Aber wenn bei den ausverkauften Aufführungen unserer „Räuber Hotzenplotz“-Uraufführungsproduktion der gesamte Saal die Zwackelmann-Arie mitsingt, welche die Kinder zuvor in Schulworkshops kennengelernt haben, dann geht mir genauso das Herz auf. Das „Hotzenplotz“-Publikum ist ein anderes als das „Götterdämmerung“-Publikum, aber das stört mich überhaupt nicht, denn wir bieten ja bewusst beides an.

Die Ministerin hat die Frontalsituation angesprochen. Lässt sich aus dem Publikums- und Kritiker-Erfolg der Elbphilharmonie auch ableiten, dass jeder Umbau und Neubau diesen Aspekt des Mittendrin beachten sollte?

Ich will es mal so sagen: Vereinfacht lassen sich Konzertsäle in zwei Kategorien unterteilen: in das Schuhschachtel-Modell wie etwa Musikverein Wien oder Concertgebouw Amsterdam und die Weinberg-Anordnung wie die Berliner Philharmonie oder die Elbphilharmonie. Beide Stile haben ihre eigenen Vor- und Nachteile. Vielleicht kommt die Architektur auf eine ganz neue Form? Oder man hält innerhalb eines Konzerthauses zwei unterschiedliche Säle vor, wie es der Ansatz für die Pariser Cité de la musique und den Berliner Pierre-Boulez-Saal ist. Ein zukunftsweisender Konzert- und Begegnungsort in Stuttgart wäre mein Traum.

Cornelius Meiste Foto: Matthias Baus

Und wäre vielleicht gar vor einem erweiterten Staatstheater-Areal mit generalsaniertem Opernhaus zu bespielen?

Die Kulturhauptstadt Stuttgart hat sicherlich Anspruch sowohl auf ein erstklassiges Opernhaus wie auf einen erstklassigen Konzertsaal. Es geht hier ja um Weichenstellungen für die nächsten 50 oder 100 Jahre.

Zurück zum Konzertformat der Zukunft: Ein Generalmusikdirektor ist weder Architekt noch Klangingenieur. Welche Impulse können Sie geben? Sind nicht alle „neuen Formate“ schon ausgelotet?

Oh, wir können unglaublich viel tun. Dabei leitet mich stets der Gedanke: Wo führe ich etwas auf? Und für wen führe ich es auf? In besonderer Erinnerung sind mir dabei unsere Aufführungen von Strawinskys „Geschichte vom Soldaten”, mit der wir vor einigen Jahren auf einem Truck durch Stuttgart getourt sind, oder die 1:1-Konzerte am Flughafen, in einer Seifenfabrik, im Stuttgarter Hafen und vielen mehr. Ich gehöre nicht zu denen, die Neues auf Kosten von Altbewährtem etablieren wollen. Es geht mir nie um ein Entweder-oder, sondern immer um ein Sowohl-als-auch. Nicht Brahms-Symphonie oder partizipatives Education-Projekt, sondern und! Das ist auch der Ansatz von Opernintendant Viktor Schoner und gelebte Praxis in unseren Planungsrunden.

Szene aus Sitzkissenkonzert „Die drei Räuber“ – Oper Stuttgart Foto: Oper Stuttgart

Werden Sie also eventuell auf ein Splitting setzen – hier ein Team, das experimentell unterwegs ist, dort der Hauptklangkörper, der rein auf die Schärfung des künstlerischen Profils achtet?

Nein, das haben wir nicht vor. Wenn Staatsorchester draufsteht, ist auch Staatsorchester drin, das hoffentlich immer für künstlerische Exzellenz steht, egal ob es Wagners „Ring“ spielt oder mit Max Herre auftritt. Glücklicherweise kommen aber gerade von Orchestermitgliedern unglaublich viele tolle Ideen: Das Orchester des Wandels, eine Initiative für mehr Nachhaltigkeit im Kulturbetrieb, sei genannt oder aber soziale Projekte, die teilweise auch eigenverantwortlich organisiert werden. Im Jahr 2020 wurde das Staatsorchester mit dem Innovationspreis der Deutschen Orchester-Stiftung ausgezeichnet.

Herr Meister, wenn Sie selbst ein Konzert besuchen – wo sitzen Sie am liebsten? Vorne, hinten, mittendrin? Oder stehend irgendwo? Und haben Sie schon mal gedacht, wie es wäre, wenn die ganze Szenerie sich komplett anders präsentieren würde?

In der nächsten Spielzeit werden wir in der Liederhalle ein neues Werk der Komponistin Annesley Black aufführen, bei dem verschiedene Orchestergruppen nicht auf der Bühne, sondern im Zuschauerraum platziert sind. Ich selbst habe einst Karlheinz Stockhausens „Gruppen“ aufgeführt, und zwar zweimal hintereinander, damit sich das Publikum umsetzen und so verschiedene Klangeindrücke erfahren konnte. Als Zuhörer würde ich es wohl auch so machen: je nach Stimmung mittendrin sitzend oder aber von einer ruhigeren Ecke lauschend. Musik ist für mich in erster Linie zutiefst innerlich und immer höchst emotional.

Cornelius Meister in Kürze

Die Laufbahn
Geboren 1980 in Hannover, studierte er dort Klavier, Dirigieren, Cello, Horn und Philosophie bei Konrad Meister, Martin Brauß und Eiji Ōue sowie am Mozarteum Salzburg unter anderem bei Dennis Russell Davies. Mit 21 Jahren debütierte er an der Hamburgischen Staatsoper, bevor er 2005 Generalmusikdirektor am Theater und Philharmonischen Orchester Heidelberg wurde und 2010 Chefdirigent des Radio-Symphonieorchesters Wien. Seither dirigiert er die großen Orchester in Amsterdam, Berlin, Madrid, Paris, Rom, Washington, Wien und Zürich sowie am Royal Opera House Covent Garden London, am Teatro alla Scala Milano, an der Metropolitan Opera New York, an der Wiener Staatsoper und bei den Bayreuther und Salzburger Festspielen. 2018 wurde er als „Dirigent des Jahres“ ausgezeichnet, 2022 gewann er den Gramophone Award und 2023 den International Classical Music Award.

Meister in Stuttgart
Seit 2018 ist Cornelius Meister Generalmusikdirektor der Staatsoper und des Staatsorchesters Stuttgart. In diesen Tagen dirigiert er sowohl den kompletten „Ring des Nibelungen“ wie Chaplins Stummfilm „City Lights“ und schloss als Liedbegleiter mit der „Winterreise“ seinen Schubert-Zyklus ab. Nach den Beethoven-, Mozart- und Schumann-Zyklen der vergangenen Jahre wird Meister in dieser Saison noch alle vier Brahms-Sinfonien präsentieren – im 7. Sinfoniekonzerts des Staatsorchesters am 16. und 17. Juli. Er lebt mit seiner Frau und drei Söhnen in Stuttgart.