Ein Selfie auf der neuen Neckarbrücke: Das Bauwerk zieht viele Stuttgarter an. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Stuttgart hat eine neue Attraktion: Die Neckarbrücke. Viele Radfahrer und Fußgänger statten am Samstag dem neuen Steg am Rosenstein einen Besuch ab.

Stuttgart - Entweder ist es die Faszination des Neuen oder Stuttgart scheint tatsächlich um eine kleine Attraktion reicher zu sein. Das strahlend schöne Frühlingswetter hat jedenfalls am Samstag dem neuen Fahrrad- und Fußgängersteg unter der künftigen Eisenbahnbrücke zwischen Rosenstein und Cannstatter Innenstadt reichlich Aufmerksamkeit beschert. Zum Sightseeing-Programm sechs Meter über dem Neckarwasser gehört an diesem Tag wie selbstverständlich für viele das Selfie mit grauer Stahlkonstruktion im Hintergrund. „Hut ab vor den Architekten“, kommentiert eine Ditzingerin, die ihren Nachmittagsspaziergang eigens ans Bad Cannstatter Neckarufer verlegt hat. „Das ist total elegant.“

Neue Brücke zieht Menschen an

Die warme Witterung sorgt für regen Verkehr auf den beliebten Radwegen beiderseits des Neckars. Auch wer an dieser Stelle zwischen Schönestraße und Neckartalstraße nicht den Fluss quert, bleibt meistens für einen Moment stehen, um einen Blick auf das neue Brückenbauwerk mit seinem (noch) strahlend weißen Bodenbelag zu werfen. Dass eine Fahrt über den Steg lohnend wäre, meint auch ein kleiner Knirps auf seinem Fahrrad, der mit seiner Familie gerade auf dem Uferradweg an der neuen Brücke vorbeirauscht. „Papa“, ruft er seinem Vater, der vor ihm radelt, noch aus Leibeskräften zu, „können wir nicht da lang fahren?“ Der kleine Junge zeigt mit ausgestrecktem Arm hinüber zur neuen Überführung. „Die Brücke sieht doch cool aus!“ Die Familie hat wohl anderes vor, denn dem Sohnemann bleibt das Vergnügen, den Neckar zu überqueren und dabei vielleicht einen Tiefblick hinunter in die Fluten zu werfen, vorerst verwehrt.

Nicht aber Hans-Jürgen und Elisabeth Stolz aus Remseck. Die beiden geben sich prompt als Leser der Stuttgarter Zeitung zu erkennen. „Wir haben am vergangenen Mittwoch in Ihrer Zeitung von der Eröffnung des neuen Stegs gelesen“, erzählen sie. „Und heute sind wir die 15 Kilometer mit dem Fahrrad von Remseck extra hergefahren, um die Brücke zu sehen“, sagt der 60-Jährige. „Das ist ein schöner Ausflug.“ Seine Frau ergänzt, dass sie unbedingt sehen wollten, wo genau die Brücke eigentlich verläuft. Das Bauwerk, das Ziel ihrer kleinen Fahrradtour ist, gefällt beiden ausgesprochen gut. Vor allem schätzen sie, wie sie sagen, dass die neu Rad- und Fußgängerquerung durch die darüber liegende Eisenbahnbrücke überdacht ist.

Radler spielen nur die zweite Geige

Zwei junge sportliche Radfahrer, die gerade mit ihren Rennrädern an der Aussichtsplattform am Brückenende vor dem Rosensteinpark Halt machen, merken an, dass der Übergang über den Neckar ja eigentlich zu kurz sei. Soll heißen: Die Fortsetzung, die auch die verkehrsreiche Neckartalstraße überbrücken würde, fehlt den beiden Stuttgartern. Der umständliche Weg vom Park hinunter zur Straße, der zudem Radfahrern verboten sei, sowie die Querung der B 10 über einen Fußgängerüberweg, sei bislang nicht optimal. „Aber die Brücke selbst ist besser als der parallel verlaufende Fahrradweg am Leuze entlang“, sagt einer der beiden jungen Männer. Der sei nämlich viel zu eng für die vielen Radfahrer, die dort jeden Tag unterwegs sind. Das fehlende Brückenstück über die Bundesstraße 10 wird voraussichtlich im Herbst ergänzt.

Nicht allen Radfahrern, die am Samstagnachmittag in deutlich größerer Zahl als die Fußgänger auf dem rund viereinhalb Meter breiten Steg unterwegs sind, scheint indes bewusst zu sein, dass sie auf der neuen Brücke eigentlich nur die zweite Geige spielen. Denn die beiden Verkehrszeichen, mit denen der Verkehr auf der Brücke geregelt ist, weisen den Steg als Gehweg aus, auf dem „Radfahren frei“ ist. Die Straßenverkehrsordnung sieht in diesen Fällen vor, dass Radfahrer auf dem Gehweg zwar fahren dürfen, aber eben nur mit Schrittgeschwindigkeit. Dass sich daran am Samstagnachmittag bei weitem nicht jeder hält, ist offensichtlich.

Stuttgarter erkunden das Brückenbauwerk

Rosemarie und Laura Boss sowie Herbert Schillinger, die zu Fuß das Brückenbauwerk erkunden, lassen sich durch die vielen Radler freilich nicht irritieren: „Wir haben unsere kleine Tour durch die Stadt extra so gelegt, dass wir über die Brücke kommen“, sagt Rosemarie Boss. Ihre Tochter Laura, die drüben in Bad Cannstatt wohnt, ist froh dass sie nun auf dem Weg in den Park nicht mehr über die verkehrsreiche König-Karls-Brücke gehen muss. „Man ist jetzt schneller im Rosensteinpark“, freut sie sich. Von der Architektur des filigranen Bauwerks unter der neuen Eisenbahnquerung über den Neckar, sind alle drei begeistert: „Das ist ein echt tolles Bauwerk“, resümiert Rosemarie Boss. Bevor die drei ihren Spaziergang fortsetzen, machen sie dann noch ein letztes Selfie. Im Hintergrund natürlich die neue Fußgängerbrücke über den Neckar.

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