Eine Boa-Party wie diese in der Alten Reithalle im Januar wird es wohl so schnell nicht wieder geben. Foto: Lichtgut//Julia Schramm

Feiern und Party machen – das wird noch länger nicht möglich sein. Immerhin haben einige Bars wieder offen. Andere aber nicht. Ein Betreiber spricht von Regeln, die nichts mehr sind als „Schüsse im Nebel“.

Stuttgart - Wer darf nun und wer nicht? Die eine Bar sperrt abends wieder auf, die andere bleibt zu. Die Gäste sind verwirrt, viele Wirte stinksauer. „Maßgeblich ist, was in der Gewerbeerlaubnis steht“, stellt Tobias Zwiener klar; er ist Geschäftsführer für Grundsatzfragen beim Hotel- und Gaststättenverband Dehoga Baden-Württemberg. Sobald in der Konzession „Speisewirtschaft“ erwähnt sei, dürfe ein Wirt wieder aufmachen, auch wenn er nur Getränke anbiete. Diese Regelung gelte ebenso für die Nebenbereiche wie etwa eine Bar. Allerdings müsse der Wirt den Gästen einen Sitzplatz zuweisen und auf die Einhaltung der Abstandsregeln achten.

Für sogenannte „getränkegeprägte Gastronomiebetriebe“ gilt das alles nicht. Betroffen sind laut Zwiener rund ein Fünftel, nämlich etwa 5000 der insgesamt knapp 25 000 Betriebe in Baden-Württemberg. „Clubs, Bars, Discos – das ist ein ganz großer Bereich, für den es derzeit keine Perspektive gibt.“ Die Konzession mal kurz umschreiben zu lassen, das funktioniere nicht, betont er. Das Genehmigungsverfahren dauere Wochen, wenn nicht Monate, außerdem könne eine Küche „schnell Tausende von Euro kosten“.

Genau nachgerechnet hat man auch beim Party-Griechen Cavos in der Lautenschlagerstraße. Mit dem Ergebnis, dass das Lokal bis auf Weiteres wie berichtet geschlossen bleibt – auch wenn eine Öffnung rein rechtlich möglich wäre. Aufgrund der schieren Größe sei eine Öffnung betriebswirtschaftlich nicht sinnvoll, erklärt der Betreiber Hiki Ohlenmacher. „Wir würden supergerne aufmachen“, sagt er. Aber für die Küche brauche er mindestens vier, im Service acht bis zehn Mitarbeiter. Dem entgegen stehe die Zahl der Plätze im Lokal: Im normalerweise eng bestuhlten Cavos – „wir sind das Gegenteil von Abstand“ – blieben laut dem Betreiber aufgrund der Abstandsregeln nur 30 Prozent der Tische übrig. „Wir kämen, wenn wir Glück hätten, null auf null raus. Da nutzen wir lieber die Zeit und renovieren.“ Geplant ist aktuell, am 15. Juni wieder an den Start zu gehen – in der Hoffnung, dass vom 1. Juli an wieder eine größere Anzahl Personen in einem Raum gestattet ist. „Sitzend“, wie Ohlenmacher betont. Wer wie bisher auf den Tischen tanzen wolle, werde heruntergeholt.

Eine Chance für Clubs

Auch Rainer Frankfurth, der Betreiber der Kult-Disco Boa in der Tübinger Straße, ist derzeit kräftig am Renovieren, auch wenn er betont: „Die Boa bleibt die Boa“. Seine Perspektive für die Wiedereröffnung fällt düster aus. „Solange in Stuttgart der Weihnachtsmarkt steht, gibt es auch eine Chance für die Clubs, dieses Jahr noch zu öffnen“, lautet seine Prognose. Er und sein Mentor, der Boa-Gründer Werner Find, stünden zurzeit ratlos da. Dabei könnte die Boa jetzt wieder starten, denn laut Konzession ist das Anbieten einfacher Speisen erlaubt, so wie sie normalerweise auf dem Buffet der After-Work-Partys am Donnerstag stehen.

Dennoch bleibt der Laden zu, weil es unmöglich wäre, die Abstandsregeln einzuhalten. „Wenn Alkohol im Spiel ist, dann möchten sich die Menschen erst recht näher kommen. Das habe ich nicht unter Kontrolle“, sagt Frankfurth. Sein Worst-Case-Szenario wäre, wenn sich in der Boa 100 Leute anstecken würden. Fazit: „Es würde uns schaden, jetzt zu öffnen.“ Auch wenn oder gerade weil die jungen Leute endlich wieder feiern und Party machen wollten. Dafür sieht er noch lang keine Möglichkeit. Denn: „Mundschutz und Boa, wie soll das gehen?“ Mehr noch als die wirtschaftlich schwierige Situation macht Frankfurth die Perspektivlosigkeit zu schaffen. „Man sagt uns gar nichts.“ Ich habe weder vom Land noch von der Stadt Stuttgart etwas gehört.

Ähnlich geht es Knud Scheibelt. Für den Betreiber der Schwarz-Weiß-Bar oberhalb des Wilhelmsplatzes sind die Entscheidungen der Politik schwer nachvollziehbar. „Ich darf auch nach Betteln beim Gewerbeamt keinen To-Go-Verkauf umsetzen“, erzählt er. „Auf mein emotionales Bitten, es ginge um die Existenzen von mir und meinen Mitarbeitern, wurde immerhin nicht typisch Beamtendeutsch geantwortet: ,Es tut uns sehr leid in dieser Situation.‘“.

Keine Fairness

Er gönne jedem Kollegen, der von den Corona-Regelungen betroffen sei, im Moment jeden Euro. „Ob bei dem ein oder anderen wirklich der Fokus auf Essen liegt, sei dahingestellt“, fügt er hinzu. Über Fairness unter Konkurrenten will er in diesem Zusammenhang nicht sprechen. Die vermisst er vielmehr vonseiten der Entscheider in der Landespolitik. „Bars in eine Schublade mit Bordellen, Konzerten und Großveranstaltungen zu stecken ist einfach nicht fair.“

Besonders schlimm ist die Situation für Sandra Menegaldo. Da ihr Restaurant Cantina dei Doge in Gablenberg ohnehin in den Sommermonaten geschlossen bleibt, wird Sandra Menegaldo frühestens im September wieder öffnen. Insgesamt also wird sie dieses Jahr sieben Monate ohne Einkommen überstehen müssen. Livemusik und Party wie sonst am Wochenende ist zurzeit tabu, sagt die Wirtin: „Unter diesen Auflagen kannst du das vergessen. Das ist eine Katastrophe.“

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