Am 4. Dezember auf der Treffpunkt Foyer-Bühne in der Liederhalle: Reid Anderson Foto: dpa

Näher dran an herausragenden Persönlichkeiten – die Stuttgarter Nachrichten machen es möglich. Am Montag, 4. Dezember, ist Stuttgarts Ballettintendant Reid Anderson Gast der StN-Reihe Treffpunkt Foyer.

Stuttgart - Reid Anderson steht für das Ballettwunder 2.0 in Stuttgart. Wie hat er seine Ziele erreicht? Wie lässt sich das Ballettwunder 2.0 sichern? Diese und andere Fragen beantwortet der Intendant des Stuttgarter Balletts am 4. Dezember als Gast der exklusiven „Stuttgarter Nachrichten“-Veranstaltung Treffpunkt Foyer in der Liederhalle Stuttgart. Schon jetzt aber gibt es wichtige Fragen an Reid Anderson.

Reid Anderson steht für das Ballettwunder 2.0 in Stuttgart. Wie hat er seine Ziele erreicht? Wie lässt sich das Ballettwunder 2.0 sichern? Diese und andere Fragen beantwortet der Intendant des Stuttgarter Balletts am 4. Dezember als Gast der exklusiven „Stuttgarter Nachrichten“-Veranstaltung Treffpunkt Foyer in der Liederhalle Stuttgart. Schon jetzt aber gibt es wichtige Fragen an Reid Anderson. Herr Anderson, 1996 kamen Sie mit neuen Ersten Solisten-Paaren nach Stuttgart. Vor den „Schritten in die Zukunft“ lag aber zunächst eine durchaus auch schmerzliche Zeit der Neuordnung der Kompanie. Wie haben Sie die Momente der Trennungen erlebt?
Natürlich war der Anfang hart vor allem psychisch und emotional. Ich musste mich mit Problemen, die sich über viele Jahre hinweg angesammelt hatten auseinandersetzen und die Entscheidungen betrafen ehemalige Kollegen, Freunde, Weggefährten und aber auch Menschen, die ich nicht kannte.
Denken Sie heute noch an diese Zeit?
Im Rückblick würde ich diese sieben Monate, in denen ich – so nenne ich das jetzt – die Kompanie „aufräumen“ musste, als sieben Monaten in der Hölle bezeichnen. Es war nicht einfach, es kam gewiss nicht überall gut an und ich habe es nicht auf die leichte Schulter genommen. Es war aber notwendig. Ich wusste, was zu tun war, ich war entschlossen und bis heute habe ich es nicht bereut. Es ermöglichte eine Neugeburt. Um ehrlich zu sein, denke ich nur ganz selten an diese Zeit. Das entspricht meinem Naturell: „that was then, this is now.“
Sie sind nach Ihrem Antritt auch für die Ballettexperten überraschend hohe choreographische Risiken eingegangen. Sie haben Stuttgart zu einer Tanz-Werkstatt gemacht. Warum?
Das „Neue“ ist ein Lebenselixier für unsere Kunstform. Ich wollte nie ein Tanzmuseum verwalten beziehungsweise bestücken. Ich bin zwar der Meinung, dass wir unsere Geschichte und Tradition ehren müssen, aber wir müssen auch die Gegenwart künstlerisch relevant gestalten. Und vor allem: Wege bereiten und Türen öffnen für Kreativität, damit junge, talentierte Menschen uns in die Zukunft führen können. Ich habe viele Experimente gewagt sowohl mit Personen aus der Kompanie als auch von außerhalb. Es war eine Achterbahn voller Triumphe und aufregender Momente, aber auch kleinerer Unfälle und Sackgassen.
Es gab in dieser Phase heute kaum mehr vorstellbare Debatten über das große Handlungsballett, das nicht kommen wollte. Mit Christian Spuck wurde aus dem Bangen Euphorie. Was bedeutet aus Ihrer Sicht denn das Handlungsballett für die Kunstform an sich?
Mein Ziel war nie, ein großes Handlungsballett auf die Bühne zu bringen. Mein Ziel war es, Freiräume für kreative Künstler zu schaffen, damit – wenn sie sich entscheiden ein Handlungsballett zu kreieren – dies möglich gemacht werden konnte. Ein neues Handlungsballett ist ohne Frage das attraktivste, populärste und wirtschaftlich Sinnvollste was man machen kann – neben den existierenden Titeln wie „Dornröschen“ oder „Schwanensee“. Dies war aber, wie gesagt, weder das Ziel noch war es nötig auch wenn ich immer darauf geachtet habe, dass unser Repertoire ausgewogen bleibt.
Mit nicht weniger Rückhalt haben Sie sich für die Förderung von Marco Goecke entschieden, für eine Sprache, die an die angesprochene „Werkstatt“-Zeit erinnert. Sie haben einmal gesagt: Wer Goecke tanzen kann, versteht Cranko noch besser und tanzt Cranko noch besser. Wie meinen Sie das?
Nicht nur Goecke, sondern auch Neumeier, Kylian, Forsythe, Scholz und – sehr wichtig – Glen Tetley, waren alle wichtige Impulsgeber für diese Kompanie. Hierbei meine ich nicht unbedingt die einzelnen Stücke, sondern den Weg dahin, den Schöpfungsprozess. Tänzer die ständig mit Choreographen am kreativen Prozess arbeiten agieren auf der Bühne anders als die, die immer nur vorgegebene Schritte nachmachen.
Inwiefern?
Der Tänzer, der im ständigen, lebendigen Austausch mit Choreographen ist, bringt einen enormen Erfahrungsschatz mit auf die Bühne, Impressionen, Ideen und Inspirationen. Wenn sie auf die Bühne gehen, bringen sie ihre ganze „Welt“ mit sich. Und dies ­bereichert ungemein auch ihre Arbeit an Stücken, die vor ihrer Zeit entstanden sind.
Ganz bewusst haben Sie das Stuttgarter Ballett als Marke auch auf dem asiatischen Markt positioniert. Weshalb?
Der Durchbruch im asiatischen „Markt“ war nicht unbedingt ein Ziel. Wir hatten uns eher das Ziel gesetzt, bei Gastspielen nie draufzuzahlen. Eine wirtschaftlich verantwortungsvolle Entscheidung also. Dazu muss man einfach sagen, dass das Interesse an klassischem Ballett in Asien über die vergangenen 20 Jahre – ausgenommen Japan, wo das Interesse schon sehr lange sehr groß ist – enorm gestiegen ist. Und die Mittel dafür entsprechend auch.
Die Voraussetzungen waren also gut?
Richtig. Als das klar wurde, ging es darum was ich die drei „Ms“ nenne: kenne den Markt, verstehe die jeweilige Mentalität und nutze die medialen Möglichkeiten. In anderen Worten: durch kluge Programmgestaltung und konstant hohe Qualität, die dementsprechend richtig vermittelt wurde, konnten wir uns hervorragend auf diesem Markt platzieren. Wir sind sehr beliebt in Asien – kaum ein Gastspiel verläuft, ohne dass wir sofort noch einmal eingeladen werden. Das Publikum und somit die jeweiligen Veranstalter sind jedes Mal begeistert. Hierfür kann ich die Kompanie für ihre Leistungen auf Gastspiel nicht genug loben.
Welche Rolle spielen solch große Tourneen für die Tänzer?
Für die Tänzer sind die Gastspiele eine enorme Bereicherung in ihrer Entwicklung als Menschen, und es schweißt die Kompanie jedes Mal zusammen. Wenn man einen Tänzer des Stuttgarter Balletts – egal welchen Jahrgangs – nach seinen schönsten Erinnerungen fragt, wird sicher immer auch ein besonderes Gastspiel-Erlebnis dabei sein! Nicht zuletzt: Jede große Ballettkompanie von Rang gibt internationale Gastspiele. Die Tänzer wissen, dass sie „angekommen“ sind, wenn sie mit uns am Bolschoi Theater oder im Palais Garnier oder in Japan tanzen. Und vor einem „fremden“ Publikum zu tanzen, unter anderen Bedingungen als Zuhause, erzeugt sehr schnell eine Reife und Seriosität, auch bei den Jüngsten. Sie verstehen sich als Botschafter und nehmen diese Rolle sehr ernst.
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