Die scharfen Auflagen für den Stuttgarter Weihnachtsmarkt haben Konsequenzen: Gastronomen fürchten schlechte Geschäfte und planen mit weniger Personal – oder geben gleich ganz auf.
Stuttgart - Seit 31 Jahren baut Wirtin Conny Weitmann ihren Stand beim Stuttgarter Weihnachtsmarkt auf. Dieses Jahr stand er allerdings nur eine Nacht. „So hat es keinen Sinn“, sagte sie am Freitagnachmittag, „wir stehen hier wie in einem Käfig, das kann ich meinen Kunden nicht zumuten, wir bauen morgen wieder ab.“ Sie werde nicht am Weihnachtsmarkt teilnehmen.
Damit ist sie offenbar keine Ausnahme. Eine Handvoll anderer Beschicker sagte ebenfalls ab, glaubt nicht, dass unter den gegebenen Auflagen Geld zu verdienen ist. Sie befürchten draufzulegen. Was nach nahezu zwei Jahren ohne Verdienst für manchen nicht mehr möglich scheint.
Komplizierter Aufbau
Es ist eine komplizierte Aufgabe, vor der Marcus Christen von der Veranstaltungsgesellschaft in.Stuttgart und sein Team stehen. Nachdem am Donnerstag kurzfristig das Prinzip 2-G-Plus vereinbart wurde, also dass nur Geimpfte und Genesene plus einem tagesaktuellen Schnelltest bewirtet werden dürfen, musste man umplanen. Denn das bedeutet, dass man Zäune braucht, um den Zugang zu kontrollieren. Also versucht man nun, die Gastronomie zusammenzustellen, auf dem Marktplatz, auf dem Schillerplatz und am Rande der Königstraße. Die Buden mit Waren des täglichen Bedarfs und Weihnachtsartikel, wo jedermann auch ohne Nachweis einkaufen darf, sollen nun entlang der Verkehrswege stehen.
Wer trägt die Kosten?
So weit, so gut. Aber was etwa ist mit dem Stand von Conny Weitmann, die seit Jahren an der Kirchgasse steht und Glühwein und Essen verkauft. „Mein Stand wurde extra für diesen Platz gebaut“, sagt sie, „wir bauen schließlich um einen Baum herum.“ Weil sie ein neues Aufbauteam hatte, fing dieses bereits am Mittwoch morgen mit Aufbauen an. Da stand sie also, die Hütte – und brauchte nun einen Zaun. Das geht aber nicht, weil der Zaun in eine Feuergasse hineinragen würde.
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Nach einem Ortstermin mit in.Stuttgart und den Behörden dachte Weitmann über den Bau eines kleineren Standes nach. Ließ es dann aber bleiben. „Ich würde komplett eingezäunt werden“, sagt sie, „keiner dürfte was mit rausnehmen, das funktioniert nicht.“ Ihr Fazit: „Wir bauen ab.“ Dabei hatte sie noch Kopfstände gemacht, um zwölf Mitarbeiter zu finden. Die alten machen längst etwas anderes, den neuen muss sie nun absagen. Und die Waren stornieren. Wer das zahlt? „Das muss man sehen“, sagt sie, „vermutlich ich.“
Am Montag kommen die Zäune
Auch für Sonja Merz ist ein eigener Zaun vorgesehen. Am Montag soll der geliefert werden. Sie steht ja traditionell am Rande des Schillerplatzes zum Alten Schloss hin. Sie wird aber nicht zurückziehen. „Ich habe schon auch ein Ohnmachtsgefühl, wofür haben sich 65 Prozent der Menschen impfen lassen, wenn sie unter freien Himmel nicht einmal eine Bratwurst und einen Glühwein holen dürfen.“ Aber zu viele Kosten seien aufgelaufen, der Kran für den Aufbau bestellt: „Nun probieren wir es!“
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Auch Kollege Michael Wilhelmer ist skeptisch. Von seinem Dutzend Mitarbeitern wird er jetzt nur noch die Hälfte beim Weihnachtsmarkt beschäftigen. „Wir werden nicht so viele Helfer brauchen“, sagt er, „ich lasse mich gerne eines Besseren belehren, aber das wird sehr problematisch: Viele Geimpfte werden nicht einsehen, warum sie noch einen Test brauchen.“ Wer schnell zum Mittagstisch oder einen Glühwein am Abend trinken wolle, der werde kaum eine Dreiviertelstunde am Testzentrum anstehen und auf das Ergebnis warten.
Mehr Testzentren
Immerhin, laut Stadtverwaltung gibt es nun mindestens sechs Testzentren rund um den Weihnachtsmarkt. Es ist aber nicht einfach, Flächen in der Innenstadt zu finden, die genügend Platz bieten. Schließlich sollen die Leute dort nicht dicht an dicht stehen.
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Dass es in den abgezäunten Flächen zu Gedränge kommt, davon geht keiner der Wirte aus. Zumal die Besucher aus der Schweiz fast komplett fehlen werden. „Es haben sich kaum Reisebusse angekündigt“, sagt Andreas Kroll, Chef der Veranstaltungsgesellschaft in.Stuttgart. „Einen Weihnachtsmarkt für die Stuttgarterinnen und Stuttgarter und die Region“ beschwört deshalb OB Frank Nopper.
Wirte sind skeptisch
Wilhelmer ist gespannt, ob die Stuttgarter tatsächlich kommen. In seinen Lokalen steht das Telefon nicht mehr still, „fast stündlich werden Weihnachtsfeiern abgesagt". Seine Erfahrungen aus dem Frühsommer, als man noch Schnelltests für den Restaurantbesuch brauchte, verleiten nicht zu Optimismus. „Das zog erst an, als man keine Tests mehr brauchte.“ Kommen wird er dennoch „auf jeden Fall“, wie üblich auf dem Marktplatz stehen.
Eröffnet wird der Stuttgarter Weihnachtsmarkt gemeinsam mit den Glanzlichtern am Mittwoch, 24. November, am frühen Abend. Bis dahin werde man trotz aller Herausforderungen fertig, versichert Christen. Nur Conny Weitmann wird nicht dabei sein. Ihr Stand liegt dann wieder im Lager.