Nicht immer liegt Bewegungsmangel Übergewicht zugrunde, es kann auch eine Erkrankung vorliegen. Foto: dpa

Rund 14 000 Kinder und Jugendliche in Stuttgart sind übergewichtig. Die Betroffenheit ist relativ groß, doch es mangelt an Angeboten. Die Stadt hat eine Beratungsstelle am Gesundheitsamt eingerichtet. In der Beratung geht es auch darum, realistische Ziele zu entwickeln.

Stuttgart - Die meisten viereinhalb Jahre alten Jungen wiegen um die 17 Kilogramm, mal etwas mehr, mal etwas weniger. Doch der Junge, der vor wenigen Wochen das Stuttgarter Gesundheitsamt mit seiner Familie aufsuchte, bringt deutlich mehr auf die Waage. Er wiegt 50 Kilogramm, also dreimal so viel. Das Kind habe schon jetzt an den gesundheitlichen Folgen der Adipositas zu leiden, berichtet der Leiter des Stuttgarter Gesundheitsamts, Stefan Ehehalt. So hat es Schmerzen beim Gehen.

Die Mitarbeiter beim Gesundheitsamt haben mehrere Schritte in die Wege geleitet. Sie haben über das Jugendamt einen Kitaplatz vermittelt, da der Junge bisher nicht in Betreuung war, auch ein Termin im Sozialpädiatrischen Zentrum des Olgahospitals wurde ausgemacht, ebenso einer beim Orthopäden. Auch eine Kur wird der Bub wohl durchlaufen. Doch eines sei klar, so Ehehalt: Dieses Kind werde lange brauchen, um das Gewicht zu reduzieren.

Und die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass es sein Leben lang übergewichtig bleibt. Laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bleibt das Übergewicht bei 55 Prozent der adipösen Kinder im Alter von sechs bis neun Jahren und bei bis zu 75 Prozent der adipösen Jugendlichen bis ins Erwachsenenalter hinein bestehen.

Übergewichtsrate steigt mit dem Lebensalter an

In Stuttgart sind geschätzt 14 000 Kinder und Jugendliche übergewichtig. Die meisten Daten liegen dem Gesundheitsamt für Kinder vor, die zur Einschulungsuntersuchung kommen. Hier hat es zuletzt eine leicht positive Entwicklung gegeben: So waren 9,4 Prozent der 4969 im Jahr 2018 untersuchten Kinder übergewichtig. 2011, zu Beginn der Erfassungsreihe, waren es 10,6 Prozent, 2012 noch etwas mehr (10,9 Prozent). „Dies deutet darauf hin, dass die gesundheitsfördernden Maßnahmen in diesem Lebensalter erfolgreich sind“, konstatiert Ehehalt. Allerdings steigt die Übergewichtsrate mit dem Lebensalter an, daher seien die Daten der Einschulungsuntersuchung nur bedingt aussagekräftig für die gesamte Gruppe der Kinder und Jugendlichen, schränkt er ein. Eine Erhebung des Gesundheitsamts von 2005 hatte ergeben, dass 16,3 Prozent der Stuttgarter 14- bis 16-Jährigen übergewichtig waren. Neue Zahlen zu den Elf-bis 13-Jährigen werden derzeit ausgewertet.

Klar ist: „Wir haben eine relativ hohe Anzahl an betroffenen Kindern und Jugendlichen, aber relativ wenig Angebote für sie“, schildert der Leiter des Gesundheitsamts die Situation. Hintergrund sei, dass Übergewicht bisher nicht als Erkrankung anerkannt sei, sondern nur die Auswirkungen von Übergewicht. Und die können erheblich sein: Übergewichtige Kinder haben zum Beispiel ein erhöhtes Risiko für Bluthochdruck und Herz-Kreislauferkrankungen, aber auch Diabetes, zudem besteht größere Mobbinggefahr, haben Studien ergeben.

Die Antwort der Stadt ist ein Stufenmodell, um den Familien zu helfen. Wichtiger Bestandteil ist eine Beratungsstelle beim Gesundheitsamt, die im Herbst 2018 eingerichtet wurde. In der Beratung werden unter anderem realistische Therapieziele entwickelt. „Nicht jeder kann das Gleiche erreichen“, erklärt Ehehalt. So gebe es genetische Erkrankungen, die Übergewicht zugrunde liegen können, nicht nur das Essverhalten und Bewegungsmangel spielten eine Rolle. Die genetische Abklärung sei deshalb wichtig. Manche müssten sich viel mehr anstrengen, um dann doch weniger zu erreichen als andere, so Ehehalt.

Bewegung erst in den Alltag einbauen, um die Kinder fit für einen Kurs zu machen

Knapp 50 Familien hat die Beratungsstelle bis Mitte Mai betreut, mehr als 70 Beratungsgespräche wurden in der Zeit geführt. „Wir hatten sofort richtig viel zu tun“, berichtet die Leiterin der Beratungsstelle, Adelheid Heitz. Die Kinder seien zwischen zwei und 17 Jahre alt gewesen. Die meisten wurden von Kinder- und Jugendärzten geschickt. Einen Teil hat sie ans Olgahospital weitervermittelt, wenn noch diagnostisch Fragen zu klären seien.

Bewegung, rät Heitz den betroffenen Familien, sollte zunächst in den Alltag eingebaut werden, um die Kinder fit zu machen für ein Angebot im Verein. Hier würde sich das Gesundheitsamt wünschen, dass es noch mehr Regelangebote gäbe, die weniger auf Konkurrenz und den Leistungsgedanken abzielten. Im Idealfall, so Heitz, ziehe die ganze Familie beim Thema Übergewicht an einem Strang. Doch manchmal gebe es auch Eltern, die das Gewicht des Kindes nur als dessen Problem ansähen – selbst, wenn sie selbst ein Gewichtsproblem haben.

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