Blick uns Stuttgarter Opernhaus Foto: dpa/Marijan Murat

Seit Jahren planen Land und Stadt an der überfälligen Sanierung des Stuttgarter Opernhauses herum. Der Präsident des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall und der Geschäftsführende Intendant der Staatstheater warnen dringend vor einer weiteren Verzögerung.

Wie und zu welchem Zweck betreibt man ein Staatstheater? Der eine macht das beruflich: Marc-Oliver Hendriks, Geschäftsführender Intendant in Stuttgart. Und der andere, Stefan Wolf, hat gerade auch als wichtiger Sprecher der Wirtschaft und der Arbeitgeber ebenfalls seine Ansprüche.

 

Herr Hendriks, das Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ schrieb jüngst, die nun schon seit Jahren geplante Sanierung des Stuttgarter Staatstheaters sei eigentlich nur ein Projekt der, wie es hieß, „Stuttgarter Kulturboheme“. Sie sind seit 2009 Geschäftsführender Intendant hier – also sozusagen der Chef-Bohemien?

Marc-Oliver Hendriks Jedes Jahr besuchen fast eine halbe Millionen Menschen die Vorstellungen der Württembergischen Staatstheater in Stuttgart. Wir wissen, dass etwa 80 Prozent von ihnen aus der Metropolregion Stuttgart kommen, weitere 15 Prozent aus den übrigen Landesteilen Baden-Württembergs. Es ist ein großer Querschnitt durch die Bevölkerung, ausgesprochen egalitär. Diese Menschen sind kultur- und bildungsaffin, und Bildung ist Arbeit.

Herr Wolf, als Präsident von Gesamtmetall führen Sie einen der wichtigsten Arbeitgeberverbände in Deutschland. Sie müssen sich derzeit stark um die wirtschaftliche Entwicklung im Land sorgen. Ist es nicht gerade aus dieser Perspektive sinnvoll, das Milliardenprojekt Opernhaussanierung, wie es nun die Landesregierung offenbar plant, noch einmal gründlich zu überdenken?

Stefan Wolf Nein, das denke ich nicht. Es ist richtig: Die Zeiten für die Wirtschaft sind schwierig. Aber wir haben Krisen auch in der Vergangenheit gemeistert. Das wird uns auch dieses Mal gelingen. Wir sind eine starke Wirtschaftsnation. Wir sind aber auch eine starke Kulturnation. Die Staatsoper Stuttgart war häufig Oper des Jahres. Das Stuttgarter Ballett hat Weltruf. Beide verdienen eine zeitgemäße Spielstätte. Das ist eine langfristige Entscheidung. Ohne die Stuttgarter Oper wäre die deutsche, aber vor allem die baden-württembergische Kultur deutlich ärmer.

Als Zuschauer besuchen Sie regelmäßig Vorstellungen im Opernhaus. Wann waren Sie zuletzt dort?

Wolf Am 4. Juli war ich in „Figaros Hochzeit“. Die Abschiedsvorstellung von Helene Schneiderman. Einfach wunderbar. Davor in der Premiere von „Rusalka“ – grandios.

Dass Sie beide sich die Sanierung persönlich wünschen, liegt also offenbar nahe. Aber warum sollen auch Menschen dafür Steuergelder zahlen, die kein persönliches Interesse an Oper oder Ballett haben?

Hendriks Die Opernhaussanierung ist ein Jahrhundertprojekt. Sie bewahrt den aus dem Jahr 1912 stammenden denkmalgeschützten Theaterbau von Max Littmann als Spielstätte für die Staatsoper und das Stuttgarter Ballett für die kommenden Generationen. Es ist ein internationales Aushängeschild der Stadt, der Region und darüber hinaus für ganz Baden-Württemberg. Die Württembergischen Staatstheater sind zentraler Standortfaktor für die Attraktivität von Stadt und Land.

Wolf Kunst und Kultur sind von überragender Bedeutung in unserer Gesellschaft. Sie bereichern ungemein. Der direkte Bezug von Steuern zu einer ganz bestimmten Leistung ist doch unserem Steuersystem total fremd. Wir stellen doch auch nicht den öffentlichen Personennahverkehr oder die Deutsche Bahn infrage, nur weil viele Menschen dies nicht nutzen.

Die Bedeutung der Kunst- und Kulturlandschaft für die Attraktivität einer Stadt für Arbeitskräfte wird oft behauptet. Aber gibt es dafür außer dem Gefühl, es müsste wohl so sein, eigentlich wirklich klare Belege?

Wolf Es ist ein ganzer Strauß von Dingen, die eine Stadt oder eine Region für Menschen attraktiv macht. Kunst und Kultur und hier vor allem Oper und Ballett sind ein ganz wesentlicher Bestandteil von diesem Strauß. In Zeiten des stark zunehmenden Fachkräftemangels muss eine Region attraktiv sein. Da wir nach wie vor jedes Jahr viele Menschen haben, die in die Region Stuttgart ziehen, lässt sich das schon messen. Ein zeitgemäßes Opernhaus ist ein Muss.

Herr Hendriks, in Beiträgen zur nun wieder aufgeflammten Debatte über das Sanierungsprojekt ist oft zu lesen, die Theaterintendanz solle ihre Sanierungswünsche einfach etwas „abspecken“. Wo wäre das aus Ihrer Sicht möglich?

Hendriks Nachdem das Sanierungsprogramm von 2014 bis 2019 in einem gründlichen Entwicklungsprozess aller Beteiligten fast vollständig auf den zwingenden und unabweisbaren notwendigen Bedarf reduziert wurde, kann davon wahrlich keine Rede sein. Sachkenntnisfreie Vorwürfe dieser Art sind offensichtlich populistischer Natur und erkennbar profilierungsgeleitet. Sie desavouieren leichtfertig die geleistete Arbeit von Stadt und Land.

Herr Wolf, man kann nicht ausschließen, dass das bestehende Stuttgarter Opernhaus aus Gründen der Sicherheit oder nach einem technischen Unfall tatsächlich von einem Tag zum nächsten und dann für längere Zeit schließen müsste. Können Sie sich so etwas vorstellen – was wäre Ihre Reaktion darauf?

Wolf Das möchte ich mir gar nicht vorstellen. Es würde mich und meinen Partner Kevin Tarte, aber auch viele andere Menschen in der Region Stuttgart und darüber hinaus sehr traurig machen. Stuttgart als wichtige Stadt in Deutschland braucht eine Oper. Daran bestehen doch keine Zweifel.

Wir wissen, dass es Bürger gibt, die nicht davon überzeugt sind, dass so viele öffentliche Mittel in die Sanierung der Stuttgarter Staatstheater fließen müssen. Wie können Sie diese überzeugen?

Hendriks Das ist eine gemeinschaftliche Aufgabe aller, die an der Sanierung mitwirken. Am Ende überzeugen nur Fakten und die Inaugenscheinnahme der Realität. Wie schon in den vergangenen Jahren werden wir weiterhin sehr viele öffentliche Führungen zur Sanierung und Gespräche anbieten. Wer einmal vor Ort die Zustände erlebt hat, ist und bleibt dauerhaft überzeugt.

Es gibt andererseits Bürger, die sich gern für den Erhalt des Opernhauses einsetzen möchten. Wo und wie wäre das möglich?

Hendriks Die Bürgerbeteiligung hat uns gezeigt, dass die künstlerische Kraft der Staatstheater weit ins Land hinein ausstrahlt und einen hohen Sehnsuchts- und Identifikationswert hat. Mit der bei dem Beteiligungsverfahren gegründeten Begleitgruppe interessierter Bürgerinnen und Bürger werden wir auch zukünftig intensiv zusammenarbeiten und öffentliche Vermittlungsformate entwickeln. Ebenso wichtig ist das Engagement des Fördervereins der Staatstheater. Über eine Mitgliedschaft kann man sich intensiv einbringen und den Sanierungsprozess aus nächster Nähe verfolgen.

Please, have a Dream: Mit welcher Aufführung sollte im Jahr 2040 das erneuerte Stuttgarter Opernhaus seine Wiedereröffnung feiern?

Hendriks Unsere Vision für die Staatstheater im Jahre 2040 geht weit über eine einzelne Aufführung hinaus. Mit der geplanten Sanierung legen wir den Grundstein für die erfolgreiche Fortführung und Weiterentwicklung der künstlerischen Arbeit von Oper und Ballett in den nachfolgenden Jahrzehnten.

Wolf Eine große Produktion der „Zauberflöte“ von Mozart. Mit dann allen technischen Möglichkeiten. Liebe, Verrat, Intrigen, Humor und vor allem mit einer wunderbaren Arie der Königin der Nacht. Ich bin dann Mitte 70 und freue mich heute schon darauf.

Der Arbeitgeber und der Theatermanager

Stefan Wolf
 Der Jurist, geboren 1961 in Oberndorf am Neckar, ist seit 1997 für den Automobilzulieferer Elring Klinger in Dettingen an der Erms tätig und seit 2006 dessen Vorstandschef. 2020 wurde er zum Präsidenten von Gesamtmetall gewählt, dem Gesamtverband der Arbeitgeberverbände der Metall- und Elektroindustrie, einem der wichtigsten Verbände der Arbeitgeber in Deutschland.

Marc-Oliver Hendriks
 Der Theatermanager, geboren 1970 in Duisburg, studierte ebenfalls Jura und ist seit 2009 Geschäftsführender Intendant der Württembergischen Staatstheater. Das Sanierungsprojekt beschäftigt ihn praktisch seit der ersten Arbeitsstunde in Stuttgart.

Austausch
Das hier dokumentierte Gespräch fand mittels elektronischer Medien statt – Stefan Wolf befindet sich derzeit auf Auslandsreise in den USA.