Vom Südheimer Platz führt die Strecke zum Waldfriedhof. Foto: Rudel/Hass

Seit 1929 existiert die Seilbahn als Verbindung zwischen Südheim und dem Waldfriedhof. Vielen Stuttgartern ist sie als Erbschleicher- Express besser bekannt.

S-Süd - In wenigen Minuten überwindet sie die 536 Meter zwischen Südheimer Platz und dem Waldfriedhof. Auch heute noch ist sie Deutschlands modernste Drahtseilbahn, obwohl sie bereits am 30. Oktober 1929 in Betrieb ging. Damals kostete die Fahrt nach oben 15 Pfennig, die Fahrt zurück nur zehn Pfennig.

Alle 20 Minuten befördert die Seilbahn seit nun schon mehr als 80 Jahren Fahrgäste zum Waldfriedhof hinauf. Im Volksmund hat ihr dies die Namen „Erbschleicher-Express“ oder „lustiger Witwen-Express“ eingebracht. „In den Waggons war früher alles drin, was zu einer Trauerfeier gehörte“, sagt Hans-Joachim Knupfer, Pressesprecher bei der SSB, in deren Besitz die Seilbahn ist. Auch Särge seien befördert worden. „Der Name Erbschleicher-Express kommt daher, dass es viele Streitereien zwischen Erben in der Bahn gegeben hat.“

Das Design ist aus der Not geboren

Die zwei Holzwaggons sind schlicht und zurückhaltend gestaltet. Das war bedingt durch die Notzeit der 1920er Jahre, wie Knupfer erklärt: „Der Gemeinderat hatte damals entschieden, die Bahn möglichst billig zu bauen.“ Auch die beiden Haltestellen-Häuschen habe man deshalb kostengünstig erstellt. Heute ist die denkmalgeschützte Bahn noch im Originalzustand. Sowohl die Gebäude als auch die Maschinerie stammen aus dem Baujahr der Seilbahn.

Im Jahr 2004 war eine umfassende Sanierung notwendig, drei Millionen Euro wurden dafür ausgegeben. „Wir haben aber sehr darauf geachtet, den ursprünglichen Charakter zu erhalten“, betont Knupfer. Deshalb gelten die beiden schräg gebauten, der Steigung angepassten Holzwagen mit den Messingbeschlägen immer noch als nostalgischstes Verkehrsmittel Stuttgarts.

„Für die Bewohner des Talkessels unersetzlich“

Heute ist die Seilbahn besonders für Touristen attraktiv. Nicht nur um ihrer selbst willen, sondern auch, weil auf dem Waldfriedhof bedeutende Stuttgarter Persönlichkeiten wie Theodor Heuss und Robert Bosch begraben liegen. „Die Seilbahn ist für die Bewohner des Talkessels nach wie vor unersetzlich“, sagt Knupfer. Noch immer gebe es keine andere Verbindung in den Wald, der vielen ja auch als Erholungsstätte diene. So zieht der Blaustrümpflerweg viele Spaziergänger an, weil er über den Waldfriedhof und den Haigst die Seilbahn mit der Zacke verbindet.

Pro Jahr nutzen 160 000 Fahrgäste die Seilbahn. Auch viele Stammkunden fahren im Sommer hoch zum Friedhof. Die meisten davon sind Frauen, die auf dem Friedhof die Gräber ihrer verstorbenen Ehemänner pflegen. Zwischen den Fahrern und den Stammgästen haben sich auch schon enge Beziehungen entwickelt. Man kennt sich im „Erbschleicher-Express“. „Die Fahrer sind oft auch Seelentröster“, erzählt Knupfer.

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