„In Stuttgart gibt es an einem einzigen Wochenende mehr Einsätze als in Reutlingen in einem halben Jahr“: Polizeipräsident Fritz Lutz am Konferenztisch der Stuttgarter Nachrichten. Foto: Leif Piechowski

2500 Stuttgarter Polizisten sind zu wenig für die Aufgaben in der Stadt. Immer öfter müssen auswärtige Kräfte helfen – obwohl es um Stuttgart 21 ruhiger wurde. Der neue Präsident will es mit mehr Prävention versuchen.

Stuttgart - Warum hat der Mann sich das angetan? Für einen Polizeibeamten ist Stuttgart kein attraktives Pflaster: zu viel los, zu anonym, zu teuer. Auch für Franz Lutz hat, rational gesehen, alles dagegengesprochen, seinen Polizeichef-Posten in Reutlingen aufzugeben, um in Stuttgart die Nachfolge des tödlich verunglückten Polizeipräsidenten Thomas Züfle anzutreten. In Reutlingen wäre er um 6.30 Uhr aufgestanden, hätte in aller Ruhe die Zeitung gelesen, wäre nach zwölfminütigem Fußmarsch an seinem Schreibtisch gewesen. In Reutlingen wäre er Chef über 2000 Mitarbeiter, demnächst in einem Reich von Esslingen bis Tübingen; in Stuttgart sind es 2500. Franz Lutz hätte nicht täglich auf die B 27 müssen, und er hätte genauso viel verdient.

Der 56-Jährige ist in Polizeikreisen bekannt als Stratege, als Organisierer. Unzählige Male hat er auf Geheiß diverser Innenminister Strukturreformen bei der Polizei im Land erarbeitet. Einer, der abwägt, der keine kurzen Antworten gibt, sondern die Fakten vorträgt, ehe er dann seine Ansicht darlegt und begründet. Dieser Mensch, besonnen, sachlich, nüchtern – dieser Mensch hat sich gegen alle Argumente Stuttgart ­angetan.

Nun sitzt er am Konferenztisch. In Uniform, wie kein Vorgänger vor ihm, aufgeräumt, konzentriert. „Fünf Wochen netto“ ist er im Amt, und Lutz staunt noch immer, was in der Landeshauptstadt abgeht. Kein Vergleich zu den 70ern, als er beim Revier Degerloch in Stuttgart seine Polizeilaufbahn begann. Die Belastung ist ungleich höher als auf dem Land: „In Stuttgart gibt es an einem einzigen Wochenende mehr Einsätze als in Reutlingen in einem halben Jahr.“

Volksfest, Demonstrationen, Mahnwachen, Schwerpunktaktionen gegen Taschendiebe und PS-Protze, Jugendschutzstreifen, Fußballeinsätze. Zusätzlich Großkampftage: der Schutz des Gerichtsviertels während des Bandenkrieg-Mordprozesses. Bürgerfest zum Tag der Deutschen Einheit. „Man kommt kaum zum Luftholen“, sagt Lutz.

Stadt braucht mehr Polizeipräsenz auf der Straße

Weil der personelle Aufwand selbst bei vermeintlich kleinen Demonstrationen steigt, ist Stuttgarts Polizei immer öfter auf Hilfe von außen angewiesen. Dabei ist es um Stuttgart 21 wesentlich ruhiger geworden. Dass das Polizeipräsidium mehr Personal braucht, sagt Lutz aber nicht. „Stuttgart hat eine angemessene Stärke“, formuliert er. Und fügt hinzu: „Wenn die Spitzen mit Kräften von außen abgefangen werden können.“

So müssen Abordnungen von Bereitschaftspolizei und anderen Dienststellen aus dem Land den Stuttgarter Apparat immer wieder am Laufen halten. Kein Wunder, wenn ein Auftritt von fünf Rechtspopulisten und Dutzenden linken Gegendemonstranten gleich mal den Einsatz von 400 Polizisten in der Stadt nötig machen. Doch auch die Hilfe von außen hat ihre Grenzen: etwa an diesem Samstag, wenn in Göppingen Neonazis aufmarschieren. Hunderte Beamte werden dorthin abgezogen, Kräfte, die man am Wochenende in Stuttgart gut hätte gebrauchen können.

Denn eigentlich braucht die Stadt mehr Polizeipräsenz auf der Straße. Zur Vorbeugung. „Was wir in die Verhinderung investieren, brauchen wir hinterher nicht mit viel Aufwand zu bearbeiten“, sagt Lutz. Bandenweise ziehen Wohnungseinbrecher durch die Stadtteile, mit einer professionellen, arbeitsteiligen Logistik.

Erwischt wird selten einer. Doch wie will Lutz, der Organisator, mehr Streifen auf die Straße bringen? Das hat man doch schon vor 20 Jahren versprochen und nicht gehalten, mit Papieren, in denen Beamte angehalten wurden, gefälligst in Uniform mit der Straßenbahn zum Dienst zu fahren.

Lutz hält ein zeitlich und örtlich begrenztes Alkoholverbot für sinnvoll

„Wir sind dabei, die Konzeption gegen Wohnungseinbrüche zu optimieren“, sagt Lutz – und da werden manche Stuttgarter Polizisten aufhorchen. Zwar weiß der Neue, dass die Stuttgarter gerade erst noch die neueste Strukturreform von Innenminister Reinhold Gall (SPD) verdauen müssen. Doch offenbar hat der 56-Jährige da noch seine Ideen. Warum, so ist zwischen den Zeilen herauszuhören, warum geht eigentlich die Kripo nicht öfter auf Streife? Dass ein Kriminaler mit der Abarbeitung der Fälle mehr als genug ausgelastet ist, will Lutz so pauschal nicht gelten lassen. Beim Blick auf den Kriminaldauerdienst stellt er deutliche Unterschiede zwischen Stuttgart und den Landkreisen fest. Die 24-Stunden-Kripo, die mit der Polizeireform in den Landkreisen neu eingerichtet werden soll, gibt es in Stuttgart schon längst. Laut Lutz sind diese Beamten aber nicht für nächtliche Todesermittlungen zuständig, weil es hierfür noch einen gesonderten Bereitschaftsdienst des Dezernats für Tötungsdelikte gibt. Potenzial für Prävention? Lutz hat für 2014 so manches zu besprechen. Aber nicht vor den Zeitungsleuten, sondern intern, in aller Ruhe.

Dass Lutz kein Vertreter lauter Töne ist, wird am Konferenztisch unserer Zeitung schnell klar. Dass er aber engagiert die Lautstärke steigern kann, zeigt sich beim Thema Alkoholverbot an Brennpunkten. Lutz macht keinen Hehl daraus, dass er ein zeitlich und örtlich begrenztes Verbot für sinnvoll hält. Bei OB Fritz Kuhn (Grüne) erntete er dafür bisher aber wenig Gegenliebe.

„Dabei heißt ein solches Gesetz doch nicht, dass Alkoholverbote nach dem Gießkannenprinzip ausgesprochen würden“, sagt Lutz, „aber man sollte doch wenigstens ein solches Instrumentarium haben.“ Als Reutlinger verweist der 56-Jährige auf das sogenannte Bermudadreieck, eine Kreuzung in der Kanzleistraße in der Reutlinger Altstadt. „Wenn Bewohner Wochenende für Wochenende nicht mehr schlafen können, weil die ganze Nacht der Punk abgeht, muss die Polizei doch in die Lage versetzt werden, dem Einhalt zu gebieten“, sagt Lutz.

„Da laufen Sie nur noch über Glasscherben“

Neulich hat er in Stuttgart nachts um drei am Kleinen Schlossplatz die Treppen benutzt: „Da laufen Sie nur noch über Glasscherben.“ Alkoholexzesse bedeuten für Lutz Gewalt, Sachbeschädigungen, Beleidigungen, Vermüllung. „Natürlich muss hinter einem solchen Verbot ein abgestimmtes Konzept stehen“, sagt er, „sonst gibt es nur Verdrängungseffekte.“

Es ist nicht so einfach in Stuttgart. Ein Polizist hat es nicht leicht, und wer da ist, will auch nicht lange bleiben. Weil die meisten von auswärts kommen. Nachwuchs aus Stuttgart ist schwer zu finden, weil die Ausbildung fernab stattfindet. „Dem Offenburger Kollegen dagegen rennen sie die Türen ein, weil die Bereitschaftspolizei in Lahr gleich in der Nähe ist“, sagt Lutz. Auch beim Nachwuchs ist also Verstärkung aus ländlichen Bereichen nötig. Was würde Stuttgart attraktiver machen? Eine Großstadtzulage? Die lehnt Lutz ab, weil die jungen Beamten gar nicht hier wohnen, sondern nach dem Dienst nach Hause in die Provinz fahren. „Mit besseren Beförderungsmöglichkeiten wäre uns schon geholfen“, sagt Lutz.

Der 56-Jährige selbst will als Stuttgarter Polizeipräsident ein Reutlinger bleiben. Allerdings: So ein Job als Pendler mit einer 70- bis 75-Stunden-Woche ist seine ganz eigene/* hohe Dienstbelastung. Das kann auf Dauer nicht gehen – „sonst trifft man seine Lebenspartnerin nur noch spätabends zum gemeinsamen Zähneputzen“.

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