Melissa Khan, Faraaz Munshi, Wagar Sahid, Cecil Rawlins, Museumsleiterin Monja Büdke (v. li.) Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Die Vereinten Nationen sind komplett. Sie treffen sich nicht nur in New York, sondern auch im Mercedes-Museum in Bad Cannstatt. Besucher aus Guyana und St. Kitts und Nevis schlossen die letzten Lücken. Gut, dass man hier nicht nur Autos, sondern auch Kettensägen baut.

Stuttgart - Das Gästebuch des Mercedes-Museums ist beeindruckend. Hoheiten stehen darin, Musiker, Schauspieler und seit Mittwoch auch Cecil Rawlins aus St. Kitts und Nevis, und Melissa Khan, Faraaz Munshi und Wahar Sahid aus Guyana. Wie sie zu dieser Ehre kamen? Nun, sie haben es dem Mercedes-Museum ermöglicht zu sagen: „Mission erledigt – die ganze Welt war im Museum!“ Was natürlich eine Übertreibung ist, natürlich eine klitzekleine. Wie jeder weiß, können Schwaben nämlich gar nicht hochstapeln.

Die Suche nach den fehlenden Ländern

Beim Mercedes-Museum fragen sie Besucher regelmäßig, wo diese denn herkommen. Als sie vor anderthalb Jahren diese Statistik auswerteten, stellten sie fest, dass Menschen aus 186 Nationen das Museum besucht hatten. Bei den Vereinten Nationen sind 193 Länder Mitglied. Pressesprecherin Friederike Valet: „Also haben wir uns hingesetzt und geschaut: Wer fehlt eigentlich noch?“ Dabei kam heraus, es sind diese sieben Länder: Guyana und Suriname in Südamerika, Benin und Botsuana in Afrika, Papua-Neuguinea und der Südseestaat Samoa sowie St. Kitts und Nevis in der Karibik. Man setzte sich zum Ziel, diese Lücken zu schließen, um mit Fug und Recht behaupten zu können: Im Mercedes-Museum war die Welt zu Gast.

Besuch aus Surinam

Und wir dürfen jetzt mit Fug und Recht behaupten: Die Welt liest diese Zeitung. Denn bevor überhaupt die geplante Werbekampagne in diesen Ländern angelaufen war, war das Museum nach einem Artikel in dieser Zeitung über die die Aktion mit Mails und Briefen geflutet worden. Tenor: Wir kommen gerne, so wie Farida Gallinat aus Auenwald. Sie ist in Suriname aufgewachsen, einem Land in Südamerika, einst eine ­holländische Kolonie. Eine halbe Million Menschen leben in dem Land, das zwischen Brasilien, dem Atlantik und Guyana eingeklemmt ist. Farida Gallinat brachte gleich noch Fotos mit. Ihr Vater war ein Mercedes-Fan. Er war Transport-Unternehmer und kutschierte die Menschen umher. Natürlich in einem ­Mercedes-Bus. Selbst fuhr er auch ein schwäbisches Auto. Das Familienfahrzeug war eine S-Klasse mit Heckflossen. Und wie man auf dem Foto oben sieht, war er merklich stolz auf seinen Wagen. Wenn man heutzutage all die Einheitsboliden mit ihren genormten Formen sieht, muss man sagen: Völlig zu Recht. Man muss ganz klar sagen, der Wagen ist museumsreif.

Farida Gallinat kam vorbei und wurde in allen Ehren empfangen. Und erzählte eine spannende Lebensgeschichte, die gar nicht nicht so untypisch ist für diese manchmal so verhockt scheinende, aber doch so weltoffene Region. Aufgewachsen in Suriname ist sie mit den Eltern nach Holland gezogen, lernte in Spanien ihren Mann Jürgen, einen Jungen aus dem Pott gehen. Sie zogen in den Schwäbischen Wald bekamen drei Kinder, sind dort längst heimisch geworden.

Spätzle schaben in Benin

Auch Abdoull-Kawihi Ibrahima Issaka aus dem Benin schaute vorbei. Und er sagte tatsächlich „Grüß Gott“. Klar, wer Französisch, Englisch, Deutsch, Dandi und Yom spricht, der kriegt Schwäbisch auch hin. Der Doktorand lebt seit Jahren in Schwäbisch Gmünd. 2010 kam er als Austauschstudent erstmals nach Gmünd – und traute sich am Frankfurter Flughafen nicht über die Rolltreppe. „Das hatte ich zuvor nie gesehen.“ Aufgewachsen ist er als Sohn eines Bauern mit 15 Geschwistern. Kam er zu spät in die Schule, wurde er vom Lehrer ausgepeitscht: „Ich kam oft zu spät, weil ich meinem Vater helfen musste.“ Den Prügeln entkam er irgendwann, weil er seine Schultasche im Klassenzimmer ließ. „Dann konnte ich sagen: Ich war schon da, aber nur kurz mal draußen.“ Clever war er also schon immer, nun macht er seit 2013 seinen Doktor. Und wichtiger noch: Er kann Spätzle schaben. Und verabschiedet sich natürlich mit „Ade.“

Viele meldeten sich auch und sagten, wir waren schon da. Denn wie das so ist mit Statistiken, sie haben ihre Schwächen. An vier Tagen im Monat sind sie im Museum am Erfassen der Nationalität. Da schlüpft so einiges durch. Andere kamen spontan vorbei. So wie Thabiso Mmopele aus Botswana, er war ohnehin auf Europatour und machte einen Abstecher nach Stuttgart

Stihl brachte die Besucher vorbei

Nun fehlten nur noch Guyana und St.Kitts und Nevis. Da ist es ganz gut, dass man hier nicht nur Autos, sondern auch Motorsägen baut. Stihl hatte Vertragshändler aus der Karibik und Südamerika eingeladen. Eine Woche sind sie in Deutschland und der Schweiz unterwegs. Und siehe da, es waren auch Händler aus St. Nevis und Kitts, einem Karibikstaat mit weniger Einwohnern als Bad Cannstatt und vom brasilianischen Nachbarn Guyana dabei. Die staunten nicht schlecht, als sie erfuhren, dass sie die Auserwählten waren. Und noch mehr staunten sie, als sie sich ins Gästebuch eintragen durften und sahen, wer auf der Seite vor ihnen unterschrieben hatte. Vor ihrem Konzert im Stadion im Juli hatten das Museum nämlich besucht: Ron Wood, Charlie Watts, Keith Richards und Mick Jagger.

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