Auf Bedingungen wie bei dieser Ausstellungseröffnung in Österreich im Juli, haben nicht alle Galeristen Lust. Für viele lohnt es sich schlicht nicht. Foto:  

Bilder, Bier und Bussi-Bussi sind passé – Die Pandemie bedroht auch das älteste Ritual der Kunstszene: die Vernissage. Für private Galerien ist sie ökonomisch unverzichtbar, manch einer wagt es trotzdem unter Corona-Bedingungen. Ein Stimmungsbild aus Stuttgarter Kunsthäusern.

Stuttgart - Oft leben die Wörter länger als die Dinge. Kaum ein Maler verpasst seinen Werken heute noch einen abschließenden Anstrich aus Harz, Leim oder Leinöl. Spätestens mit den französischen Impressionisten fiel der Firnis aus der Mode. Sein altmeisterlicher Glanz galt als vorgestrig.

 

Ganz anders dagegen zur legendären Epoche der Pariser Salons, des Urknalls des neuzeitlichen Ausstellungswesens. Im frühen 19. Jahrhundert war das Auftragen der letzten Schicht eine so bedeutende Sache, dass sie gebührend gefeiert wurde. Am Abend vor dem ersten Öffnungstag einer Ausstellung luden die Künstler ihre Freunde und Mäzene zum Fest des Firnisauftrags. Die „Vernissage“ („vernis“ bedeutet „Firnis“) war geboren. Und sowohl der Begriff als auch die soziale Praxis der Eröffnungsfeier haben alle ästhetischen Umwälzungen der Avantgarde überdauert. Lediglich der kanonische Champagner wird mittlerweile häufig durch Wein oder Bier ersetzt.

Seit März keine Ausstellung mehr bei Michael Sturm

Doch nun ist das vielleicht älteste Ritual des modernen Kunstmarkts bedroht. Die pandemisch bedingten Hygieneregeln machen enges Zusammenstehen vor Bildern, Trollingertrinken und lebhaftes Reden zu einer problematischen Angelegenheit.

Mancher private Galerist zog daraus eine radikale Konsequenz. Michael Sturm zum Beispiel: Zwischen dem Shutdown im März und dem Beginn der Sommerpause hat der Stuttgarter keine neue Ausstellung mehr eröffnet. Seine Begründung: „Die Mehrzahl der Verkäufe ergibt sich schon bei der Vernissage.“ Wenn dieser Umsatz wegfällt, sei die Organisation einer Ausstellung mit Transport, Aufbau und Versicherung kaum wirtschaftlich. Dass nach Beginn der Lockerungen im Mai Eröffnungen in begrenztem Rahmen wieder möglich gewesen wären, änderte nichts an Sturms Entscheidung.

Wie kommt es, dass von einem einzigen Abend der wirtschaftliche Erfolg einer mehrere Wochen laufenden Ausstellung abhängt? Seit einigen Jahren versuchen Kunsthändler, den Zauber des Ausstellungsanfangs durch Ablegerformate zu wiederholen. In der Mitte der Laufzeit gibt es die Midissage, am Ende die Finissage. Durchsetzen konnte sich davon bislang noch nichts.

Vernissagen sind mehr als Party- und Verkaufserlebnisse

Aus ähnlichen Gründen wie Sturm hat auch die Galerie Hauff eine im Frühsommer geplante Ausstellung abgesagt. Doch für Betreiber Reinhard Hauff geht die Bedeutung der Auftaktzeremonie über ökonomische Faktoren hinaus. „Was wir heute Kunstszene nennen, hat sich vor allem aus der Vernissage heraus entwickelt.“ Schließlich fänden hier Künstler mit Kuratoren und interessierten Laien in zwangloser Runde zusammen. Man redet über Neuigkeiten aus der Branche, bringt Bekannte mit und erschließt nicht nur dem jeweiligen Künstler, sondern auch der Kunst insgesamt neue Freunde. Viele Besucher, heißt es landläufig, kämen in erster Linie wegen des Partyerlebnisses. Die gezeigten Werke kommentierten sie allenfalls mit höflichen Allerweltsattributen wie „schön“ oder „interessant“. Für Hauff nur Vorurteile: „Insbesondere bei politischer oder konzeptueller Kunst“, sagt er „wird in meiner Galerie sehr niveauvoll und auch kontrovers über die Exponate diskutiert.“ Sammler kaufen nicht zuletzt deswegen gern bei Vernissagen, weil sie in der Konversation quasi in Echtzeit erleben, welches intellektuelle Potenzial eine Arbeit besitzt. Zudem bietet sich die Möglichkeit, den Künstler persönlich kennenzulernen und zu befragen.

Demgegenüber teilt Marko Schacher, der im Stuttgarter Galerienhausseinen „Raum für Kunst“ führt, nicht alle Beobachtungen seiner Kollegen. Grundsätzlich hat aber auch er festgestellt: „Neunzig Prozent der Verkäufe gehen an Vernissagengäste.“ Allerdings könne er die roten Punkte, die signalisieren, dass ein Bild bereits den Besitzer gewechselt hat, nicht immer gleich am Premierenabend an die Wand kleben. „Die meisten Sammler kommen ein paar Tag später wieder, weil sie es sich noch einmal überlegen wollen oder weil sie eine intensivere Beratung suchen.“ Anders als Hauff und Sturm ging Schacher nicht so weit, auf neue Präsentationen und deren Eröffnung komplett zu verzichten.

Schacher trotzt dem Trend und freut sich über intensive Gespräche

Mit den behördlich verordneten Vorsichtsmaßnahmen könne man leben: „Bei der Sommerausstellung, die ich gemeinsam mit den Kollegen vom Galerienhaus veranstaltet habe, mussten wir uns auf ein Maximum von fünfzig Gästen beschränken und wie im Restaurant deren Kontaktdaten erfassen.“ Nummerierte Armbändchen sorgten dafür, dass die Hausherren den Überblick behielten. Den Charakter der Vernissage hätten diese Maßnahmen aber durchaus verändert, glaubt Schacher: „Die Bussi-Bussi-Gesellschaft, der es um die Kontaktpflege geht, blieb meist zu Hause.“

Auf den Dialog über die Kunst habe sich die Verkleinerung des Kreises jedoch sehr positiv ausgewirkt. „Trotz Stoff vor Mund und Nase“, so der Galerist, „waren die Gespräche viel intensiver als sonst.“ In gewisser Hinsicht führen die Covid-Bedingungen die Vernissage damit wieder an ihren eher intimen Ursprung zurück. Doch schon vor der Pandemie war es einigen Galeristen bei den offiziellen Auftaktveranstaltungen zu voll. Um die frühere Exklusivität wieder herzustellen, führten sie VIP-Previews für die gehobene Sammlerklientel ein. Dort soll es mitunter auch noch Champagner geben.

Und wie bereiten sich Stuttgarts Kunsthändler nun auf den Vernissagenmarathon des Art Alarms im Herbst vor? Schließlich droht weiterhin die zweite Infektionswelle.

Reinhard Hauff plant im Fall neuer Beschränkungen eine Flucht ins Internet, etwa eine virtuelle Eröffnung per Livestream, wie er berichtet.

Marko Schacher hingegen ist von digitalen Vernissagen weniger überzeugt: „Die persönliche Begegnung kann nichts ersetzen“, sagt er.