Sozial distanziert, inhaltlich nah beieinander: Geschäftsführerin Annette Loers und Booker Arne Hübner vom Kulturzentrum Merlin Foto: Björn Springorum

Das musikalisch höchst empfehlenswerte Sommerfestival Klinke kann dieses Jahr nicht in gewohnter Form stattfinden. Weil das Kulturzentrum Merlin aber weiß, dass ein Leben ohne Klinke zwar möglich, aber sinnlos ist, gibt es im August zumindest eine abgespeckte Version.

S-West - Annette Loers läuft flotten Schrittes durch das Kulturzentrum Merlin, die Augen hier, den Finger darauf gedeutet. Überall im Raum finden Umbauarbeiten und Anpassungen statt, das neue Hygienekonzept muss sitzen. Nicht ganz so traumwandlerisch sicher, dafür nicht weniger beherzt manövriert sie sich seit einigen Wochen durch das Dickicht an Verordnungen, Regularien und Voraussetzungen, damit in ihrem geliebten Merlin endlich wieder Kultur stattfinden kann.

Für die Politik findet die Geschäftsführerin lobende Worte; schwierig fand sie indes die Kommunikation. „Es wurde sich sehr oft widersprochen“, so Loers. Fehlinformationen, Missverständnisse oder Unklarheiten sorgten lange für Unsicherheit in der Kulturbranche, weil gefühlt jeder Veranstaltungsort auf einem anderen Kenntnisstand war. „Und kaum hat man alles geprüft und verinnerlicht, gibt es die nächste Verordnung.“ Ihr Fazit ist dennoch positiv. „Drei Tage nach dem Shutdown war der komplette Landeszuschuss für ein halbes Jahr auf dem Merlin-Konto. Daran sieht man, wie viel die Stadt für die Kultur tut.“

Lange Wochen war das Merlin geschlossen

Jetzt geht es also langsam wieder los im Merlin. Und dafür, so spürt man trotz Anspannung und Unsicherheit, würde Loers noch viel mehr auf sich nehmen. Lange Wochen war das Merlin geschlossen, quälend die Ungewissheit, wann und wie es weitergehen kann. Sicherlich hat es das Kulturzentrum als geförderte Institution weniger hart erwischt als andere kulturelle Einrichtungen der Stadt; prickelnd war es aber auch für Loers, Booker Arne Hübner und den Rest des zumeist ehrenamtlichen Teams nicht.

„Wir selbst können uns einen Sommer ohne unsere Klinke doch schon längst nicht mehr vorstellen!“, sagt Loers. Und nicht nur das: Statt Kulturarbeit ging es ab Mitte März erst mal nur um reine Bürokratie. Über 100 Veranstaltungen und Raumvermietungen wollten verschoben werden. „Das war dermaßen frustrierend, dass wir alle eine Zeitlang in eine Art Schockstarre verfallen sind.“

Als sich abzeichnete, dass bestuhlte Kulturveranstaltungen mit Abstand bald wieder möglich sein könnten, setzte sich Loers postwendend mit Arne Hübner, dem Booker mit der Goldgräber-Reputation, zusammen, um „wieder ein bisschen Blödsinn auszuhecken“. Heraus kam eine abgespeckte Variante des Klinke-Festivals, dieses traditionsreichen Festivals, bei dem schon manche Stuttgarter Band ihre Karriere gestartet hat: Die Kleine Klinke.

Die musikalische Auswahl, das fällt rasch auf, ist durchaus gesetzter und entspannter als in den vergangenen Jahren. Irgendwie logisch: Im Sitzen kann man sich ja durchaus einiges anschauen; eine wüste Punk-Show mit literweise Bier und Schweiß aber eben weniger. Los geht der offizielle Klinke-Reigen am Samstag, den 8. August: Psychedelisch wabernder Pop-Sound von Cindy Gravity, eröffnet von Klinke-Dauergast Titus Waldner, eh die musikalische Entspannung schlechthin.

Der lauschige Klinke-Sommergarten ist geöffnet

Die Woche drauf kitzeln PHI mit saftig-souligem Funk-Pop die Ohrmuscheln, gefolgt von den Akustik-Spezis Quiet Lane am 22. August und, zum Ausklang am 29. August, Stadtgröße Noah Kwaku, der sich ja mittlerweile NOPÉ nennt. Los geht es immer um 20 Uhr, der lauschige Klinke-Sommergarten ist vor den Konzerten natürlich auch geöffnet. Gern also etwas früher kommen und ein Bier mehr trinken. Die Kasse freut sich.

Der legendäre Hut, der bei den normalerweise kostenlosen Klinke-Konzerten durch die Reihen geht und von Loers mit Argusaugen überwacht wird (wehe jemand wirft Knöpfe oder Kupfer für die Künstler hinein!) muss dieses Jahr wegen Hygiene, Abstandsregeln und deutlich weniger zugelassenen Besuchern einem Eintrittspreis und einer Mindestgage für die Interpreten weichen – abgedeckt von der Kultursommer-Förderung des Landes.

Fertig ist man im Merlin damit noch nicht. Loers: „Das musikalische Programm ergänzen wir mit unseren Merlin-Dauerbrennern, die während Corona ausfallen mussten.“ Das sind am 3. August beispielsweise der englischsprachige „Dark Monday“, bei dem es diesmal eine szenische Lesung aus „The Birds“ (unsterblich gemacht durch die Hitchcock-Verfilmung), oder am 4. August der „Weird Short Slam“ voller sonderbarer Kurzfilme. Ehrensache fürs Merlin: Am 14. August darf auch das Improtheater Stuttgart bisschen was nachholen. Man ist eben da für seine regelmäßigen Veranstaltungen. Und wartet bangend auf die nächste Verordnung. Im Sitzen und mit Abstand natürlich.

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