Christine Brunner verhalf der Stadtbibiothek am Mailänder Platz zum Erfolg. Foto: Leif Piechowski

Fast sechs Jahre lang leitete sie eine der erfolgreichsten Kulturinstitutionen Stuttgarts: Seit 2013 war Christine Brunner die Direktorin der Stadtbibliothek am Mailänder Platz. Völlig unerwartet ist sie nun im Alter von 63 Jahren gestorben – viele Stuttgarter Kultur- und Bücherfreunde sind erschüttert.

Stuttgart - Plötzlich und unerwartet sei jemand verstorben, das sagt sich leicht. In diesem Fall stimmt die Aussage leider ganz und gar und drückt doch nur zum Teil jenes Maß an Erschrecken und Traurigkeit aus, die in der Stuttgarter Kultur nun zu spüren sind: Christine Brunner, die Direktorin der Stadtbibliothek Stuttgart, ist im Alter von nur 63 Jahren gestorben, so gab es das Rathaus am Mittwoch bekannt. Über die Todesursache verlautete nichts. Kulturbürgermeister Fabian Mayer: „Wir trauern um die Verstorbene, die mit viel Leidenschaft, Kraft, Fantasie und Ideenreichtum sowie höchster Fachlichkeit die Stadtbibliothek geleitet hat.“

Wer sich erinnern will, wie Christine Brunner dachte und fühlte, der muss sich an das Jahr 2015 erinnern. Seit vier Jahren stand dort für das Publikum offen die neue Stadtbibliothek am Mailänder Platz, tagsüber ein kraftvoller grauer, nachts ein geheimnisvoll blau leuchtender Turm. Der neue Standort war längst ein Riesenerfolg. Die Besucherzahlen waren bereits von einer Million auf rund anderthalb Millionen gestiegen. Und dann öffnete in unmittelbarer Nachbarschaft das Einkaufszentrum Milaneo, und die Bibliothek konnte sich plötzlich vor neugierigen Gästen kaum noch retten. Vom Primark aus ging es mit dicken Tüten bepackt hinüber ins eindrucksvolle Stadtbücherei-Treppenfoyer.

Besorgt wurde die Bibliothekschefin Christine Brunner damals gefragt, ob sie sich, ihre Mitarbeiter und die Bücher an einem solchen sozialen Brennpunkt überhaupt noch sicher wähne. Und Brunner antwortete darauf in unserer Zeitung: „Das hier ist das Gegenteil von einem Brennpunkt, es ist ein sehr entspannter Ort. Viele Menschen verbringen bei uns ihre Zeit. Das ist aber das Konzept der Stadtbibliothek. Unser Haus ist für alle Bürger offen.“

Im Grunde hatte sie es sich wohl genau so erträumt. 2001 kam die Bibliothekarin nach Stationen in Ditzingen und Heilbronn nach Stuttgart. Die zentrale Bibliothek war noch im Wilhelmspalais untergebracht, Ingrid Bussmann gerade zur neuen Direktorin ernannt und Brunner wurde ihre Stellvertreterin. Unermüdlich arbeiteten die beiden an Konzepten für den geplanten Neubau am Mailänder Platz. Allen Kritikern, die behaupteten, im digitalen Zeitalter seien Büchereien ohnehin völlig überflüssig, wollten sie zeigen, dass die Bibliothek als zentraler Ort des selbstbestimmten Lernens und des Austausches auch in Zukunft unverzichtbar ist.

Und sie haben es geschafft. 2011 eröffnete das neue Haus, 2013 übernahm Christine Brunner die Direktion. Sie hielt die Türen nicht nur für alle Neugierigen weit offen, sie öffnete auch das Themenspektrum der Veranstaltungen. Comics und Digitales wurden hier nun verhandelt, die Autoren der Herkunftsländer Stuttgarter Migranten spielten eine große Rolle. Und bei aller Geschäftigkeit und kulturpolitischen Umtriebigkeit blieb sie stets freundlich, zurückhaltend, neugierig, offen für Kritik. Kurzum: sie blieb ein feiner Mensch.

Das Segeln hat sie geliebt. Und fesche Autos. Wert auf schicke Kleidung legte sie obendrein. Nebensächlichkeiten? Das soll halt glauben, wer verkennt, dass erst die komplette Persönlichkeit erklärt, was den Erfolg und die Ausstrahlung eines Lebens ausmacht. Christine Brunner hat als Chefin der Stuttgarter Stadtbibliothek ihre Gäste gern angestrahlt. Welch ein Verlust.

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