Sein ganzes Berufsleben hat Onkologe Stefan Bielack dem Heilen von Menschen gewidmet. Er war Leiter der Kinderkrebs-Station im Olgäle. Bis er selbst Heilung brauchte. Doch mit dem Helfen hört er nicht auf.
Wie könnte es anders sein. Der passionierte Radler Stefan Bielack schaut auf einem Rad vorbei. Doch es sieht anders aus als früher, statt zweier Reifen, einem schmalen Sattel und schlankem Rahmen fährt er nun ein anderes Modell: Mit drei Reifen, einem Sitz, einem Motor und einem Käpt’n-Sharky-Wimpel.
Er lebt sein drittes Leben
Es ist das Modell für sein drittes Leben. Sein erstes Leben endete 1983. Da flog er vom Fahrrad, brach sich Rippen und einen Halswirbel. Ganz knapp entging er einer Querschnittslähmung. „Das war knapp, aber es hat ja fast 40 Jahre gehalten“, sagt er, so lakonisch, wie es wohl nur ein Norddeutscher kann. Der gebürtige Hamburger arbeitete am Universitätsklinikum Münster, 2005 kam er nach Stuttgart ans Klinikum, war Ärztlicher Direktor des Olgahospitals, therapierte mit seinem Team krebskranke Kinder.
Die Welt verschwimmt
Am 23. März 2019 endete sein zweites Leben. Da saß Bielack zu Hause, und plötzlich verschwamm die Welt um ihn herum, alles floss ineinander. „Ich bekam Sehstörungen“, sagt er, „es war am Anfang wie bei einer Migräne.“ Doch in diesem Falle nutzte das Studium der Medizin, die Promotion, die unzähligen Jahre Berufserkrankung bei der Behandlung von krebskranken Kindern ausnahmsweise nicht seinen Patienten, sondern ihm selbst.
Ihm war klar, es wird ernst: „Ich musste so schnell wie möglich ins Krankenhaus.“ Er ließ sich mit dem Taxi ins Klinikum bringen, lieferte sich ein. Und landete auf der neurologischen Intensivstation. Schlaganfall. Er, der so vielen Kindern geholfen hatte, war nun selbst Patient. Ein Pflegefall zunächst. Gedächtnis, Zeitgefühl, alles weg. „Aber das Gehirn ist ein bemerkenswertes Organ“, sagt er. Es knüpfte sich vieles neu. Und die Ziele waren nun andere. Im dritten Leben ging es darum „wieder selbst aufs Klo zu gehen oder ein Stück zu gehen.“ Mit der gleichen Hartnäckigkeit und Ausdauer und Hoffnung mit der er und sein Team früher um das Leben ihrer Schutzbefohlenen und wider die Tumore gekämpft hatten, kämpfte er nun um jedes kleine Stückchen mehr.
Seine Studien führt er weiter
In seinem dritten Leben ist er Frührentner, hat Probleme mit dem rechten Arme und dem Gehen. „Aber mein intellektuelles Verständnis ist gut“, sagt er. Er arbeitet nicht mehr im Olgäle, aber seine Studien führt er fort. Stefan Bielack hat 30 Jahre lang die deutsche Knochenkrebsstudiengruppe geleitet. Wegen der wenigen Fälle gibt es in der Kinderonkologie seit mehreren Jahrzehnten für jede Erkrankung eine eigene Studiengruppe. Das Olgahospital ist ein Kompetenzzentrum für Knochenkrebs, das heißt, dass sich alle deutschen Krankenhäuser an die Stuttgarter Kinderklinik wenden können, um um eine Einschätzung bei einem Knochentumor zu bitten.
Der Datenschatz
Knochenkrebs sei besonders selten, so Bielack – es gebe pro Jahr 100 Erkrankungen in Deutschland. Über die Jahre hat sich ein „riesiger Datenschatz“ von mehreren 1000 Patienten angesammelt. Diesen Schatz verwaltet er weiter. Seine ehemaligen Patienten liegen ihm immer noch am Herzen. Sein Olgäle liegt ihm am Herzen. Deshalb ist er jahrelang bei der Tour Gingko mitgefahren, um Geld fürs Olgahospital zu sammeln. Das kann er dieses Jahr nicht, obschon er auf seinem Dreirad entlang von Donau und Neckar 1500 Kilometer gefahren ist. In seinem Tempo. So macht er das auch bei seiner ganz persönlichen Tour Gingko, am Dienstag fuhr er eine Runde von Fellbach nach Sindelfingen, am Mittwoch ging es von Fellbach nach Gerlingen und südlich wieder im Halbkreis zurück. Am Donnerstag radelte er bei der Tour mit, die am Samstag Station im Olgäle macht. Tritt für Tritt ins dritte Leben.
Tour Gingko
Info
https://tourginkgo.de/diestiftung/spenden/