Stuttgarter Kickers „Wir werden an der Krise wachsen“

Von Jürgen Frey 

Optimistisch: Kickers-Trainer Stipic (li.) und Sportdirektor Zeyer. Foto: Baumann
Optimistisch: Kickers-Trainer Stipic (li.) und Sportdirektor Zeyer. Foto: Baumann

An diesem Freitag (19 Uhr/Gazistadion) startet Fußball-Drittligist Stuttgarter Kickers gegen Erzgebirge Aue in die restlichen 17 Saisonspiele. Trainer Tomislav Stipic und Sportdirektor Michael Zeyer erklären, warum es für das Schlusslicht trotz aller Probleme zum Klassenverbleib reichen wird.

Stuttgart -

Meine Herren, die Skepsis beim Kickers-Anhang ist groß. Können Sie die Sorgen und Ängste etwas lindern?
Stipic: Ich kann die Skepsis der Kickers-Fans verstehen und möchte mal einen Vergleich anstellen. Wenn ein Spieler verletzt ist und draußen sitzt, empfindet er mehr Stress und macht sich mehr Sorgen als die Spieler, die auf dem Feld sind und die Situation direkt beeinflussen können. Die Fans müssen uns vertrauen, und ihre Unterstützung wird ­benötigt.
Können Sie den Klassenverbleib versprechen?
Stipic: Es wird schwer, aber es ist machbar. Wir werden alles daransetzen, um unser Ziel erreichen. Zeyer: Die Ängste der Fans sind ja nicht unbegründet. Wir sind Tabellenletzter, haben 13 Spiele hintereinander nicht gewonnen. Dieses krasse Abrutschen ist besorgniserregend und beispiellos. Ich habe so etwas noch nie erlebt. Deshalb haben wir auch viele Dinge verändert und sehr hart gearbeitet.
Wo liegen die Knackpunkte für den Sturzflug?
Zeyer: Wir haben einen durchschnittlichen Job gemacht, auf und neben dem Feld.
Sie räumen also selbstkritisch personelle Fehlgriffe ein?
Zeyer: Wir haben keinen Volltreffer gelandet wie im Vorjahr mit Besar Halimi. Doch ich bin von der Qualität unserer Neuzugänge vom vergangenen Sommer nach wie vor überzeugt. Viele kamen wegen Verletzungen nicht richtig ins Rollen. Bei uns muss eben alles sitzen, und jeder muss zu 100 Prozent bei der Sache sein.
War das bei Horst Steffen nicht mehr der Fall?
Zeyer: Jeder muss den Fokus vollkommen auf seine Aufgabe richten. Fakt ist, dass wir den Umbruch im Sommer nicht konsequent ­umgesetzt und gemanagt haben. Die Neuen wurden nicht gut integriert, es wurde ständig durchgewechselt. Wir haben kein Gerüst gefunden, viele Spieler waren zutiefst verunsichert.
Deshalb haben Sie jetzt kräftig nachgebessert und vor allem große, körperlich robuste Spieler geholt.
Zeyer: Wir hatten uns in dieser Saison bei den Standardsituationen massiv verschlechtert. Deshalb war das ein Teil des Anforderungsprofils. Stipic: Sowohl offensiv als auch defensiv ­hatten wir körperliche Nachteile.
Warum haben Sie nicht über gestandene Spieler wie die arbeitslosen Cacau und Andreas Ottl oder auch Andreas Voglsammer von Zweitligist 1. FC Heidenheim nachgedacht, deren Qualität außer Frage steht?
Stipic: Wir sind von der Qualität der Spieler, die wir geholt haben, absolut überzeugt. Zeyer: Der 1. FC Saarbrücken hat im vergangenen Jahr den Fehler gemacht, teure Spieler mit großen Namen wie etwa Stefan Reisinger zu verpflichten, und stieg sang- und klanglos ab. Nein, wir gehen unseren Weg und haben durchaus unsere Wunschspieler bekommen.
Damit ist die Hierarchie komplett durcheinandergewirbelt.
Stipic: Eine Hierarchie entsteht immer durch Leistung auf dem Platz. Zeyer: Jeder muss sich im Profisport dem Leistungsgedanken unterordnen. Nur darum geht es. Stipic: Ich kann eine Mannschaft nicht nach Verdiensten für den Verein aufstellen. Das Team ist heilig, und dem müssen wir uns alle unterordnen. Das gilt es auf und neben dem Platz zu demonstrieren.
Hatten damit einige Urgesteine wie etwa ­Kapitän Enzo Marchese ein Problem?
Zeyer: Es ist völlig normal, dass ein neuer Trainer nach einer Serie von Misserfolgen alles kritisch hinterfragt. Dies ist nun mal mit Veränderungen verbunden. Und das sieht der eine oder andere kritisch, da er ­seinen Status gefährdet sieht und eigene ­Interessen zurückstellen muss. Es hätte auch Pep Guardiola kommen können, und ­manche Spieler wären skeptisch gewesen. Tomislav Stipic hat alles getan, um die Mannschaft mitzunehmen. Ich war schockiert, wie schwer das fiel. Der Trainer musste viele Widerstände brechen.
Herr Stipic, hat Sie die Mannschaft gegen eine Wand laufen lassen?
Stipic: Nein, natürlich musste ich zu Beginn meiner Tätigkeit hart daran arbeiten, dass die Mannschaft sich auf meine Veränderungen einlässt. Ich habe jeden Tag versucht, Lösungen zu finden, um die Mannschaft weiterzuentwickeln.
Und? Haben Sie die Lösungen gefunden?
Stipic: Ganz bestimmt. Wir haben ein junges, wildes Team voller Energie. Die vorhandene Qualität müssen wir nur noch kanalisieren und dürfen nicht scheitern, weil wir zu schnell zu viel wollen. Ich habe ein Urvertrauen in diese Mannschaft, in mein Trainerteam und mich. Zeyer: Ich bin ganz sicher, wir werden an der Krise wachsen und gestärkt daraus hervorgehen. Wie belastbar Beziehungen sind, zeigt sich doch im Misserfolg. Und der Zusammenhalt im Präsidium, im Aufsichtsrat, im ganzen Verein ist beeindruckend.
Sie selbst verknüpfen Ihr Schicksal mit Tomislav Stipic?
Zeyer: Ich kann nur wiederholen, dass es unter meiner Regie in dieser Saison keinen Trainerwechsel mehr geben wird. Die Überzeugung in die Arbeit von Tomislav Stipic wächst von Tag zu Tag.
Herr Zeyer, die Kickers bleiben drin, weil . . .
Zeyer: . . .wir die Situation gut analysiert haben und die richtigen Maßnahmen ergriffen haben. Wir haben alle Segel gesetzt, um durch den Sturm zu kommen.
Herr Stipic, bitte vervollständigen Sie den Satz: Wenn die Kickers drin bleiben, dann . . .
Stipic: . . .  werde ich gemeinsam mit meiner Mannschaft und den Fans den Klassenverbleib feiern, anschließend zu Fuß nach Ingolstadt laufen und meine Erfahrungen und Emotionen in einem Buch festhalten.

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