Sandrino Braun frustriert: Der Kickers-Spieler Foto: Baumann

Auch in der Saison 2012/13 wurde in Dirk Schuster ein lange Zeit erfolgreicher Trainer mit hoher Akzeptanz in der Mannschaft entlassen. Es ist eine Parallele zur Krise des Fußball-Drittligisten Stuttgarter Kickers in der laufenden Runde.

Stuttgart - Es war der 9. April 2013. Die Kickers hatten an jenem Dienstagabend gegen Borussia Dortmund II mit 0:1 verloren. Die Hoffnung auf den Drittliga-Klassenverbleib tendierte gegen null. Die Blauen standen nach dem achten sieglosen Spiel in Serie auf einem Abstiegsplatz, und die Konkurrenz hatte noch bis zu drei Nachholspiele in Petto.

„Es herrschte Endzeitstimmung“, erinnert sich Verteidiger Fabio Leutenecker. „Wir waren totgesagt“, ergänzt Kapitän Enzo Marchese. Beide Spieler waren auch beim 0:3 am vergangenen Samstag beim VfR Aalen dabei. Leutenecker auf dem Platz. Marchese auf der Tribüne. Auch sie werden festgestellt haben: Die aktuelle Befindlichkeit bei den Blauen ist nach 15 Spielen ohne dreifachen Punktgewinn (sieben davon unter Stipic) und fünf Punkten Rückstand auf einen Nichtabstiegsplatz ähnlich depressiv. Die Zerfallserscheinungen nach dem Rückstand waren bedenklich.

Kickers bleiben noch 15 Chancen zu punkten

Der Unterschied zur damaligen Situation: Bis zum Saisonende am 14. Mai besteht noch 15-mal die Chance zu punkten. Im Frühjahr 2013 blieben nach der Pleite gegen den BVB II nur noch sechs Spiele, um das Unmögliche möglich zu machen. Was letztendlich gelang – auch dank sehr glücklicher Punktgewinne wie gegen den SV Babelsberg (2:1), bei Preußen Münster (1:0) oder beim Showdown am letzten Spieltag bei Darmstadt 98 (1:1).

Ob es ein zweites blaues Wunder gibt, ist fraglich. Fest steht: Die beiden Krisenspielzeiten weisen Parallelen auf. Auch 2012/13 wurde in Aufstiegstrainer Dirk Schuster (wie im vergangenen November Horst Steffen) ein lange Zeit erfolgreicher Trainer mit hoher Akzeptanz in der Mannschaft gefeuert. Auf Interimscoach Guido Buchwald folgte zunächst Gerd Dais. Er legte mit sieben Punkten in drei Spielen, darunter ein 3:0 im Derby gegen den VfB Stuttgart II, vielversprechend los. Danach ging in sieben Partien jedoch gar nichts mehr – der Kurpfälzer musste gehen und wartet seitdem vergeblich auf einen neuen Job. Unter Massimo Morales schafften die Blauen noch den Klassenverbleib – obwohl der Italiener mit dem 0:1 gegen Dortmund II einen denkbar schlechten Start hatte.

Morales schaffte es, da Kickers-Urgesteine letzte Reserven mobilisierten

Altgediente Kickers-Spieler wie Julian Leist, Fabian Gerster, Patrick Auracher und Marcel Ivanusa hatten neben den heute noch aktiven Marchese, Leutenecker und Sandrino Braun auf der Zielgeraden erfolgreich ­alle Reserven mobilisiert. Und diesmal? Ist bei einem schnellen Erfolgserlebnis auch noch vieles möglich, doch mit jedem Punktverlust werden die Fragezeichen größer, ob die in der Winterpause verpflichteten Neuzugänge ähnlich viel Herzblut in eine Rettung der Blauen investieren. Die Hierarchie der einst verschworenen Einheit ist von der sportlichen Leitung bewusst vollkommen durcheinandergewirbelt worden, die Verunsicherung groß. Kaum vorstellbar, dass die Vereinsführung bei einer weiteren Niederlage gegen Rostock nicht die Reißleine zieht und noch einmal den Trainer wechselt. Was 2012/13 zu einem Happy End führte, aber keine Garantie für die Wende wäre.

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