Wolfgang Schorer singt bei „The Voice Senior“ für Stuttgart Foto: Hübner

Der Stuttgarter Lehrer Wolfgang Schorer ist Finalteilnehmer der Sendung „The Voice Senior“ bei Sat 1. Im Finale will er mit dem Rockklassiker „Highway to hell“ von AC/DC punkten.

Stuttgart - Als das Schlesinger gegenüber dem Haus der Wirtschaft noch Bruddler hieß, ging es da ziemlich rustikal zu. Rustikal war ebenso die Wirtin Anfang der 1980er Jahre. Und genauso ein gehöriger Teil des Stammpublikums. Das waren junge Leute mit vielen Flausen im Kopf, die vor allem ihre Musik live spielen und dabei viel Spaß haben wollten. Einigermaßen zusammengehalten wurden sie von Eberhard Grupp, Daimler-Betriebsrat und führender Kopf in der IG Jazz, bis er deren Konzept auf die Rockmusik umsetzte in Gestalt der MIR, der Musikerinitiative Rock Stuttgart.

Ausgestattet mit etwas finanzieller Fürsorge der Stadt, eroberten die damals etwa 20 MIR-Bands die Turnhallen der Stuttgarter Stadtteile, machten die Röhre zum Live-Club und später zu ihrer Stammadresse oder spielten eben im Bruddler.

Klar im Vorteil waren jene Bands, die sich dem Hard Rock oder Heavy Metal verschrieben hatten: Sie konnten auf ein verlässliches Stammpublikum vertrauen von mindestens 100 Fans, egal ob eine dieser Gitarrenbands in Mühlhausen oder in Weilimdorf aufspielte. Da waren die anderen schlicht und einfach nur neidisch drauf.

Der Griff zum Lorbeerkranz

Möglicherweise ist dieser Rückhalt der Spirit, oder besser: die Motivation, die einen dazu antreibt, auch noch 40 Jahre später mit derselben Musik nach dem Lorbeerkranz zu greifen: Wolfgang Schorer aus Stuttgart jedenfalls, Sänger der legendären Stuttgarter Band „Thunder“ aus den frühen 1980ern, nicht zu verwechseln mit der später gegründeten gleichnamigen Hard-Rock-Band, will den Sieg – an diesem Freitag in der „Sat 1“-Final-Sendung „The Voice senior“. Wer jetzt noch an seinem ersten Platz Zweifel hat, der möge sich nur seine Videos aus den Vorsendungen anschauen. „Smoke on the water“ von Deep Purple etwa. Zugegeben, ein Klassiker mit inzwischen reichlich Mottenfraß. Aber wie der Wolfgang da sein ausgedehntes „Yeeeaaah“ nicht endenwollend ins Publikum brüllt mit lässiger Gestik, während die Band im Hintergrund allmählich von Refrain auf Strophe umschaltet, das hat selbst heute noch das gewisse Etwas, das einst nicht nur die Mühlhausener und Weilimdorferinnen in den Wahnsinn trieb, darauf hat sich schon manche internationale Karriere gegründet.

Wolfgang Schorer jedenfalls ist sich treu geblieben: „Eigentlich mache ich immer noch genau das, was ich früher auch gemacht habe: Ich liebe Judas Priest, ich liebe die hohen Töne und ich liebe es, sie rauszulassen als Shouter“. Leben kann er davon freilich nicht, deshalb ist er zur Sicherheit oder zur Basisversorgung Grundschullehrer in Bad Cannstatt. Deshalb kann er aber auch heute selbstbewusst sagen: „Hauptsache ist, ich kann mein Ding machen. Ich lasse nun mal gern die Sau raus und hau drauf, Kommerzmist liegt bei mir nicht drin.“

Die Nichte hat auf „The Voice“ aufmerksam gemacht

So jemand kommt freilich nicht von sich aus auf die Idee, sich bei einer Sendung wie „The Voice“ zu bewerben. „Das hat meine Nichte gemacht, ich kannte dieses Sendeformat ja gar nicht“, erinnert sich Schorer, „die hat mich zuvor aber schon gefragt nach meinem Einverständnis – und nun ja, warum nicht?“. Heute ist er voll des Lobes: „Da wird absolut professionell gearbeitet, jeweils eine Woche vor den beiden Vorentscheidungs-Sendungen waren die Tage voll mit Proben, mit Aufgaben, die zu erledigen sind. Das ist sehr professionell, da pfeift kein Mikro beim Aufbau, die Background-Sänger sind voll gut drauf. Da ging es auch darum, in welchem Outfit man auftritt, auf der Bühne, in diesem Interview, dann in einem anderen. Dann wurden ja auch noch Einspielerfilme gedreht, man musste in die Maske, es gab Rechtsberatung.“

Dass Schorer „The Boss Hoss“, seine Mentoren in „The Voice“, ebenfalls nicht kannte, ist wohl auch nicht verwunderlich. „Ich habe die bei den Vorgesprächen gesehen. Und wie die auftreten – also Stiefel, Leder, Hüte, der ganze Western-Look, das mag ich ja auch alles. Und nichts gegen Sasha, Yvonne Catterfield oder Mark Forster – aber was haben wir uns schon in Sachen Musik zu sagen?“ Mit „The Boss Hoss“ stimmt jedenfalls die Chemie. Und die Titelwahl, denn auch sie ist entscheidend für die Publikumswahl, das an diesem Freitag über den Sieger entscheidet. „Da habe ich ja einige eigene Stücke vorgeschlagen, aber ich habe volles Vertrauen in „The Boss Hoss“. Und die haben sich für „Highway to hell“ von AC/DC und „Rock and Roll“ von Led Zeppelin entschieden.

Gut für die Stuttgarter Rolling Bones

Denn die Konkurrenz ist groß und die stilistische Vielfalt ist ungewöhnlich. Ebenfalls im Finale ist beispielsweise Willi Stein aus Sachsenheim (Kreis Ludwigsburg) mit seiner Interpretation von bekannten Opern-Arien. Zuletzt ausgeschieden ist allerdings Charles Duncan aus Ludwigsburg, der den Gesangsstil von Frank Sinatra verinnerlicht hat.

Wie geht es weiter mit Schorer nach der Siegesfeier am Freitag? – Ob es eine Tour der Sieger geben wird oder eine gemeinsame Aufnahme, ist noch offen, ebenso die Frage, ob es generell eine Fortsetzung des „Senior“-Formats geben wird. Aber Schorer hat ja noch seine Leib-und-Magen-Band, die Stuttgarter Rolling Bones. „Uns gibt es schon seit 20 Jahren. In Stuttgart hatten wir leider schon länger keinen Auftritt mehr, da es kaum noch Clubs gibt, die sich für uns interessieren. Das ist eher im Umland der Fall, etwa in Heilbronn oder in Horb am Neckar.“ Aber auch da ist Flaute im Terminkalender. Schorer: „Wir haben leider kein Management. Und ich selbst bin leider kein Verkaufstalent in eigener Sache“. Zudem verwenden auch andere diesen Namen, unter anderem Gruppen für Behindertensport. Da kommt der Sieg und das daraus wachsende Interesse an den Original-Rolling-Bones aus Stuttgart dann gerade recht.

Der Ruhestand gehört der Musik

Und er hat ja noch die Schule. „Bis 2020 will ich das noch machen, dann gehe ich in den vorgezogenen Ruhestand und kann mich mehr um meine Musik kümmern“, so Schorer. Das kann auch nicht jeder von sich sagen, dass er diesen Beruf mehr als 40 Jahre lang immer in Vollzeit gemacht hat. „Und die Musik hat mich immer begleitet. Wo ich bin, ist eine Gitarre greifbar, Judas Priest höre ich in der Dusche“.

Und bei seinen Schülern ist er jetzt schon Sieger. „Was da jetzt auf facebook alles reinkommt, ist unglaublich. Manche erinnern sich an ihre Schulzeit vor 30 Jahren und schwärmen davon, wie toll das damals war. So was bekommt man sonst eigentlich nie zu hören“. Denn den rockenden Lehrer gibt es auch jährlich auf dem Schulfest in Bad Cannstatt. Von daher weiß Schorer auch aus Erfahrung: „Die meisten meiner Schüler haben ein großes Interesse daran, ein Instrument zu lernen, egal ob Klavier, Geige oder Trompete. Aber das muss von den Eltern gefördert werden.“

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