Es ist ein ungewöhnliches Kapitel der Geschichte. Auch in Stuttgart nutzte die Arbeiterbewegung das Rad. Nicht nur als Transportmittel, auch zur Erholung, zum Sport und zur Agitation.
Stuttgart - Der Fund eines alten Fotos hat die irische Studentin Margaret Haverty auf die Spur eines fast vergessenen Kapitels der Stadtgeschichte geführt.
Frau Haverty, Arbeiter, die Rad fahren, was ist denn daran besonders?
Ist in Stuttgart nicht jeder, der Rad fährt, etwas Besonderes? In einem Lied, das zur Gründung des Arbeiterradfahrbunds Solidarität 1896 geschrieben wurde, heißt es: „Aufs Rad! Aufs Rad – Genossen alle! Frisch auf! Zum letzten heißen Streit! Oder: Frisch auf, zu fröhlicher freier Fahrt, Das sichere Stahlroß blinket! Wir radeln lustig von Ort zu Ort.“ Das Rad war Sportgerät, aber es vergrößerte auch die Welt.
Inwiefern?
Man kam überall hin. Es gab Touren- und Wanderfahrten als Ausgleich zur Fabrikarbeit. Aber man nutzte das Rad auch, um an entlegeneren Orten zum Wählen aufzurufen, um Stimmzettel einzusammeln und zur Agitation. Die Radler, die Flugblätter in die Dörfer brachten, nannte man auch „die Rote Kavallerie“ oder die „Roten Husaren des Klassenkampfs“. Und man nutzte das Rad, um sich von den bürgerlichen Sportvereinen abzugrenzen.
Warum war das wichtig?
Das Motto der Arbeitersportbewegung war „Massensport statt Kampfrekord“. Es ging um die Gemeinschaft, nicht um den Wettkampf. Nach der Aufhebung des Sozialistengesetzes im Jahr 1890, also nachdem die Überwachung und Auflösung sozialdemokratischer Vereinigungen ein Ende fand, bildeten sich rasch unzählige Clubs, Chöre, Orchester, Mutterschutzvereine und Sportvereine. Dann kam noch etwas hinzu.
Nämlich?
Es gab arbeitsfreie Zeit. Zunächst der Sonntag, schließlich der Samstagnachmittag. Und dann hatte man sogar nach der Arbeit noch einige Stunden Freizeit. Wie füllt man die? In den engen Wohnungen wollte man nicht bleiben. Die Kneipe lag nahe. Dafür bildeten die Arbeitervereine eine Alternative. Und Sportmachen hält fit, damit man sich besser einbringen kann im Klassenkampf.
Aber eben nicht die klassischen Vereine?
Nein, die wurden ja von den Hierarchien getragen. Die Turner waren etwa monarchistisch geprägt. Also grenzten sich die Arbeiter ab. In eigenen Vereinen, aber auch in der Art des Sporttreibens. Es gab sogar eine Form des Langsamfahrens, es ging darum, eine Strecke auf einer einen Meter breiten Bahn möglichst langsam zurückzulegen, ohne abzusteigen oder stillzustehen.
Und Sie sind durch dieses alte Foto der Kunstradler aufmerksam geworden?
Ja. Das war während des Master-Studiums. Im Rahmen eines 18 Monate dauernden Projekts bin ich auf das Bild in der Landesstelle für Volkskunde gestoßen, musste zu diesem Objekt forschen und dann zusammen mit den Studierenden des Ludwig-Uhland-Instituts eine Ausstellung konzipieren, dazu die Broschüre und die ganzen Ausstellungstexte schreiben.
Was hat Sie daran gereizt?
Die Arbeitervereine haben das Fahrrad genutzt, um die Menschen zusammenzubringen. Wenn man ans Fahrrad denkt, ist das ja in erster Linie etwas, was man alleine macht. Dort hat man aber das einsame Radfahren zu einem Gemeinschaftssport entwickelt.
Dort spielte man Radball und betrieb Kunstradfahren?
Wie gesagt, Wettkampfradrennen lehnten die Radler ab. Beim Kunstradfahren geht es ja darum, gemeinsam etwas zu erschaffen, Solidarität sozusagen. Diese Artistik kam gut an. Das sieht man ja auch auf dem Foto vom Stuttgarter Marktplatz. Das hat ein Riesenpublikum angezogen. Womit übrigens die SPD durchaus Probleme hatte, sie kritisierte, die Arbeiterradfahrer driften Richtung Freizeit und Unterhaltung ab, kümmern sich nicht ernsthaft genug um die politische Arbeit.
Aber viele Zuschauer, das bedeutete Aufmerksamkeit
Ja, das war ein weiterer Aspekt. Das Sporttreiben diente dazu, Werbung zu machen, das eigene Anliegen zu verbreiten und Mitglieder zu gewinnen.
Gelang das?
Oh ja, mit 350 000 Mitgliedern war die Solidarität der größte Arbeiterverein der Weimarer Republik. Und schnell ein Ziel der Nazis. Die Vereine wurden zerschlagen. Die eigene Fahrradfabrik in Offenbach, die Räder unter dem Namen Frisch auf baute, wurde auf die Produktion von Munition umgestellt, die führenden Köpfe der Vereine wurden ermordet oder verhaftet.
Wie ging es weiter?
Die Zuffenhäuser Arbeiterradler gingen im TSV Zuffenhausen auf und wurden Teil der Radsportabteilung. Mittlerweile gibt es aber sogar eine Fabrik, die wieder die Frisch-auf-Räder herstellt. Nicht mehr ausschließlich in Grün wie einst, aber die Marke ist zurück.
Info
Kritik an Radlern
Paria
Manches ändert sich nie. Wenn man den folgenden Text liest, glaubt man, er sei gestern geschrieben worden, dabei stammt er von 1895, erschienen in der „Arbeiter-Radfahrer“: „Es scheint als ob der Radfahrer in unserer Menschheit einen besonderen Standpunkt einnimmt: er ist weder Mensch, noch Herr, noch Dame. Er oder sie ist Radfahrer oder Radfahrerin und damit sind sie verurteilt , als natürliche Feinde der übrigen Arten der menschlichen Rasse betrachtet zu werden. Nicht allein jeder, der zu Fuß läuft, sondern auch diejenigen, welche in einem Fuhrwerk oder auf dem Rücken eines Pferdes sitzen, sehen den Radfahrer als eine Person an, die außerhalb der Menschheit steht, den man so viel als möglich plagen muss.“