Jahrzehntelang hat Rolf Nagel an seinem Werk gearbeitet. Jetzt hat der Stuttgarter es vorgestellt. In drei dicken Bänden hat er die Stadt Kempten so gründlich erforscht wie niemand vor ihm.
Menschen machen manchmal merkwürdige Dinge. Wobei, das trifft es nicht ganz. Menschen machen Dinge, die ihnen normal, anderen aber höchst merkwürdig vorkommen. Der Italiener Michele Santelia fand es zum Beispiel wahrscheinlich gar nicht so komisch, 57 Bücher rückwärts in einen Computer zu tippen, ohne dabei auf den Bildschirm zu schauen. Mehr als drei Millionen Wörter waren das. Dafür steht Santelia im Guinnessbuch der Weltrekorde.
Kiloweise Stadtgeschichte
8,5 Millionen Zeichen hat nun Rolf Nagel in seinem Dokument zusammengetragen, das die Biografien von 47 000 Menschen enthält, die zwischen 1596 und 1825 in Kempten im Allgäu gelebt haben. Es ist eine ganz eigene Art der Freizeitbeschäftigung. Das schon, findet auch Nagel. Aber wie er so da sitzt in seinem Haus in Weilimdorf und davon erzählt, wie er 14 000 Fotos von Kirchenbüchern gemacht hat, 16 000 Zettelkarten mit Heirats-, Todes- und Taufeinträgen eingescannt und sortiert hat, klingt das alles ganz selbstverständlich. Drei dicke, wirklich dicke Bücher mit 1800 Seiten hat Nagel in den letzten Jahrzehnten Biografie für Biografie, Schicksal für Schicksal, angehäuft, entwirrt und verknüpft.
Was ist ein Klodazoller?
Wenn man das so liest, klingt das erst mal dröge. Aber blättert man sich durch die Bücher, ist man schnell gefangen von der Vergangenheit. Oder weiß irgendjemand heutzutage noch, was ein Klodazoller ist? Natürlich ein Steuereintreiber für Klauenvieh, also Schafe, Schweine, Ziegen. Oder dass es im 18. Jahrhundert Clare Ferrand aus Colombo/Ceylon nach Kempten verschlagen hat und sie einen Kaufmann aus dem Allgäu geheiratet hat. Oder wie viele unterschiedliche Berufsbezeichnungen es für Henker gab: Scharfrichter, ganz grob den Abdecker und eher poetisch den Kleemacher.
Warum macht man sich diese Mühe?
Doch wie kommt er dazu, sich diesem „dreidimensionalen Puzzle“ zu widmen, wie es Nagel selbst nennt, dieser ewigen Suche nach dem fehlenden Teil? „Ich habe das von meinem Vater geerbet“, sagt er. Der hatte sich im Jahr 1961 auf die Spuren seiner Urgroßmutter Anna Katharina Nagel begeben, die 1857 in Kempten einen unehelichen Sohn namens Karl bekam. Die beiden zogen nach Isny, wo Anna Katharina Nagel als Köchin arbeitete und später heiratete. Der Stammbaum erweiterte sich, Nagel folgte den Ästen und Zweigen. Am Ende hatte er die Daten von 1500 Vorfahren erhoben. Doch damit nicht genug. Der ehemalige Produktmanager bei Alcatel ist hartnäckig. Da er bei der Suche nach den Vorfahren ja schon die 42 Kirchenbücher der St.-Mang-Kirchengemeinde fotografiert und ausgewertet hatte, machte er einfach weiter.
Frauen und Kinder im Blick
Es taten sich Verweise auf. Und wie das so ist beim Graben, man gerät immer tiefer. Er durchforstete die Kirchenbücher anderer Gemeinden und die Ratsprotokolle. Und bekam so Fleisch an die dürren Daten von Taufen, Geburten, Sterbedaten. Birgit Kata vom Stadtarchiv im Kempten begleitete ihn dabei. Und ist laut dem „Kreisboten Kempten“ voll des Lobes für das Werk. Insbesondere weil es auch die Frauen und Kinder in den Blickpunkt nehme. Geschichtsschreibung orientierte sich bis dato vor allem an den Männern. Frauen und Kinder galten als Beiwerk. Kaum erwähnt.
Bittere Schicksale
Auch ihnen spürte Nagel nach. Wer unehelich schwanger wurde, für den war eine „Laternenhochzeit“ das höchste der Gefühle. Heimlich, schnell und leise ohne Gottesdienst und Fest. Meistens aber verloren die Frauen ihre Stelle und wurden aus der Stadt gejagt. Die unehelichen Kinder starben meistens früh. Nagel habe auch als Erster die Schicksale der im Kindbett gestorbenen Frauen und dieser früh verstorbenen Kinder dokumentiert, betont Kata.
Wer bitte ist ein Querblitz?
Der Mittsiebziger Nagel überließ nichts dem Zufall, und ungelöste Rätsel nerven ihn. So stolperte er in einem Eintrag über einen jungen Mann namens Querblitz, der von der Alb nach Kempten gezogen war. Querblitz? Das kam ihm nicht Schwäbisch, sondern Spanisch vor. Täuschte der handschriftliche Eintrag? Oder hatte der Pfarrer sich verhört? War der Dialekt von der Alb doch zu krass? In Blaubeuren fand sich des Rätsels Lösung. Da gab es einen Wernitz, der Beziehungen nach Kempten hatte.
Ein Volksheld in Kempten
So führte ihn sein Weg auch immer wieder weg von der Reichsstadt. Dafür ist er zu neugierig. Und dafür war auch zum Beispiel die Geschichte des Pfarrers Primus Truber zu gut. Der in Unterkrain geborene Truber war zwischen 1553 und 1561 Pfarrer in Kempten, eigentlich außerhalb des erforschten Zeitraums. Aber Truber spielte während der Reformation eine äußerst wichtige Rolle. In seiner Zeit in Kempten übersetzte er das Neue Testament aus der Lutherbibel ins Slowenische. Er gilt als Begründer der slowenischen Schriftsprache, sein Konterfei findet sich auf der slowenischen Eineuromünze.
Der Kuttler wurde mal gebraucht
Abseits aller Berühmtheiten erfährt man auf den 1800 Seiten sehr viel über das Leben der normalen Menschen. Blättert man durch, bleibt der Blick hängen an Berufen, die längst verschwunden sind. Vom Nachtwächter haben wir alle schon gehört; was der Kuttler macht, kann sich ein Schwabe gut vorstellen, auch wenn man heute kaum noch Eingeweide wie Leber, Nieren und eben Kutteln isst. Dachräumer finden sich, Borstenmacher, Rotgerber, Sackträger, Aschehändler und auch Eisenbahnbremser. Ohne Rolf Nagel wäre das alles vergessen worden. Gut, dass manche Menschen Dinge tun, die anderen höchst merkwürdig scheinen.
Buch Rolf Nagel: „Familienbuch der Reichsstadt Kempten 1596–1825“, Schönstatt-Verlag, ISBN: 9 783 949 257 131, 140 Euro.