Unsere Praktikanten haben sich die neueste Trachtenmode zeigen lassen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Spitzenschürze, hochgeschlossene Bluse und Lederhose mit Württemberg-Wappen. Wir waren in zwei Stuttgarter Trachtengeschäften unterwegs und haben die aktuelle Trachtenmode selbst anprobiert.

Stuttgart - Trotz einiger Diskussionen um die kulturhistorische Definition von Dirndl und Lederhosen sind Trachten mittlerweile nicht mehr von der großen Sause auf dem Cannstatter Wasen wegzudenken. Zwar polarisiert die in Schwaben eingebürgerte Tracht, gewinnt unter den Besuchern des Volks- und Frühlingsfests aber mehr und mehr an Popularität. Wer mit Jeans, T-Shirt oder alltäglicher Bluse in den Stuttgarter Festzelten feiert, gehört an manchen Tagen schon fast zur Minderheit der bierseligen Masse.

Die Qual der Wahl: Edel oder günstig?

In vielen Stuttgarter Geschäften gibt es die traditionellen Trachten zu kaufen. Zu den ersten Läden in der Landeshauptstadt gehörte die Filiale des Wernauer Trachtenherstellers Krüger Dirndl in der Innenstadt. Neben Krüger verkauft auch das Warenhaus Galeria Kaufhof Trachtenmode zu etwas günstigeren Preisen.

Wir haben zuerst beim Trachtenspezialisten Krüger und dann bei der Warenhauskette Galeria Kaufhof vorbei geschaut und uns selbst mit der aktuellen Trendmode eingekleidet.

Mit Weste und Pumps: Der feine Wasen-Look

Simon Wörz: Ein prüfender Blick der Krüger-Mitarbeiterinnen Carmen Peter und Monika Müller genügt und die Basics für das erste Outfit sind gefunden. Etwas feiner und edel soll es sein. Ein weißes Hemd, wie es oftmals ältere Wasengänger bevorzugen, ist Pflicht. Das sitzt, obwohl eine Nummer kleiner als die Hemden in meinem Kleiderschrank, wirklich bequem. Tracht muss auch beim Mann passgenau und eher eng anliegen. Zumindest signalisieren mir das die gereichten Größen der Verkäuferinnen.

Die Kombination aus Trachtensocken aus Wolle und klassischen Haferlschuhen ist angenehm zu tragen, erst bei der Lederhose wird es zum ersten Mal kurz ungemütlich. Der Einstieg in das hochwertige Modell ist ein abwechselndes Zurren und Zerren bis alle Knöpfe und Schnallen an der richtigen Stelle sitzen. Die hellgraue Weste sorgt schließlich für den gewünschten Hingucker-Effekt. Das Highlight: Das schwarz-weiße Einstecktuch in der Brusttasche. Und falls auf dem Wasen mal ein Lüftchen geht, kommt die leichte Jacke im Reiter-Stil aus Viskose und Polyester wie gerufen.

Fazit: Die gelungene Melange aus konservativ und jugendlich.

Isabel Mayer: Die Damenabteilung von Krüger lässt Mädchenherzen höher schlagen. Auf den ersten Blick dominieren rosa, helle Blau- und Grüntöne und – der Klassiker – burgunderrot. Während ich noch überlege, welche Farbe am besten passt, ist Monika Müller schon zur Stelle und hat den perfekten Mix zusammengestellt.

Sie entscheidet sich für ein grünes Kleid mit hochgeschlossener Spitzenbluse und -schürze: „Spitze ist in dieser Saison sehr angesagt“, sagt die erfahrene Verkäuferin, „die Tracht wird wieder traditioneller.“ Abgerundet wird das Outfit mit cremefarbenen Accessoires und bestickten Pumps. Die Kombination ist perfekt – klassisch und dezent. Auch der Trend zur hochgeschlossenen Bluse sieht schick aus. Der einzige Nachteil sind die Schuhe. Obwohl sie perfekt zum Outfit passen, kommen sie sicher niemals sauber aus dem Bierzelt. Auch auf den obligatorischen Bierbank-Tanz müsste aus Gründen der Sicherheit verzichtet werden.

Fazit: „In dem Dirndl hättest du heiraten können“ heißt es später. So ähnlich habe ich mich auch bei der Anprobe gefühlt – ein Wasenerlebnis vom Allerfeinsten.

Württemberg-Shirt und kurze Hosen: Die junge Variante

Simon Wörz: Nach Aussage der Krüger-Verkäuferinnen entspricht dieses Outfit tendenziell eher meiner Altersgruppe. Ein einfaches T-Shirt und eine graue, etwas verwaschene Lederhose bis zu den Knien sind angesagt. Hirsch und Löwe, die Wappentiere des Königreich Württembergs, zieren mein trägerloses Beinkleid. Auf Bauchhöhe des Shirts steht der unter VfB-Fans bekannte Slogan „Furchtlos und treu“. Irgendwann erlösen mich die Verkäuferinnen von meiner dauernd herunter rutschenden Hose – vor der Anprobe habe ich gar nicht gewusst, dass es auf der Rückseite einen Hosenbund mit Bändeln gibt.

Das einfache T-Shirt mit Rundhals-Ausschnitt zeigt das Emblem noch einmal in Farbe. Die hellen Trachtenschuhe tausche ich gegen die robustere und schwarze Lederversion. Ein Pluspunkt ist die Bein- und Armfreiheit. Alternativ passt eine kuschlige, graufarbene Strickjacke zu dem Outfit. Natürlich nur für den Fall, dass dem inneren Kachelofen mal der lokalpatriotische Brennstoff ausgeht. Für Feuer sorgt auch die Unterwäsche im Württemberg-Style, die Krüger ebenfalls im Sortiment führt.

Fazit: „Ein Must-Have für alle, die sich die Tradition bewahren“, heißt es im Krüger Webshop. Dem gibt es wenig hinzuzufügen.

Isabel Mayer: Ich wollte schon immer mal eine Lederhose anprobieren. Doch was mir beim Volksfest an anderen Mädchen gefällt, scheint mir gar nicht zu stehen. Wie schon beim ersten Outfit sind die Farben perfekt aufeinander abgestimmt und die Bluse, die beim Lederhosen-Look „Mieder“ genannt werden, sitzt wie angegossen. Auch die Hose passt und ist überraschenderweise weder störrisch noch kratzig, sondern weich und bequem.

Fazit: Lederhosen für Frauen sind längst keine Neuheit mehr und können super aussehen.

Mit Stiefeln und Chucks: Die Mischung macht’s

Simon Wörz: Bei Galeria Kaufhof angekommen wird zunächst das Angebot sortiert. Die Beratung im Fachhandel fehlt. Nach kurzer Akklimatisierung und Verkaufsberatung fällt die Wahl auf eine helle Lederhose in unauffälliger Manier. Dazu kommt wieder ein schlichtes, aber stilvolles Langarmhemd in Weiß, dazu eine Weste. Etwas leichter, dunkelgrau und mit vielen kleinen Details an Kragen und Taschen – die Auserwählte gefällt und liegt locker auf den Schultern auf.

Die Trachtensocken unterscheiden sich nicht wirklich von dem Paar aus dem Fachgeschäft. Schnell wird klar: Die Schuhe werden bei diesem fast schon zurückhaltenden Outfit den Unterschied machen. Die Entscheidung fällt auf funktional anmutende Treter. Mit den alpinen Stiefeln sind die Treppen von dem Gleis am Cannstatter Bahnhof bis zum Wasengelände ein Kinderspiel. Zudem bleiben auch bei regnerischem Frühlingsfest-Wetter die Füße trocken.

Fazit: Rustikal und mit ländlichem Charme.

Isabel Mayer: Auch hier hält die Trachtenwelt allerlei verschiedene Farben und Stoffe bereit, die Auswahl an Trachtenkleidung ist riesig. Jede Farbe, sogar schwarze Dirndl hängen auf den Kleiderstangen. Ohne die passende Beratung fällt eine Auswahl jedoch zuerst schwer.

Tatsächlich findet sich eine passende Spitzenschürze an einem hellblauen Dirndl. Auch eine Bluse aus Spitze kommt mit in die Kabine. Sie ist zwar nicht so elegant wie die aus dem Fachgeschäft, aber Spitze scheint im Trend zu liegen. Das Ergebnis gefällt und sitzt gut am Körper. Passende Schuhe oder gar Pumps gibt es leider keine, also müssen die eigenen Chucks herhalten, was im Bierzelt sowieso passender zu sein scheint.

Fazit: Im direkten Vergleich mit der ursprünglichen Variante von Krüger wirkt die Spitze eher wie Omas Tischdecke. Trotzdem gefällt die Kombination und ein paar Euro werden ebenfalls eingespart.

Kariertes Hemd und Dirndl: Der Klassiker

Simon Wörz: Das letzte Outfit ist ein blau-weiß kariertes Trachtenhemd, dazu traditionelle Haferlschuhe und eine kurze dunkelbraune Lederhose rundet das stimmige Bild ab. „Hannes rehbraun“, heißt das Modell. Der Fokus liegt hier auf der silbernen Gürtelschnalle.

Die dunkle Steppweste schraubt den Wohlfühlfaktor merklich nach oben. Optisch wird sie durch große Goldköpfe und ebenfalls goldfarbene Nahtverläufe aufgewertet. Die Kombination sitzt wie angegossen.

Fazit: Es muss nicht immer ausgefallen sein. Die klassische Variante ist eine sichere Bank.

Isabel Mayer: Passend zu seinem blauen Hemd wird ein Dirndl in Marineblau angezogen. Doch welche Bluse? Eine Verkäuferin hilft bei der Entscheidung und schlägt die klassische Variante vor: weiß mit Puffärmelchen. Das sieht okay aus – mehr aber auch nicht. Doch es fehlt irgendwie das gewisse Etwas. Das Kleid ist etwas zu kurz und die Schürze ist langweilig.

Fazit: Perfekt für die Wasengaudi - die jugendliche Variante sieht gut aus, betont den weiblichen Körper und zeigt viel Bein – vielleicht etwas zu viel.

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