Markus Schwarz bei der Arbeit Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Mit einer neuen Technik lässt der Fotograf Markus Schwarz die Grenzen zwischen der Wirklichkeit und dem Künstlichen verschwimmen. Er lädt ein zum Rundgang durch Restaurants, Läden und Schulen.

Stuttgart - Es ist nicht echt. Aber es wirkt schon ziemlich echt. Die Grenzen zwischen der Wirklichkeit und dem Künstlichen verschwimmen. Kaum hat man die Tür geöffnet zum Clubrestaurant des VfB Stuttgart vergisst man, dass man sich inmitten eines Fotos bewegt. Da ruckelt nichts, man kann in jede Richtung gehen. Im Gastraum kann man die Fotos von Größen der Vereinshistorie bewundern, um die Empore in der Mitte herumschlendern, sich sogar die Espressomaschine hinter der Theke genauer betrachten. Rooom 360 nennt sich das, entwickelt von einer noch jungen Firma aus Jena in Thüringen. Preisgekrönt sind sie für ihre Produkte, die sich mit dem Erstellen von virtuellen Räumen beschäftigen.

 

Mit künstlichen Welten hat es der Stuttgarter Fotograf Markus Schwarz (50) normalerweise nicht so. „Ich hasse es wie die Pest, am Computer zu sitzen“, sagt er, „ich benutze keinen Fotoshop, keine Bildbearbeitung.“ Er hat sich auf monochrome Fotografie spezialisiert, Porträts, Akt und Straßenszenen. Monochrome Fotos bestehen aus der Abstufung einer einzigen Farbe. Mit seinen Bildern will er, wie er sagt, „den Augenblick einfangen“.

Anfrage aus Thüringen

Als also jemand aus Jena anrief und ihm vorschlug mit Rooom 360 Räume abzubilden, war er zunächst einmal skeptisch. „Als das Wort Panoramafotografie fiel“, sagt er, „war das Gespräch eigentlich schon beendet.“ Panoramafotografie, das war für ihn, den Puristen, Fotos digital zusammenzutackern, ungeliebte Arbeit am Computer halt. Doch der Anrufer blieb hartnäckig, glaubte, Schwarz sei der richtige Exklusivpartner für den Raum Stuttgart, schickte ihm Probematerial, Erkundungen etwa vom Optikmuseum in Jena. Und Schwarz ließ sich überzeugen. „Ich habe das angeschaut, und mir war klar: Das will ich machen.“

So steht der überzeugte Kickers-Fan nun im VfB-Restaurant mit seiner Kamera, einer 3500 Euro teuren Matterport Pro. Diese sieht aus wie eine große Polaroid-Kamera. Sie spuckt allerdings kein Foto aus, sondern Daten. Auf einem Stativ stehend, dreht sie sich einmal um die eigene Achse, erfasst etwa 25 Kubikmeter und sendet die Daten an eine App. Auf dieser nimmt der Raum langsam Gestalt an, die Konturen werden schärfer. Schließlich verschiebt Schwarz das Stativ, das Spiel beginnt von vorne. Nach einer Stunde hat die Kamera einen 100 Quadratmeter großen Raum erfasst. 290 Euro kostet das, zusätzlich kostet das Bereitstellen der Daten zwischen 9 und 29 Euro im Monat.

Restaurantbetreiber sind begeistert

Zu seiner Ehrenrettung muss man sagen, Schwarz fremdelt ein bisschen in Bad Cannstatt. „Ich hier im VfB-Restaurant, das geht eigentlich gar nicht“, sagt er und lacht. Zustande kam der Auftrag aber tatsächlich über eine Bekanntschaft von Degerlochs Höhen. Die Schräglage hat fünf Jahre lang die Kickers-Fans im Gazi-Stadion mit Essen und Trinken versorgt, bevor sie sich im Frühjahr des Clubrestaurants des VfB annahm. Man kannte sich also, und als Schwarz zeigte, was er mit seiner Kamera alles anstellen kann, waren Schräglage-Chef Heiko Grelle und Betriebsleiter Armen Shala begeistert.

Der Standort ist trotz des Blicks auf die Mercedes-Benz-Arena und das Mercedes-Museum ein schwieriger. „Wir liegen nicht zentral, haben keine Laufkundschaft“, sagt Shala. Man muss also Gäste locken. Auch wenn der VfB nicht spielt. Da soll nun der Rundgang helfen. „Wir haben oft Anfragen für Feiern“, denen könne man nun das Restaurant präsentieren. Mittels sogenannter Bildsichtpunkte könnte man in Zukunft, wenn denn Corona das Öffnen wieder erlaubt, in der Speisekarte blättern, oder direkt den Tisch reservieren. Shala: „Das bietet uns viele Möglichkeiten.“

Viele Anfragen

Die auch ein Bestattungsunternehmen und eine Boutique in Musberg, ein Automobilzulieferer in Böblingen und ein Anbieter von Büroräumen in Vahingen erkannt haben. Sowie der Rektor der Oskar-Schwenk-Schule in Waldenbuch. 750 Schüler gehen in die Grund- und Realschule. Dieser Tage hat Schwarz zwölf Räume fotografiert. Rektor Jan Stark: „Das gibt uns die Möglichkeit, uns digital zu präsentieren.“ Der Tag der offenen Tür im März werde sicher ausfallen, und so könne man sich Eltern und Schülern zeigen. „Wir brauchen uns ja nicht zu verstecken, das visuelle Erlebnis ist noch einmal ein ganz anderes.“ Das man nicht nur zur Präsentation nützen wolle. Man könne so Elternbriefe etwa im Klassenzimmer der Kinder hinterlegen, oder am Hausaufgabenbrett noch einmal die Hausaufgaben zum Abrufen bereitstellen. Ideen hat er viele, „aber klar ist, das ersetzt nie die Realität!“ Das braucht er Markus Schwarz nicht extra sagen.

Der hat am liebsten Menschen um sich herum. So hat der gelernte Kaufmann und Journalist einst in Schönaich ein Café und einen Kaffeehandel betrieben, bevor er sich der Fotografie zugewandt hat. Und wie gesagt, am liebsten fotografiert er in seinem Studio in Echterdingen Menschen. Derzeit Porträts von Menschen mit Masken.

Ein virtuelles Stadion?

Wenn ihm die Räume noch Zeit dafür lassen. Anfragen hat er viele. Etwa auch von den Ludwigsburger Basketballern. Die damit liebäugeln, die MHP-Arena von ihm erfassen zu lassen. Dann könnte man in der Halle herumspazieren, sich einen genehmen Sitzplatz suchen und per Mausklick gleich buchen. So was könnet er sich auch für ein Stadion vorstellen, sagt Schwarz. Und schaut auf die Mercedes-Benz-Arena. „Der erste digitale Rundgang durch ein Stadion, und das in Stuttgart, das wäre doch was“, sinniert er.

Natürlich denkt er dabei vor allem an ein anderes Stadion, eines in Degerloch. Und bei den Kickers ist man interessiert. Nur ist der Fußball-Oberligist leider klamm. Und zahlen muss man halt auch virtuelle Räume in echt.