Julia Schäuble mag die Gäste im Gradmann-Haus, und die demenziell erkrankten Gäste mögen die junge Frau. Foto:Lichtgut/Achim Zweygarth Foto:  

Die 24-jährige Julia Schäuble kümmert sich ehrenamtlich um Demenz-kranke. Deshalb wurde sie von einer Jury zur Stuttgarterin des Jahres gewählt.

Stuttgart - Es ist nicht so, dass Julia Schäuble nichts zu tun hätte. Im Herbst schließt sie ihr Studium ab, Deutsch und Englisch für das Lehramt. Sie kümmert sich um Freunde, Eltern, die Katze und den Nebenjob bei der Messe Stuttgart. Dazu all das, was für eine 24-Jährige auch nicht ganz unwichtig ist: Shoppen, Feiern, Reisen. Eines lässt sie sich trotzdem nicht nehmen: ihren Mittwochnachmittag mit den Gästen des Gradmann-Hauses in Kaltental. Das Altenpflegeheim der Evangelischen Gesellschaft ist speziell für Demenzkranke konzipiert. Wer es verlassen will, muss an einem Zahlenschloss die aktuelle Jahreszahl eintippen. So können die Mitarbeiter sicher sein, dass kein Gast unbemerkt verschwindet: Die Aufgabe am Schloss ist für die Bewohner unlösbar.

Durch einen Tipp ihrer Mutter kam Julia Schäuble vor fünf Jahren zum Gradmann-Haus. Eigentlich war die damals 19-Jährige nach dem Abitur auf Jobsuche, stellte aber schnell fest: Außer einer kleinen Aufwandsentschädigung gibt es hier nichts. Geblieben ist sie trotzdem. Seit rund fünf Jahren betreut sie ehrenamtlich Menschen, für die die Zeit stehen geblieben ist. Julia Schäuble taucht mit ihnen ab in die Vergangenheit, macht die Gedankensprünge zwischen den Jahrzehnten mit, die lichten Momente und die Albernheiten. Sie hat Beziehungen aufgebaut, um Verstorbene getrauert, neue Gäste begrüßt. „Ich empfinde das, was ich hier erlebe, als Bereicherung“, sagt sie.

Sie versucht, die Stimmung der Gäste zu erspüren

Es begann mit Einsätzen in den Semesterferien. Mal drei, mal sechs Wochen lang half sie in der stationären Wohngruppe aus. Wer hier lebt, ist darauf angewiesen, rund um die Uhr versorgt zu werden. Julia Schäuble richtete das Frühstück, kümmerte sich den Tag über um die Gäste, oft war sie von 7 bis 17 Uhr vor Ort.

„Weil meine Mutter in der Altenpflege arbeitet, wusste ich, was mich erwartet“, sagt sie. Trotzdem sei der Zustand einiger Menschen für sie ein Schock gewesen. „Aber nicht in dem Sinne, dass ich Mitleid hatte. Ich habe mich sofort gefragt: Was kann ich tun, um den Menschen zu zeigen, dass auch ihr Leben noch lebenswert ist?“ Eine Einstellung, die ihr den Titel „Stuttgarterin des Jahres“ einbrachte.

Julia Schäuble wurde am 21. März in den Wagenhallen für ihr ehrenamtliches Engagement geehrt. Die Stuttgarter Versicherungsgruppe und die Stuttgarter Zeitung hatten den mit je 3000 Euro dotierten Preis ausgelobt und an zehn Gewinner verliehen.

Im Oktober 2015 wechselte die Studentin von der stationären Pflege zur Tagesbetreuung. Zwölf Gäste reisen morgens an, bleiben bis zum Nachmittag, die Nächte verbringen sie daheim. Im Gradmann-Haus erwartet sie ein zweites Frühstück, Mittagessen und Kaffee. Wer kann und will, macht beim Programm der Ehrenamtlichen mit. Julia Schäuble versucht, ein Gefühl für Stimmung und Gesundheitszustand der Gäste zu bekommen. Dann geht es los, mal raus zum Spaziergang, mal Richtung Sitzecke. Bilder, Sprichwörter, Lieder – all das hilft, Erinnerungen an die Zeit vor der Demenz zu wecken. Klar ist aber auch: Wer nicht will oder kann, den lässt sie in Ruhe.

Das Wichtigste ist, niemals zu schweigen

„Wer Julia bei der Arbeit beobachtet, denkt, das sei alles kinderleicht“, sagt Johanna Berner, die Julia Schäuble als Stuttgarterin des Jahres vorgeschlagen hat. „Sie hat keine Scheu, auf Menschen zuzugehen und sucht immer die Herausforderung.“ Die 24-Jährige bewundert ihre Freundin dafür, wie sie Studium, Nebenjob und Ehrenamt unter einen Hut bekommt. Und sie ist froh, dass trotzdem Zeit für die Freundschaft bleibt. „Wenn wir zusammen sind, kommen wir vor drei Uhr nicht ins Bett, weil wir immer so viel zu bereden haben“, sagt Johanna Berner.

Dass Julia Schäuble gern und viel redet, hilft ihr auch bei den Begegnungen im Gradmann-Haus. Gespräche, Musik, Rätsel – was auch immer auf dem Programm steht: Das Wichtigste sei, niemals zu schweigen, sagt sie. „Man braucht Humor und Improvisationstalent, dann findet man immer ein Thema.“

Die Krankheit ist bei den Gästen unterschiedlich stark ausgeprägt, doch den Namen Julia haben bis zu ihrem nächsten Besuch alle wieder vergessen. „Ich stelle mich immer wieder aufs Neue vor“, sagt sie. Trotzdem spürt Julia Schäuble, dass ihre Schützlinge sie erkennen. „Es ist eine tiefere, emotionale Vertrautheit.“ Die äußert sich auch mal auf kuriose Art. „Manche verlieren die Distanz, umarmen einen, knutschen einen ab. Andere schreien herum und verwenden derbe Ausdrücke.“ Ein dickes Fell brauche man in jedem Fall.

Sie begegnet den Menschen mit Gedulf, Offenheit, Toleranz

Als Schülerin war Julia Schäuble einige Zeit Praktikantin in einem Kindergarten, betreute Schüler bei den Hausaufgaben. Erfahrungen, die ihr heute zugute kommen. „Die Demenzkranken verhalten sich teilweise wie Kinder“, sagt sie. Trotzdem sei es etwas völlig anderes, mit ihnen zu arbeiten. „Man muss ihre Biografie respektieren. Sie haben viel mehr erlebt als ich und wissen viel mehr. Sie können es nur nicht mehr abrufen.“

Sie begegnet den Menschen mit Geduld, Offenheit und Toleranz. Auch wenn es absurd wird, Gäste sie nach dem Weg zum Bahnhof fragen oder wissen wollen. ob sie schon wieder schwanger sei. Alles Quatsch, aber keinem der Mitarbeiter und Ehrenamtlichen käme in den Sinn, das auszusprechen. Wenn jemand etwas auf den Boden wirft, sagt Julia Schäuble: „Ist mir neulich auch passiert.“ Und lächelt.

„Wir tolerieren die Realität der Menschen“, sagt Carmen Spanisberger, die leitende Fachkraft der Tagesbetreuung. Es sei wichtig, flexibel auf die Gäste einzugehen. „Julia kann das so gut wie nur wenige in ihrem Alter.“ Überhaupt, das Alter. Mit ihren 24 Jahren tanzt Julia Schäuble aus der Reihe, die anderen Ehrenamtlichen im Haus sind Rentner.

Das Lob ist ihr unangenehm

Ohne freiwillige Helfer sei der Alltag kaum vorstellbar, sagt Carmen Spanisberger. „Solange niemand etwas tut, sitzen manche Gäste da wie in einem Wartezimmer. Aber dann kommt Julia.“ Der ist so viel Lob unangenehm. „Es gibt so viele Ehrenamtliche, die einen wichtigen Job machen, auch hier im Gradmann-Haus. Den Preis hätten andere genauso verdient gehabt“, sagt Julia Schäuble.

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