Aus der Zeit gefallene Wunderwelt: Rocio Aleman und Martí Fernández Paixà in Marcia Haydées „Dornröschen“ Foto: Stuttgarter Ballett

Mit einer neuen Besetzung hält das Stuttgarter Ballett „Dornröschen“ sehr jung. Rocio Aleman und Martí Fernández Paixà sind nicht nur ein strahlendes Hochzeitspaar, sondern lassen auch den Atem stocken.

Stuttgart - Es ist bereits die zehnte Vorstellung von „Dornröschen“ in dieser Saison, die das Stuttgarter Ballett am Wochenende tanzt; ausverkauft wie immer bei dieser Gelegenheit ist das Opernhaus. Es könnte also eine Routine-Angelegenheit für die Kompanie sein. Doch nach dreieinhalb Stunden nimmt das Publikum den Eindruck mit nach Hause, einem besonderen Abend beigewohnt zu haben. Tatsächlich gelingt es einer Riege junger Darsteller, von denen viele am Samstag in für sie neuen Rollen antreten, auch dem Zuschauer das Gefühl zu vermitteln, er schaue mit der Verblüffung des ersten Mals auf diesen Märchenort. Und so wirkt Marcia Haydées Inszenierung selbst nach 33 Jahren bis in die kleinste Nebenrolle hinein wie von Zauberhand beseelt, fügen sich Jürgen Roses Einfälle zu einem Rausch an Farben, Stoffen, Mustern.

Ganz direkt spricht diese aus der Zeit gefallene Wunderwelt, in der im Team der Feen jede mit einem eigenen, fein herausgearbeiteten Temperament dem Bösen Einhalt gebieten will, zu uns. Als Kind darf man mit Aurora und den Märchenfiguren bei der abschließenden Hochzeitsparty fiebern, als Teenager die sprunggewaltigen Prinzen bewundern, die leichtfüßig um Gunst und Hand der schönen Königstochter freien; mit zunehmender Lebenserfahrung wird man die Klugheit Marcia Haydées schätzen, die dem Bösen eine beeindruckende Hauptrolle zuschneiderte: Es ist dem Guten immer einen Schritt voraus.

Im Kraftfeld der Carabosse

Und tatsächlich agiert Alexander Mc Gowan, der erstmals die Rolle der Carabosse übernimmt, mit einer Souveränität, die keinen Zweifel daran lässt, dass dies die Figur ist, die hier die Fäden in der Hand hält. Die Drehungen und Sprünge, mit denen er die Taufe Auroras sprengt, sind von einer beeindruckend finsteren Eleganz und entwickeln ein Kraftfeld, mächtig angestachelt vom Staatsorchester unter James Tuggle, dem sich niemand entziehen kann. Zwischen den feinen, femininen Gesten und der maskulinen, lautlosen Sprungkraft baut der amerikanische Solist die größtmögliche Spannung auf und wirft sich mit einer Präsenz ins Geschehen, dass man meint, seine Carabosse fast sprechen zu hören.

Und doch kann auch diese schwarze Fee das Happy End nicht verhindern. Mit der mexikanischen Solistin Rocio Aleman und ihrem spanischen Kollegen Martí Fernández Paixà hat der Abend ein besonders strahlendes Hochzeitspaar; zum ersten Mal seit der Wiederaufnahme liegen die „Dornröschen“-Hauptrollen nicht in den Händen der Ersten Solisten. Die große Anmut, mit der Rocio Alemans Aurora die schwierigen Tempiwechsel und die technischen Herausforderungen dieser Rolle meistert, die Eleganz und Leichtigkeit, mit der Paixà sie dabei stützt und selbst groß herauskommt, lässt die beiden Momente vergessen, in denen die beiden Tänzer das Publikum an diesem Abend die Luft anhalten ließen.

Mit der Coolness eines Profis

Doch selbst dann, als die kniffligen Balancen im Rosen-Adagio die komplette Konzentration von Rocio Aleman forderten, behielt die Tänzerin ihr Lächeln und eine Ruhe, die ohne jegliches Zittern die feinen Linien ihrer Attituden in den Raum zeichnete. Und die Gelassenheit, mit der Paixà im zweiten Akt in traumhaft perfekten Sprüngen die Szene betritt und der Schwerkraft Schnippchen zu schlagen scheint, obwohl er mit Nasenbluten zu kämpfen hat, zeugt von der Coolness eines Profis – allein das war allen Applaus und alle Bravo-Rufe wert, die es am Ende für reichlich gab.

Sieben „Dornröschen“-Aufführungen folgen noch, am Ende der Spielzeit werden, auch bei einer Ballett-im-Park-Vorstellung am 25. Juli, insgesamt rund 30 000 Zuschauer in Marcia Haydées Märchenwelt entführt worden sein – am 26. Januar nochmals von Rocio Aleman, Martí Fernández Paixà und Alexander Mc Gowan.

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