Elisa Badenes und Ensemble in Kenneth MacMillans „Requiem“: Die Massenszene am Anfang beeindruckte 1976 bei der Premiere. Foto: Stuttgarter Ballett/Roman Novitzky

Mit „Remember Me“ erinnert das Stuttgarter Ballett an seinen Gründer John Cranko. Neben Crankos „Initialen“ wird auch das selten getanzte Stück: „Requiem“ gezeigt, mit dem sich Kenneth MacMillans vor einem zu früh verstorbenen Freund verbeugt. Ein Abend, den man nicht verpassen sollte.

Welche Kraft bringt Menschen zusammen, lässt sie ein Stück ihres Lebenswegs gemeinsam zurücklegen, trennt sie wieder? Darüber hat John Cranko in einem seiner letzten Ballette nachgedacht. Gesten der Zuwendung, die Widmung „für die Freunde Richard, Birgit, Marcia und Egon“: „Initialen R.B.M.E.“ lenkt bewusst den Blick auf die dem Signaturstück des Stuttgarter Balletts inhärente Botschaft und will nicht nur abstrakte Tanzkunst sein.

 

Auf die Bühne im Opernhaus kehrte es am Donnerstag anlässlich des 50. Todestags des Choreografen für den Ballettabend „Remember Me“ zurück. Mit dem „Requiem“ von Kenneth MacMillan ergibt sich ein vielschichtiger Blick auf das Thema Freundschaft, auf die Tiefe, aber auch auf die Verletzungen, die sie in ein Leben bringen kann.

1976, also drei Jahre nach Crankos überraschendem Tod, hatte sich MacMillan mit diesem Stück vor dem Freund aus Londoner Ballettschultagen posthum verbeugt; seine emotionale Wucht reißt auch bei der Wiederaufnahme fast ein halbes Jahrhundert später mit. 1970 hatte es zwischen den beiden Freunden wegen Budget- und Kostümfragen Verstimmungen gegeben; MacMillan war vor der Premiere seiner „Miss Julie“ aus Stuttgart abgereist und hatte Cranko nie wiedergesehen. So ist eine verpasste Aussöhnung der Filter, der das Pathos dieses „Requiems“ mildert.

Elisa Badenes legt ins Rückwärtstippeln allen Schmerz über eine Trennung

Jede Tänzergeneration muss sich diese Meisterwerke, inklusive des schwierigen Wegs der Kompanie zu ihnen, aufs Neue erschließen. Welche Tücken dabei lauern, ist offensichtlich. Groß besetzt und mit Brahms zweitem Klavierkonzert auch musikalisch komplex, erfordern die „Initialen“ in den Gruppenszenen eine Präzision, die sich vom perlenden Pianoklang nicht überrollen lässt. Gerade im zweiten, schnellen und leidenschaftlichen Satz ist da Luft nach oben – wie überhaupt Crankos trickreichen, verwickelten Hebungen nur mit Routine leicht von der Hand gehen und auch leicht aussehen.

„Einsamkeit, Freundschaft, Gemeinschaft: darum geht es.“ So hatte Richard Cragun einmal „Initialen“ zusammengefasst. Den Cragun gewidmeten ersten Satz tanzt nun Adhonay Soares da Silva, die vielen virtuosen Sprünge meistert der Brasilianer mit schöner Leichtigkeit. Der Heiterkeit aber, mit der er Tänzerglück zelebriert, hätte hier und da ein feiner Riss gutgetan, durch den die Endlichkeit dieses Zustands scheinen und diesem Part die nötige Tiefe geben kann. Matteo Miccini tanzt den letzten Satz Egon Madsens mit feinen gehockten Sprüngen. Die Gruppen, die ihn umgarnen, zaubern ihm ein breites Lächeln ins Gesicht, das kaum weichen will, wenn er zurückbleibt. So fehlt die richtige Dosis Melancholie, die Cranko - auf der Bühne umjubelt, im Privaten einsam – diesem Satz mitgab.

Vielleicht braucht man für „Initialen“ die Reife einer Elisa Badenes, die ins Rückwärtstippeln allen Schmerz über eine Trennung und die daraus erwachsende Distanz zu legen vermag. Friedemann Vogel ist der Tänzer an ihrer Seite, um im dritten, für Marcia Haydée entstandenen Satz von Beginn an das mögliche Scheitern in einer Begegnung mitschwingen zu lassen. Auch Anna Osadcenko gelingt in Birgit Keils Satz mit Jason Reilly und zwei weiteren Paaren ein schöner, stimmungsvoller Blick auf Teamgeist und die Energie, die daraus erwachsen kann.

MacMillans Kontrast aus fließenden und verzerrten Körpern überzeugt

Das Publikum ist kaum zu bremsen in seiner Freude über das Wiedersehen mit den selten getanzten Stücken. Vor allem MacMillans „Requiem“, mit Chor, Gesangssolisten und Orgelpart musikalisch anspruchsvoll, braucht einen Anlass, wie ihn nun Crankos 50. Todestag bietet. Im Normalbetrieb wäre das Gefühlsgewitter, das Zorn und Versöhnung, Trauer und Hoffnung entlädt, kaum so intensiv erlebbar. Das Staatsorchester, der Kammerchor Figure humaine, die Gesangssolisten Kiki Sirlantzi und Kabelo Lebyana, die Dirigent Mikhail Agrest zusammenführt, geben dem Tanz mit Faurés Totenmesse einen ungewöhnlich expressiven Rahmen.

Das ergreift von Beginn an, wenn Fäuste wütend nach oben gehen, wenn sich Körper zu einem Haufen ballen und eine Frau in Weiß auf ihren Händen wie eine Mittlerin zwischen Dies- und Jenseits emporheben. Elisa Badenes verkörpert diese Botin, im Duett mit Jason Reilly zitiert sie später Tanzmotive, die von Cranko stammen könnten. Den Schmerz über den Verlust eines Freundes und den Trost, den die Kunst spendet, packt MacMillan in Kontraste: fließende Bewegungen treffen auf verzerrte Körper, Soli stehen der Wucht geballter Leiber gegenüber.

Wie das Stuttgarter Ballett in „Remember Me“ aus der eigenen Geschichte, aber auch allgemein vom Menschsein erzählt, sollte man nicht verpassen.

Blick zurück und voraus

Titel
 In „Initialen R.B.M.E.“ sah ein New Yorker Ballettfan die Botschaft „Remember Me“ versteckt, wie Richard Cragun 2007 anmerkte: „Dieses Stück ist eine Art Souvenir John Crankos, es sagt eigentlich: Denkt an mich!“

Termine
  „Remember Me“ ist noch am 19., 20., 25. und 26. Juli zu sehen. Nächste Saison kehrt der Abend am 30. und 31. Oktober sowie vom 2. bis 4. November zurück.