Szene aus Marco Goeckes „Lucid Dream“ Foto: Stuttgarter Ballett

Welche Kompanie neben dem Stuttgarter Ballett kann mit solchen Pfunden wuchern? Gleich drei Hauschoreografen, die Ballettgeschichte schrieben und schreiben, versammelt der neue Abend „Forsythe / Goecke / Scholz“ im Stuttgarter Opernhaus. Spannung ist garantiert.

Stuttgart - Vielleicht kann man sich diesem Ballettabend so nähern: Indem man ihn als Weg versteht, der mit drei Stationen – „The second detail“ von William Forsythe, die „Siebte Sinfonie“ von Uwe Scholz und einer Uraufführung von Marco Goecke – nachzeichnet, wie der klassische Bühnentanz im 21. Jahrhundert angekommen ist. Meilensteine sind seine drei Stücke allemal, jedes auf seine Art. Doch Großes kann im Tanz nur entstehen, wenn man Menschen hinter sich hat, die künstlerischen Mut mittragen.

Wegeweisende Entscheidung für Marco Goecke

Und so gilt der Applaus auch den ­Ermöglichern: Stuttgarts langjähriger ­Ballettdirektorin Marcia Haydée, die viel Gespür für choreografisches Talent bewies – und die sich nun die Stuttgarter Premiere zu Recht nicht entgehen ließ. 1976 hatte sie den jungen Forsythe zum Hauschoreografen ernannt; 1980 machte sie Uwe Scholz zu ­seinem Nachfolger, da hatte der die Cranko-Schule gerade mal ein Jahr hinter sich. Vom Mut seiner Vorgängerin inspiriert war 2005 auch die Entscheidung Reid Andersons für Marco Goecke. Heute ist der aktuelle ­Stuttgarter Hauschoreograf für seine ­nervöse Bewegungssprache international ­bekannt, vor zehn Jahren war er ein eigenwilliger Außenseiter.

Eigenwillig bleiben Goeckes Stücke zum Glück, auch das neue. „Lucid Dream“ verstört, auch wenn das nervöse Flattern von Händen und Gesten in Stuttgart längst ­vertrauter Anblick sein müsste. Zwischen den beiden taghell ausgeleuchteten, vor ­Virtuosität glitzernden Ballettbrillanten von Forsythe und Scholz funkelt „Lucid Dream“ mit der geheimnisvollen Schwärze von Mondgestein. Vogelhaftes Rucken ­macht Goeckes elf Tänzer zu fremden ­Wesen, die in ihrer Andersartigkeit ­faszinieren.

Wachtraum der Höchstspannung

Ein Wachtraum, wie der Titel andeutet, ist die gewohnte Atmosphäre von Goeckes ­Balletten, alles Nachtstücke, weil sich im Dunkeln Ängste leichter offenbaren. Und doch sind die Gesten der Tänzer in „Lucid Dream“ hellwach; die verspielte, klein­teilige Nervosität ist schneidendem In­sistieren gewichen, das Ausprobieren der Selbstbehauptung eines Künstlers, der sich gefunden hat.

Aggressiv, rebellisch kann das sein. Dazu passt, dass zwei Tänzer sich frontal zum Publikum kehren, als sie „Lucid Dream“ ­eröffnen, dass lautes Atmen wie ein Blasen zum Angriff klingt. Doch ab und an endet der Aufruhr der Körper, die Marco Goecke wie Nachtmahre aus den Kulissen zaubert und zu schönen Gruppen stellt, in ver­söhnlichem Versinken im Tanz, der mit der Musik, ­Mahlers Zehnter, nicht gegen sie ­gedacht ist, der Finger zum Violinenzirpen zappeln lässt.

Präzise breitet das Staatsorchester, an diesem Abend durch den US-Amerikaner Kevin ­Rhodes als Gast dirigiert, Stimmungen aus. Ein Pas de deux von Constantine ­Allen und Agnes Su, der einzigen Frau in Goeckes Elf, lässt sich leise darauf ein, ­während Michaela Springer, die sich für die Tänzer schlichte schwarze Hosen ausgedacht hat, die Bühne mit einem Knalleffekt kleidet: Auch ihr halbtransparenter ­Vorhang aus zerknülltem Papier und ­Silberfolie macht „Lucid Dream“ zum Hingucker. Zwar geistern ein paar Soli zu viel durch ­diesen Wachtraum: Doch Roman ­Novitzkys Manegen sind so irre, Robert ­Robinson löst zuckende Hochspannung so wunderbar auf, dass man sich beim finalen „Pssst“ noch einmal an den Anfang des Traums wünscht.

Forsythe in beeindruckender Präzision

Goeckes Tanz ist Kampf, der innere ­Zerrissenheit nach außen kehrt. Forsythes Ballette sind Arbeit: Strammen Schrittes ­gehen die Tänzer in „The second detail“ an die Stelle, an der sie plötzlich in Aktion ­treten – und scheinen dabei immer unsichtbar die Ärmel aufzukrempeln; volle Aufmerksamkeit fordert auch Thom Willems hart rhythmisierter Percussionssound.

„The second detail“, 1991 von Reid ­Anderson für das damals von ihm geleitete kanadische Nationalballett in Auftrag ­gegeben und nun in seinem 20. Jahr in ­Stuttgart ihm nachgereist, zeigt Forsythes typische Ballettdekonstruktionen, allerdings in einer Light-Version; sanft deutet sich an, wie Bewegung wellenförmig Körper durchläuft und sie verbiegt. Hell ausgeleuchtet, hell gekleidet macht Forsythe ­Tänzer einmal nicht zu Athleten, sie sind eher Präsentatoren kostbar trainierter ­Körper, die in immer neuen Formationen und klassisch anmutenden Posen, die ­Damen auf Spitze, ausgestellt werden.

Das erklärt, warum so viele Kompanien dieses Stück tanzen wollen; nun lässt es auch 14 Stuttgarter Solisten fast zu gut aussehen. Spannung ins Spiel bringt eine Ruhezone mit 14 Hockern, das pulsierende Stop-and-go mit immer neuen Gruppengeometrien sowie eine unbändige Wilde (Agnes Su), ­deren Tanz so roh ist wie ihr von Issey ­Miyake aus einer Stoffbahn gerafftes Kleid.

Scholz „Siebte Sinfonie“ bleibt ein Fest

Scholz’ „Siebte Sinfonie“, 1991 für das Stuttgarter Ballett entstanden, will weder Arbeit noch Kampf sein, sondern Fest. Es ­erhöht die Verbindung von Tanz und Musik wie seine Ballerinen, die in die Luft ­geworfen oder Trophäen gleich hereingetragen werden. Natürlich hat auch ein hochmusikalischer Choreograf wie Uwe Scholz um jedes Stück gekämpft – und den Druck, den er auf sich lasten spürte, am Ende mit dem Leben bezahlt. Doch auf der Bühne ist davon nichts zu sehen, hier überträgt sich Beethovens siebte Sinfonie in Tanz, in Kaskaden ausgeschüttet.

Dass er sich nie verzettelt, dass er den Tanz selbstbewusst durchatmen lässt, dass er die Struktur von Musik sichtbar machen kann, macht Scholz zum Meister, der auch die Konfrontation mit den so gegenwärtigen Kämpfen eines Marco Goecke aushält. Und so entwickelt seine „Siebte Sinfonie“ in Stuttgart nach wie vor die nötige Energie, um Publikum und 24 Tänzer in helles ­Verzücken zu versetzen, allen voran Jason Reilly und Alicia Amatriain. Entsprechend groß war der Applaus am Ende, den sich ­Robert Robinson, Roman Novitzky, Agnes Su, Ludovico Pace und Louis Stiens besonders verdient hatten: Sie waren am Glücken von allen drei Stücken beteiligt.

Weitere Aufführungen im Februar und März sowie am 19. Juli. Karten unter ­Telefon 07 11 / 20 20 90 sowie unter www.stuttgarter-ballett.de.

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