Georgette Tsinguirides an ihrem Lieblingsort: Bei der Arbeit im Ballettsaal Foto: dpa

Nach mehr als siebzig Jahren Dienst am Tanz: Georgette Tsinguirides verabschiedet sich vom Stuttgarter Ballett.

Stuttgart - Rückenschmerzen? Bislang hatte Georgette Tsinguirides da keinen Grund zur Klage. Doch jetzt fasst sich die rüstige Dame ans Kreuz und verzieht angestrengt das Gesicht. Zu viele Umzugskartons, zu viel Papier, zu viel ungewohnte Arbeit. Nach fast einem halben Jahrhundert im selben Büro macht die 89-jährige Choreologin des Stuttgarter Balletts Kehraus; zum Ende der Spielzeit hat sich die Deutschgriechin offiziell von dem Haus verabschiedet, dem sie seit ihrer Kindheit verbunden war: Bereits als Siebenjährige nahm sie an den Württembergischen Staatstheatern Ballettunterricht, gleich nach dem Krieg erhielt sie hier ihr erstes Engagement als Tänzerin, 1957 adelte sie Nicolas Beriozoff zur Solistin, hier machte sie John Cranko zu seiner Assistentin, nachdem sie auf seinen Wunsch 1965 in London die von Rudolf Benesh entwickelte Ballettschrift studiert hatte.

„Dieses Büro habe ich nach meiner Rückkehr aus London bezogen“, sagt Georgette Tsinguirides. Man ahnt, welche Schätze hier lagerten und nun gesichtet und ins Archiv der Staatstheater umgezogen werden müssen. „Programm Tour Südamerika 1982“ steht auf einem Umschlag, der auf einem Stuhl wartet. Ein alter Notizzettel auf dem Schreibtisch nimmt Bezug auf John Crankos 1957 entstandenes Ballett „Pagodenprinz“. Die meisten Bilder an den Wänden sind zwar bereits verschwunden. Doch zwei hängen noch: eine Skizze für „The Lady and The Fool“, handsigniert vom dänischen Künstler Björn Wiinblad, der Crankos Ballett 1971 in Kopenhagen ausstattete; und eine Porträtfotografie John Crankos. „Die muss bleiben“, sagt Georgette Tsinguirides.

Sie steht Tamas Detrich zur Seite

Bleiben werden auch die vielen Meter an orangefarbenen Ordnern, in denen Georgette Tsinguirides’ Lebenswerk steckt. So gut wie alle Ballette John Crankos hat sie in der Benesh Notation dokumentiert, einer Ballettschrift, die jede Bewegung, auch die des kleinen Fingers, parallel zur musikalischen Partitur fixiert. Das Gedächtnis der Kompanie nennt man Georgette Tsinguirides deshalb oft - und für ein solches ist Ruhestand eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. „Ich habe mir gesagt, dass ich mit einer Neun vor dem Alter etwas kürzer treten will“, sagt die Rentnerin in spe, die am 27. Februar 2018 ihren 90. Geburtstag feiern wird. Mit dem anstehenden Intendantenwechsel habe ihre Entscheidung aber nichts zu tun, betont sie, im Gegenteil: „Ich finde es wunderbar, dass mit Tamas Detrich jemand aus dem Ensemble hier die Arbeit fortführt. Ich werde ihm immer zur Seite stehen, ohne Frage.“

In ihrer langen Laufbahn, die sie als Elevin unter Anneliese Mörike begann, wäre Tamas Detrich einfach ein weiterer Chef für Georgette Tsinguirides gewesen, der zehnte dann. Und egal ob sie wie früher Ballettmeister, Direktoren oder nun Intendanten heißen: Wichtig ist Georgette Tsinguirides, dass die spezielle Stuttgarter Atmosphäre erhalten bleibt. „Wichtig sind im Ballett natürlich technische Dinge“, sagt sie. „Aber ohne die menschlichen Zwischentöne geht gar nichts. Und ohne Liebe zueinander auch nicht.“ John Cranko habe das so gelebt. „Offenheit, Achtung voreinander, Respekt. Und Lachen. Was haben wir gelacht!“

Die „Spuren“ von Cranko müssen noch notiert werden

Man ahnt, dass Georgette Tsinguirides der Rückzug nicht leicht fallen wird. Und man ahnt, dass es kein kompletter Rückzug werden wird. „Es ist kein Abschied“, beschreibt sie ihre Gefühle. „Ich werde immer mit der Kompanie verbunden bleiben, für Premieren kommen.“ Gleich zu Beginn der nächsten Spielzeit steht „Cranko pur“ an. Klar, dass der Rat der Choreologin da gefragt sein wird, wenn es darum geht zu erspüren, was der Choreograf gemeint hat und was zwischen den Zeilen durchscheinen soll. Denn auch die Notation als ideale Version eines Balletts will mit Leben gefüllt sein. „Man muss aufpassen, dass Solisten nicht zu Schablonen von berühmten Vorbildern werden“, sagt Georgette Tsinguirides, die die Gefahr des Kopierens vor allem bei der Arbeit mit Videoaufnahmen gegeben sieht.

Ihr offizieller Abschied auf der großen Bühne des Opernhauses mit Luftballons, Rosen und Festschrift hat sie beeindruckt. Berührt hat sie der Aufwand, den die Kompanie mit Hilfe von Requisite und Maske heimlich hinter ihrem Rücken in einen Film für sie steckte, dessen Premiere mit einer Feier im Kammertheater begangen wurde. „Das war das schönste Geschenk. Alle haben mitgemacht und die verschiedenen Rollen aus Crankos Balletten herrlich komisch durcheinandergewirbelt.“

Durcheinandergewirbelt sind jetzt auch Leben und Emotionen von Georgette Tsinguirides. „Ich lasse erst mal alles auf mich zukommen“, sagt sie mit Blick auf den neuen Lebensabschitt. In ein Ruhestands-Loch fallen wird sie wohl nicht. Davor bewahrt sie Unerledigtes. Crankos „Spuren“ etwa, sein letztes Ballett, das sie als einziges noch nicht notiert hat. „Das würde ich gerne aus meinen alten Aufschrieben zusammenfriemeln, solange es mich noch gibt.“

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