„Mister 100 Prozent“: Tamas Detrich, Intendant des Stuttgarter Balletts Foto: lichtgut/Leif Piechowski

Die Kulturveranstalter dürfen wieder alle Plätze besetzen. Kommt das Publikum auch? Unsere Zeitung hat nachgefragt – bei Theatern, Museen und Konzertveranstaltern.

Was haben Eltern, die ihre Kinder in der Region Stuttgart zu Schwimmkursen anmelden wollen, mit Menschen gemeinsam, die Tickets für Vorstellungen des Stuttgarter Balletts erleben wollen? Hier (in der Anmeldung) wie da (in der Buchung) geht es um Sekunden. Mitunter entscheidet buchstäblich ein Wimpernschlag, ob es mit dem Schwimmen oder mit dem Ballettbesuch klappt.

 

100 Prozent Auslastung im Ballett

„Das ist aber ein schräger Vergleich“, lacht Marc-Oliver Hendriks. Doch den Sekundenentscheid über Karten für die Vorstellungen des Stuttgarter Balletts bestätigt der Geschäftsführende Intendant der Staatstheater Stuttgart zumindest indirekt: „Es stimmt“, sagt Hendriks, „wir sind im Ballett bei 100 Prozent Auslastung.“ Sprich: Alle Vorstellungen der Kompanie von Intendant Tamas Detrich sind ausverkauft – „und das ist natürlich großartig“, freut sich Ballett-Sprecherin Vivien Arnold.

Szene aus Stuttgarts neuer „Walküre“ Foto: ms

Ist die Kultur also raus aus dem Schatten der Pandemie und das Publikum zurück? Da bleibt Staatstheater-Mitlenker Hendriks denn doch vorsichtig: Man liege in der Oper (mit ebenfalls ausverkauften „Walküre“-Vorstellungen im Reigen der Neuinszenierung von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“) wie im Schauspiel bei „fünf bis zehn Prozent unter dem Stand aus der Vor-Corona-Zeit“.

Hoffnung bei den Konzertveranstaltern

Positiv formuliert, erreichen die Staatstheater Stuttgart 90 Prozent ihres Publikums der Vor-Corona-Zeit – ein Mutmacher auch für die vielen anderen großen und kleinen Kultureinrichtungen im Land? Bei im Vergleich zum Frühjahr 2019 immerhin „80 Prozent“ sieht sich die Staatsgalerie Stuttgart, ein Wert, der auch aus dem Landesmuseum Württemberg bestätigt wird. Wichtig auch diese Nachricht: „Die sogenannte ,No show‘-Rate derer, die trotz bereits gekaufter Karten nicht ins Konzert kommen, nahm über die letzten Wochen kontinuierlich ab“, sagt Michaela Russ von der Konzertagentur SKS Russ. Ein wichtiges positives Signal vor der Veröffentlichung der Programme für die Saison 2022/23.

Virtuosinnen am Klavier: Katia & Marielle Labèque Foto: courtesy kml

Die Rückmeldungen aus der Landeshauptstadt bestätigen sich im Land. „Wir liegen nach wie vor rund 25 Prozent unter den Besucherzahlen der Zeit vor Corona“, sagt etwa Claudia Emmert, Direktorin des Zeppelin-Museums in Friedrichshafen. Andere Zahlen aber steigen: „Die Ausstellung ,Beyond States‘ haben von Mai bis November 2020 66 574 Menschen gesehen“, sagt Emmert, „auf der zeitlich parallel eingerichteten Online-Plattform waren es 62 320 Besuche.“

Viel Rückenwind von der Politik

Spätestens hier wird die Frage, wie schnell die Kultur ihr Publikum zurückgewinnt, zu einer auch politischen Frage. Energisch drängte ja Petra Olschowski (Grüne), Staatssekretärin im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst, von 2016 an auf eine Digitaloffensive in den Kultureinrichtungen, um in einem zweiten Schritt übergreifende Kooperationen zu forcieren. Auf beides kann die Kultur im Land für ihren Neustart zurückgreifen.

Engagiert und fordernd: Kunststaatssekretärin Petra Olschowski Foto: mwk

In Friedrichshafen sendet das Zeppelin-Museum in Sachen Vernetzung und Offenheit noch ein besonderes Signal. Menschen mit ukrainischem Pass haben freien Eintritt, können so oft kommen und so lange bleiben, wie sie wollen. Mehr als 600 Geflüchtete aus der Ukraine leben aktuell in Friedrichshafen, mehr als 100 haben die Schau „Beziehungsstatus: Offen. Kunst und Literatur am Bodensee“ bereits gesehen, nutzen Sessel, Tische und Stühle, eine kleine Bibliothek sowie kostenlos nutzbares Internet. Das Museum als Bühne des Lebens – auch das macht Mut.

Hilfen für die Kultur

Die Landesregierung
hat seit Beginn der Pandemie mehr als 200 Millionen Euro investiert, um die Kunst- und Kulturlandschaft in Baden-Württemberg aufrechtzuerhalten. Das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst mit Ministerin Theresia Bauer (Grüne) und Staatssekretärin Petra Olschowski (Grüne) hat seit Frühsommer 2020 unter anderen die Hilfsprogramme „Kultur Sommer“, „Kunst trotz Abstand“, das „Soforthilfeprogramm für die Vereine der Breitenkultur“ und „Kultur nach Corona“ gestartet.

Nothilfefonds
des Landes zur Unterstützung von in der Pandemie in Existenznot geratene Kunst- und Kultureinrichtungen wird bis Ende 2022 verlängert. Zusätzlich startet in diesen Wochen eine mit 4,6 Millionen Euro dotierte weitere Förderrunde des Impulsprogramms „Kultur nach Corona“, um insbesondere nichtstaatliche Kultureinrichtungen beim Neustart unter neuen Bedingungen zu unterstützen.