Bleibt die Inzidenz stabil unter 100, kann das Bierfass angestochen werden. Foto: dpa/Andreas Gebert

Früher fuhren die Doppelkennzeichen nach Stuttgart – jetzt ist es genau anders herum. Wer ein frisch gezapftes Bier will, muss dorthin, wo die Inzidenzen niedriger sind. Die Provinz lebe hoch! Eine Glosse von Uwe Bogen.

Stuttgart - Viele Gründe gibt’s, warum Menschen belächelt oder verspottet werden. In Stuttgart hat bisher der Blick aufs Auto gereicht. Ein Doppelkennzeichen war immer gut für einen Gag.

Kolonnenweise fielen Doppelkennzeichen von BB über WN bis RT für aufregende Nächte auf der Theo Heuss ein. Dort fanden sie zwar keinen Parkplatz, sammelten dafür aber Souvenirs – Strafzettel. Das Doppelkennzeichen war ein Makel, entlarvte Landeier, weshalb sich die Träger von Einzelkennzeichen mit ihrem starken, allein gestellten S überlegen fühlten.

Nicht mehr verstohlen auf dem Mäuerchen hocken

So war das bisher. Doch in der Pandemie ist alles anders. Nun steuern Großstädter den ländlichen Raum an, weil sie endlich wieder ein frisch gezapftes Bier trinken und ihre Pizza nicht nur to go und verstohlen aus dem Karton auf einem Mäuerchen essen wollen.

„Wer da alles aus Stuttgart zu uns aus kommt“, sagt eine Kellnerin in Böblingen, „das ist der Hammer!“ Bei den Inzidenzen hinkt die Großstadt hinterher, weshalb die Lockerungen provinziell sind. Der Kreis Böblingen war fünf Tage in Folge stabil unter 100 und gewährt nun neue Freiheiten. Die Sehnsucht und der Bierdurst werden seit einigen Tagen nach langen Wochen des Verzichts in kleineren Städten gestillt. Stuttgart dagegen ist erst seit Dienstag unter der entscheidenden Marke, muss also noch warten, bis der Zapfhahn aufgeht.

„Es war so gut, als sei in Berlin die Mauer gefallen“

Eine Stuttgarter Männerclique hat sich frei genommen, ist morgens zum Schnelltesten gegangen. Mit negativem Ergebnis ging’s in der S-Bahn nach Böblingen, in den Mittelpunkt des Ausgehens. „Es war so gut, als wären wir in Berlin und die Mauer ist gefallen“, erzählt einer. Erst ging’s für ein Bier an den See, dann zum Italiener und am Ende in die Kneipe.

Wer hätte das gedacht? An Orten, von denen der Stuttgarter dachte, der Hund sei dort begraben, geht’s los. Die vermeintlichen Epizentren der Langeweile entpuppen sich als In-Plätze. Hoch lebe das Doppelkennzeichen!

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